Spionage : Liebesgrüße aus Moskau

Ein Ehepaar mit österreichischen Pässen steht als russisches Agentenduo in Deutschland vor Gericht.

Es ist der Stoff, aus dem Agententhriller sind: Als vermummte Beamte der GSG 9, des Sondereinsatzkommandos der deutschen Polizei, am 18. Oktober 2011 ein unscheinbares Häuschen im hessischen Marburg stürmen, ertappen sie Heidrun Anschlag gerade dabei, wie sie an ihrem Kurzwellengerät sitzt. Wie jeden Dienstag zur selben Zeit soll sie auch an diesem Tag Befehle aus der Geheimdienstzentrale in Moskau empfangen. Die damals 46-jährige Hausfrau ist eine mutmaßliche russische Spionin. Ihr 51-jähriger Gatte Andreas ebenso. Er wird zur selben Zeit in Balingen, 60 Kilometer südlich von Stuttgart, in der Zweitwohnung des Paares verhaftet. Der Verdacht: Seit Jahrzehnten sollen Herr und Frau Anschlag im Auftrag des Kremls den Westen auskundschaften – und dabei als österreichische Staatsbürger auftreten.

Angebliche Kinder österreichischer Emigranten

Schon in den dreißiger Jahren setzte der sowjetische Geheimdienst sogenannte Illegale ein, Agenten, die mit falscher Identität im Westen leben. Während des Kalten Krieges blühten Spionage und Gegenspionage, doch auch nach dem Ende der Sowjetunion spähen weiterhin Illegale für Moskau. Österreich war früher ebenso wie heute dafür ein beliebter Tummelplatz.

In der trüben Welt der Spionage werden ertappte Agenten häufig ausgetauscht, doch im Fall Anschlag scheiterten die Verhandlungen zwischen Berlin und Moskau. Im September 2012 erhob deshalb die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe Anklage gegen das Duo. Vom 15. Jänner an werden sich die beiden vor dem Oberlandesgericht Stuttgart verantworten müssen. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, einen zwischenzeitlich verhafteten Diplomaten aus den Niederlanden geführt zu haben, der Moskau Geheimdokumente von EU und Nato zugespielt haben soll. Mit ihrer vermeintlichen Agententätigkeit sollen Andreas und Heidrun, ihre echten Namen sind nach wie vor unbekannt, jährlich gemeinsam 100.000 Euro verdient haben.

Gleichzeitig wird ihnen auch eine sogenannte »mittelbare Falschbeurkundung« vorgeworfen. Das hat mit jenen Dokumenten zu tun, mit denen sich das Ehepaar stets als österreichische Staatsbürger ausgegeben hatte.

Zu Österreichern wurden die mutmaßlichen Spione auf verworrenen Wegen: 1984, so zitiert die Welt am Sonntag aus der Anklageschrift, seien für die zwei unabhängig voneinander Reisepässe in der Steiermark ausgestellt worden. Die beiden hatten dazu Geburtsurkunden verwendet, die beide als Kinder österreichischer Emigranten auswiesen: Andreas Anschlag, angeblich geboren am 6. Dezember 1959 in der argentinischen Kleinstadt Valentín Alsina, und Heidrun Freud, geboren am 4. Dezember 1965 im peruanischen Lima. Diese Biografie hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass damit auch ein eigenartiger Akzent erklärt werden konnte.

1988 zieht Andreas zunächst nach Aachen, zwei Jahre später folgt ihm Heidrun – Gorbatschows Perestroika tut den Aktivitäten der Auslandsabteilung des KGB keinen Abbruch. Ende 1991 wird der Nachrichtendienst zwar formal aufgelöst, seine ehemals erste Hauptabteilung lebt jedoch bis heute als Dienst für Außenaufklärung (SWR) weiter. Auch das traditionelle Programm für Illegale geht nach dem Ende der Sowjetunion munter weiter.

Noch vor der Auflösung des KGB heiraten der Maschinenbaustudent Andreas und die Hausfrau Heidrun am 6. September 1990 im pittoresken Altausee. Kein Zufall, denn das Ausseerland war seit der Nachkriegszeit in ein Geheimdienst-Mekka verwandelt worden; mit dem vermeintlichen Nazischatz im Toplitzsee schrieb man gar internationale Schlagzeilen.

Als die Anschlags einander das Jawort geben, lebt im Ort auch Wilhelm Höttl: Der ehemalige SS-Sturmbannführer und spätere Schuldirektor biederte sich nach dem Zweiten Weltkrieg bei fast jedem Geheimdienst an – schlussendlich landete er höchstwahrscheinlich auf einer sowjetischen Gehaltsliste. Gleich zwei Überläufer denunzierten ihn in den sechziger Jahren als hoch bezahlten Mitarbeiter des KGB.

Ein ehemaliger österreichischer SS-Mann als Doppelspion in Ankara

In Österreich konnten die Anschlags auf alte sowjetische Netzwerke zurückgreifen, die auch nach dem Kalten Krieg noch funktionierten. Ende der neunziger Jahre benötigt Andreas Anschlag aus unbekannten Gründen einen neuen Staatsbürgerschaftsnachweis. Im Schlepptau einer gewissen Helene Slavik aus Wien taucht er in der 500-Seelen-Gemeinde Wildalpen auf, einem weit abgelegenen Ort im Bezirk Liezen im bergigen Hochschwabgebiet. Seit vielen Jahren verbringt die etwa 70-jährige Witwe dort ihren Urlaub. Im Gemeindeamt verwendet sie sich für Andreas Anschlag und bittet um Hilfe. Obwohl formal nicht zuständig, stellt der damalige Amtsleiter einen österreichischen Staatsbürgerschaftsnachweis aus: Er sei mit gefälschten Dokumenten getäuscht worden, sagt er Jahre später.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ja doch, Januar.

Ich dachte, alle Deutschen seien quasi Weltbürger? Noch nie in Süddeutschland oder Österreich gewesen? Auch im Duden würden Sie diese Bezeichnung für den ersten Monat des Jahres finden. Und... manmuss nicht unbedingt kopieren. Es könnte sich auch um einen österreichischen Autoren handeln:

Herwig G. Höller(geboren 1974) hat Physik und Slawistik in Graz und in Moskau studiert. Er unterrichtet Landeskunde am Institut für Slawistik der Grazer Uni. Außerdem ist er als Journalist und Publizist für zahlreiche Medien tätig. Er war Mitglied der Redaktion des „Falter“ in der Steiermark, schreibt für die Österreich-Seiten der „Zeit“ und für „Dnevnik“.

Transparenter toter Briefkasten

Ich weiß nicht, warum Youtube so viel mehr Vertrauen beim SFB genießt als Facebook. Vielleicht wollen die Russen ihre Führungsoffiziere nicht mit Foto ins Netz stellen, vielleicht erscheint es ihnen unauffälliger, wenn ein Ministeriumsmitarbeiter ein paar Youtube-Kanäle im Abonnement hat; wir wissen ja jetzt, was dem Durchschnittsbeamten den Schlaf raubt:

http://www.heise.de/newst...

Gegen die eifrige Torrent-Nutzung ist so ein Youtube-Abo doch dezent. Und es ist ein bemerkenswert transparentes Verfahren! Jede Hierarchieebene im SFB kann mitlesen, niemand muss Zusammenfassungen vertrauen. Ich bin neidisch; ob der Verfassungsschutz das demnächst auch kopiert? Lasst uns doch mal nachschauen, was der Apfel und der Pastörs nachts so in die Tastatur hacken; wenn die auf Youtube aktiv kommentieren, weiß man gleich, wie's mit dem NPD-Verbotsverfahren ausgeht. Jungs, Mädels, sind wir nett und stecken es dem Friedrich?