Trendforschung : Drei Farben Grün

Was trägt der Zeitgeist 2013? Die Firma Pantone hat entschieden – und alle Welt folgt.
Ein smaragdgrünes Kleid aus der Gucci-Kollektion für Sommer 2013 © Vittorio Zunino Celotto/Getty Images

Worauf es im neuen Jahr ankomme, verkündet Leatrice Eiseman, sei die Balance. In der Ernährung, bei der Bewegung, beim Arbeiten, beim Spielen, bei all diesen wunderbaren Dingen gehe es doch schließlich immer um Ausgeglichenheit. Die adrette Frau mit der Hillary-Clinton-Frisur strahlt. Als hätte jemand bei einer Kassette auf Play gedrückt, philosophiert Leatrice Eiseman im Tonfall kontrollierter Dauereuphorie, wie sie nur amerikanische Werbesendungen hervorbringen können, minutenlang weiter vor sich hin.

Emerald, Smaragdgrün, sei die Farbe für das Jahr 2013 – neben Blau der Ton, den das menschliche Auge am meisten und am liebsten betrachte, da er so oft in der Natur vorkomme. Aus ihm schöpften wir Ruhe, Kraft, das sichere Gefühl von Einheitlichkeit. Balance eben.

Wer bisher meinte, die Frage der Couleur sei eine des individuellen Geschmacks, kennt Frau Eiseman, von Beruf Farbdirektorin, und ihre Firma Pantone nicht. Das »Color Institute« aus New Jersey mischt, erfindet und vertreibt Farben weltweit. Das, was Geschäftsführerin Eiseman als forecast vorträgt, hat mit den vagen Vorhersagen einer Wetterstation ebenso wenig zu tun wie das Geschwurbel von Frauenzeitschriften, wenn es um Horoskope oder Modetrends geht. Die im Dezember veröffentlichte Farbpalette ist keine Vermutung darüber, wie die nächste Saison aussehen wird, es ist eine Satzung. Und dabei geht es um weit mehr als um den aktuellen Tuschkasten, aus dem sich Mode und Design bedienen. Es geht um globale ästhetische Trends, um das, was wir alle im nächsten Jahr sehen, kaufen und tragen werden. Und auch dieses Mal haben Leatrice Eiseman und ihre Kollegen eine eindeutige Entscheidung getroffen: 2013 wird grün.

Pantone scheint das zu bestimmen, was uns umgibt

Kaum war Emerald, die Farbe mit dem Code 17-5641, vorgestellt, sah man sie überall. Ein je nach Material kühl schimmerndes, mal an einen alternden Adventskranz erinnerndes, mal eher sattes oder auch ins Türkis tendierendes Grün. Auf den Vorschauen der New York Fashion Week für den Frühling, am Körper von Kate Middleton oder Angelina Jolie, die das Grün schon einmal auf dem roten Teppich testete, und in den Verlobungsringen der Marke Tiffany – alles nur Zufall? Es reicht, einen Pantone-Farbfächer an Markenlogos, Modekataloge und Werbebilder anzulegen: Die Farben, die Konzerne wie Puma, Lufthansa, Starbuck’s, Prada, Milka oder BIC, der weltweit an jeder Tankstelle Feuerzeuge verkauft, seit Jahren benutzen, gleichen exakt denen der Regenbogenpapiere von Pantone. Wie eine stille, graue Eminenz scheint das Unternehmen mit seinen bunten Prophezeiungen das zu bestimmen, was uns umgibt. Mode-, Automobil-, Design-, Möbel-, Innenausstatter- und Lifestyle-Industrie lassen sich gerne lenken. Und sogar die Firma Pantone selbst produziert nun Tassen, Smartphone-Hüllen und Notizblöcke, immer auf den Spuren dessen, was ihre eigenen Trendscouts in Nachtclubs, YouTube-Clips und kleinen Magazinen an Neuestem und Angesagtestem herausfiltern.

Am Anfang, in den Sechzigern, war Pantone einfach nur eine Firma, die Farben mixte. Die sich darauf spezialisierte, nicht nur eine Rezeptur aus den vier Grundfarben Cyan, Magenta, Schwarz und Gelb anzugeben, die beim Zusammenbrauen immer wieder variiert, sondern eigene, unverwechselbare Farben zu kreieren, die durch Unterkategorien sogar noch den Papierstoff berücksichtigten, auf den man sie druckt. Die Farben aus dem Pantone Matching System, so lautet das Erfolgskonzept, sehen überall genau gleich aus. Eine Art Sprachcode für Designer und Grafiker weltweit. Seit einigen Jahren geht Pantone jedoch noch weiter. Nun annonciert Leatrice Eiseman, die Königin der Farben, deren Schal seltsamerweise nicht grün, sondern verdächtig nach Nectarine, einem der attention getter 2013, aussieht, Trends. Und die ganze Welt folgt. Oder ist es doch andersherum?

War es am Ende, lange bevor er sich Firmen wie Pantone als seine Boten wählte, nicht eigentlich immer nur der allmächtige Zeitgeist, dieses nebulöse Etwas, dessen Träger wir alle sind, der sich eigenständig aussuchte, in welches Farbtöpfchen er seinen Pinsel tunkt, um sich in die Geschichte einzutragen? Launisch ließ er seit je die Menschen Trends, Moden und damit auch immer Farben peinlich finden, die gestern noch angesagt waren, ließ uns vor Abscheu erschaudern vor etwas, was morgen schon wieder Avantgarde sein würde. Dass der Barock schwer purpurn, der Rokoko kapriziös gelb, die Siebziger scheußlich orange, die Achtziger schrill neon und schillernd silber waren, scheint aus späterer Perspektive einleuchtend. Doch es ist ein Deutungsspiel für ex post – in der Gegenwart fühlt sich das, was sich als später als typische, als logische Farben für spezifische Epochen bestimmen lässt, schlicht normal und geschmackvoll an.

Tangerine Tango war ein energy boost für die Welt

Blickt man zurück auf die Farbfächer der letzten Jahre, trifft man auf Chilly Pepper, Blue Iris, Mimosa. Namen, die klingen wie eine Aufreihung jüngster Extravaganzen, die sich Hollywood-Paare für ihre Kinder ausdenken. Als Farben markieren sie allerdings vor allem eines: ein Zeitalter der Blassen. Viele der Pastellfarben der späten 2000er erinnern an die fünfziger Jahre. Eine Suche nach Sicherheit im Kapitalismus? Der Rückzug ins Private? Erst seit 2010 scheint der Trend wieder zu brechen. Honeysuckle, eine Art Pink, wurde 2012 von Tangerine Tango, einem knalligen Rot, abgelöst. Es sei, laut Pantone, der energy boost gewesen, den die Welt gebraucht habe, um sich wieder aufzuladen und nach vorn zu sehen. Springt also jetzt das Licht nach Gelb und Rot um auf Grün? Gibt es Hoffnung für das neue Jahr zwischen Finanzkrise, Klimawandel, Individualisierung, Internet? Geht es hinaus in die Natur, ins Grüne, als Aufbruch, Ausbruch – oder doch Rückzug? Niemand weiß es weniger als wir, die Zeitgenossen. Keine Firma der Welt kann den Ton ihrer Produkte, kein Mensch die Farbe seiner eigenen Epoche bis in ihre letzten Schattierungen hinein verstehen. Wir alle können sie nur tragen. Und versuchen, dabei die Balance zu halten, ganz in Grün.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

na denn ..

wenn die Damen rumlaufen wollen wie ein patinierter Dorfkirchturm - bitte. Solch Farbgebung muss ja nicht jedem gefallen.

Was mich aber immer wieder verwundert: Irgendeiner kommt daher, setzt eine Trend-Duftmarke und die halbe Welt rennt hinterher. Ob Modescheusslichkeit, Elektronikspielzeug, Kosmetikpampe - alle müssen's wie ferngesteuert haben.

Die Psychologie der Masse ist das eigentlich Interessante bei so Themen. Unsere Merkel hat das gut verinnerlicht - die kann dem Volk auch verkaufen, was sie will und das findet's gut - inklusive sie selbst. [...]

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende Aussagen. Danke, die Redaktion/jp

Diese Farbe wurde im letzten Jahr zu einem Rock...

wunderbare Form, tolles Material und gute Paßform... ich versuchte ihn mehrmals zu tragen, erinnerte mich aber jedes Mal daran, dass die OP-Ausstattung so aussah, als ich mein Kind dort lassen mußte und wartete, ohne zu wissen, wie es ausgeht.

Und so habe ich einen Rock in smaragd, den ich nicht ansehen kann, ohne mich schlecht zu fühlen.

Aber wer weiß, vielleicht überwinde ich den Gedanken noch und habe modischen Spass daran.