Brüderle und Lafontaine"Morgens um vier waren wir beim Du"

Der FDP-Veteran Rainer Brüderle und der Linken-Politiker Oskar Lafontaine über Freundschaft in der Politik und wie der eine die Partei des anderen retten würde von  und

DIE ZEIT: Herr Lafontaine , wie lange hält Rainer Brüderle es noch aus, nicht Vorsitzender der FDP zu sein?

Oskar Lafontaine:(überlegt lange)

Rainer Brüderle: Also ...

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ZEIT:Herr Lafontaine ?

Lafontaine: Wenn die FDP nicht bald zulegt, wird es wohl nach der Niedersachsen-Wahl Mitte Januar einen Wechsel an der Spitze geben. Und dann wird Rainer Brüderle ranmüssen. Ich zweifle aber, ob ich ihm das wünschen soll.

ZEIT: Weil er zu sympathisch ist, als dass man ihm die FDP an den Hals wünschen sollte?

Lafontaine: Der Parteivorsitz ist ein äußerst schwieriges und sehr belastendes Amt. Ich habe zwei Parteien geführt, ich bin da gewissermaßen Experte. Jeder muss sich überlegen, ob er so eine Aufgabe übernimmt. Aber um Rainer Brüderle die Zukunft nicht ganz zu verbauen: Jung genug dafür wäre er. Ich habe kürzlich gesehen, wie Mick Jagger noch seine Show abzieht. Wenn ein 69-Jähriger die Bühne rocken kann, dann kann ein 67-Jähriger sicherlich die FDP führen.

Rainer Brüderle

Rainer Brüderle, 67, war elf Jahre lang Wirtschaftsminister in Mainz und zwischen 1995 und 2011 stellvertretender FDP-Chef. Von Oktober 2009 bis Mai 2011 übte er seinen Traumjob als Bundeswirtschaftsminister aus. Mit dem Sturz Westerwelles wechselte er auf den Vorsitz der Bundestagsfraktion.

Oskar Lafontaine

Oskar Lafontaines Karriere begann als Oberbürgermeister von Saarbrücken. 1985 wurde er Ministerpräsident des Saarlandes, 1990 war er Kanzlerkandidat der SPD. Als einziger aktiver Politiker saß Lafontaine zwei Parteien vor: der SPD von 1995 bis 1999, der Linken zwischen 2007 und 2010. Heute ist er Oppositionsführer im saarländischen Landtag.

ZEIT: Herr Brüderle, wie lange halten Sie es noch aus, nicht Vorsitzender der FDP zu sein?

Brüderle:(lacht) Mindestens die nächsten 50 Jahre. Ich bin bereits Vorsitzender – der FDP-Bundestagsfraktion.

Lafontaine: Man stützt einen Vorsitzenden, oder man stürzt ihn. Das ist eine bittere politische Wahrheit, aber so ist es nun mal. Und wenn man einen Wechsel an der Spitze will, dann muss man ihn eben durchführen. Darüber zu quatschen oder in illustrer Runde ständig über »den da« herzuziehen, schadet nicht nur dem Vorsitzenden, sondern der ganzen Partei.

ZEIT: Wie wird man einen ungeliebten Parteivorsitzenden los?

Lafontaine: Na ja, ich habe mal eine Rede gehalten ... Das war allerdings – im Gegensatz zu dem, was öffentlich immer behauptet wird – kein geplanter Putsch. Sie führte bloß dazu, dass die SPD einen neuen Mann an ihrer Spitze wollte. Ob Rainer Brüderle sich daran orientieren wird, muss er selbst wissen.

ZEIT: Werden Sie, Herr Brüderle? Beim Dreikönigstreffen am 6. Januar reden Sie ja.

Brüderle: Ich muss Sie enttäuschen: Ich unterstütze Philipp Rösler als Vorsitzenden meiner Partei, und ich werde das auch nach der Landtagswahl in Niedersachsen am 20. Januar tun.

Leserkommentare
  1. Waren Beide nüchtern ?

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    >> Waren Beide nüchtern ? <<

    ... nicht, was ich vorbildlich finde. Rotwein eint ungemein - vorausgesetzt, man schüttet ihn in angemessener Dosierung in einen halbwegs klugen Kopf.

    Letzteres wäre mir jetzt zu Brüderle spontan zwar nicht eingefallen, aber vielleicht war ich immer zu nüchtern, wenn ich ihn reden hörte ;-)

  2. >> Waren Beide nüchtern ? <<

    ... nicht, was ich vorbildlich finde. Rotwein eint ungemein - vorausgesetzt, man schüttet ihn in angemessener Dosierung in einen halbwegs klugen Kopf.

    Letzteres wäre mir jetzt zu Brüderle spontan zwar nicht eingefallen, aber vielleicht war ich immer zu nüchtern, wenn ich ihn reden hörte ;-)

    2 Leserempfehlungen
    • HeidiS
    • 27. Dezember 2012 15:53 Uhr

    Beckstein und Roth – auch schon beim 'Du'. Die Politik hält noch Überraschungen für uns bereit.

    • Spieler
    • 27. Dezember 2012 15:55 Uhr

    "Rot-Grün und Schwarz-Rot haben Zeit verschlafen. Es widerspricht jedem Gerechtigkeitsempfinden, wenn Gewinne systematisch privatisiert und Verluste sozialisiert werden." (~Rainer Brüderle, Seite 4 oben)

    Es ist ja nicht so, dass die FDP damals unter der großen Koalition ohne Not für die "Bankenrettung" gestimmt hätte!

    Siehe dazu http://lobbypedia.de/inde....

    Schön auch das folgende Zitat von Guido Westerwelle zu diesem Thema:

    "Dieses Paket schützt nicht Banken und auch nicht irgendeinen Aktienkurs, sondern die Bürgerinnen und Bürger. Es schützt die Rentnerinnen und Rentner. Es schützt die Mittelständler.

    (Zu finden über http://lobbypedia.de/inde...)

    Dann trägt die derzeit mitreagierende (sic!) FDP die zahlreichen Maßnahmen zur Bekämpfung der sog. "Eurokrise" ja auch nicht mit, hat diese also auch nicht mit zu verantworten, nicht wahr? Dabei behaupten ja böse Zungen es gäbe überhaupt keine Eurokrise, sondern nur eine fortgeführte Bankenkrise und bei dieser Umbenennung handele es sich um einen genialen PR - Coup seitens der Bankenvertreter, siehe dazu http://www.cicero.de/kapi....

    Trotz dieses Zitats von Rainer Brüderle aber vielen Dank für das Interview.

    6 Leserempfehlungen
  3. [Es ist ja nicht so, dass die FDP damals unter der großen Koalition ohne Not für die "Bankenrettung" gestimmt hätte!]

    Die FDP hat richtigerweise für die Bankenrettung gestimmt, weil eine Reihe großer Bankenpleiten vermutlich furchtbare Folgen gehabt hätte. Das ändert nichts daran, dass die Worte von Herrn Brüderle richtig sind und eine solche Bankenrettung gegen elementare (Gerechtigkeitsvorstellunegn und auch gegen Grundprinzipien der Marktwirtschaft) verstößt und eine Wiederholung deswegen verhindert werden muss.

    Nur Fanatiker hätten eine Katastrophe inkauf. Das Verhalten der FDP war deshalb richtig und der Notwendigkeit geschuldet. Aber natürlich muss es Anliegen einer liberalen Partei sein, dass die Notwendigkeit zum Retten schlecht wirtschaftender Unternehmen in Zukunft nicht wieder auftritt.

    3 Leserempfehlungen
    • Infamia
    • 27. Dezember 2012 17:48 Uhr

    Kluge Menschen sind in der Lage, Privates vom Politischen zu trennen. Insofern fand ich dieses Interview eine wohltuende Abwechslung zu dem Einheitsbrei, der uns sonst in politischen Talk-Shows geboten wird, wo die Fronten schon vor Sendebeginn klar sind.

    Und es hilft vielleicht dabei, das ein oder andere Vorurteil, was man von einem Menschen (hier Brüderle und Lafontaine) hat, zu relativieren. Am Ende sind es auch nur Menschen, die gewisse Überzeugungen haben.

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  • Schlagworte Helmut Kohl | Oskar Lafontaine | Rainer Brüderle | FDP | Die Linke | SPD
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