Schriftstellerin Esther Vilar"Ich explodiere mehr nach innen"

Mit ihrem Buch "Der dressierte Mann" machte sich Esther Vilar viele Feinde – doch sie gab das Schreiben nicht auf. von 

ZEITmagazin: Frau Vilar, in Ihrem Buch Der dressierte Mann, das 1971 erschien, vertraten Sie die These, nicht die Frauen, sondern die Männer seien das unterdrückte Geschlecht. So haben Sie Feministinnen zur Weißglut gebracht.

Esther Vilar: Das kann man wohl sagen. Es gab Morddrohungen, ich musste mit Polizeischutz zu Lesungen gehen, und Feministinnen attackierten mein Haus. Ich bin eher ein zurückhaltender Mensch und möchte lieber anonym leben, aber dieses Buch hatte mich über Nacht bekannt gemacht. Die Leute erkannten mich auf der Straße und griffen mich an.

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ZEITmagazin: Unvergesslich ist jene Fernsehsendung von 1975, in der Sie mit Alice Schwarzer diskutierten. Frau Schwarzer war wütend.

Vilar: Ja, das hat mich auch erstaunt.

ZEITmagazin: Es brachte Sie nicht aus der Fassung?

Esther Vilar

77, wurde in Buenos Aires geboren. Sie studierte Medizin und arbeitete als Ärztin, bis sie 1960 mit einem Stipendium nach Deutschland kam und mit dem Schreiben begann. Esther Vilar lebte unter anderem in München, heute wohnt sie als Autorin in London.

Vilar: Laut zu reagieren macht keinen Sinn. Bei niemandem. Ich hatte über mein Buch in vielen Ländern diskutiert, so hatte ich Routine im Ruhigbleiben. Ich explodiere mehr nach innen.

ZEITmagazin: Umreißen Sie für die Jüngeren noch einmal Ihre Position in dieser Debatte!

Vilar: Ich fand es nicht logisch, dass wir Frauen dauernd ein Geschlecht beschimpften, das sein ganzes Leben darauf ausrichtet, einen Beruf zu erlernen, um mit diesem Beruf dann für uns und unsere Kinder zu sorgen. Da lief etwas falsch. Dabei sind es die Frauen, die über die Rollenmuster der Geschlechter entscheiden, denn bei ihnen liegt die Erziehung, die frühe Prägung. Es ging gegen meine Würde, dass wir Frauen uns zu Opfern stilisierten.

ZEITmagazin: Was Sie damals schrieben, klingt heute ziemlich drastisch: »Der Mann fühlt sich nur als Sklave geborgen. Er braucht die Frau, um sich zu unterwerfen.« Sehen Sie das immer noch so?

Vilar: Ja, und das ist nur ein Beispiel für unsere Lust an der Unfreiheit – mein großes Thema. Wir tun alles, um unsere Freiheit loszuwerden. Wenn eine Liebe endet, suchen wir die nächste, um uns darin aufzugeben. Wir machen lieber andere für uns verantwortlich.

ZEITmagazin: Ganz aktuell sind diese Probleme aber inzwischen nicht mehr.

Vilar: Ein Teil hat sich erledigt, seit mehr Frauen berufstätig sind. Nur, unter diesen berufstätigen Frauen bin ich noch keiner begegnet, die bereit wäre, von ihrem Gehalt, wie das Männer immer tun, ihren Partner und ihre Kinder zu ernähren. Ein Leben lang. Da erwartet man noch immer vom Mann 100 Prozent und von Frauen fast nichts.

ZEITmagazin: Alice Schwarzer hielt Sie für eine Verräterin. Dabei sahen Sie sich selbst als Feministin.

Vilar: Ich habe nie dafür gekämpft, dass die Frauen an den Herd zurückkehren. Ich wollte Arbeitszeitmodelle einführen, die es beiden Geschlechtern erlauben, zu arbeiten und Zeit zum Leben zu haben. Kürzere Arbeitszeiten, aber Arbeit für alle: Das wäre für beide Seiten das Beste. Nur dass die Männer, die darauf dressiert worden sind, zu arbeiten, das nicht sehen. Für die ist es eine Katastrophe. Aber dann müssen sie sich eben umgewöhnen.

Leserkommentare
    • Rychard
    • 27. Dezember 2012 19:34 Uhr

    selbst zu verstehen, braucht man eher die Sinne und den eigenen Verstand als ein bestimmtes Geschlecht. Um für andere Menschen Mitgefühl und Anerkennung zu entwickeln, bedarf es Kontakt, auch mit sich selbst. Herzlichen Dank für die ausdauernde und differenzierende Sichtweise auf uns ..

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  1. es fängt in unserer Arbeitswelt an und hört nicht bei den 3 Ks (Kinder/Küche/Kirche) für die Frauen auf. Die Emanzipation beider Geschlechter muß fortgeschrieben werden.Frau Schwarzers Reaktion in dem Interview hatte mich doch sehr enttäuscht Da wurde eine Chance vergeben, in aller Ruhe tradierte Rollenklischees zu hinterfragen.Männer und Frauen,die bewußt keine Zirkuspferde in unserer Gesellschaft sein wollen, haben es immer noch schwer.

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    • HeidiS
    • 31. Dezember 2012 10:18 Uhr

    die heute das Bild der Frau prägen – sie haben nichts mehr mit den 3 Ks am Hut, dafür aber zwei neue auf ihre Agenda geschrieben: Karriere und Klamotten.

  2. und das sollte zu denken geben.

    Als Frau Vilar damals angegriffen wurde, war an mich noch kein Gedanke. Meine Eltern erzogen ihre Kinder mit der Idee, sorge für Dich und Deine Familie, indem Du einen Beruf ergreifst, der ernähren kann.

    Das tat ich, arbeitete und wurde auch noch Mutter. Die Angriffe der letzten Jahre gerade von Frauen in Deutschland, die ich erlebte, weil das tat, haben mich, die dachte feministische Positionen zu vertreten, mehr als erstaunt und sind für mich ein Zeichen, dass Frau Vilars Position neu betrachtet werden sollte.

    Allerdings denke ich nicht, dass die Heftigkeit abgenommen hat, geht es doch um Geld und Versorgung, worauf ungern verzichtet wird.

    Mich bestürzt es nach wie vor, wenn ich die Berufsentscheidungen von jungen Frauen lese, die in Statistiken gern veröffentlicht werden und die zeigen, dass Frauen Neigungen folgen, die weder sie selbst ernähren können noch eventuell vorhandene Kinder.

    Da hat sich nicht viel geändert, wenn auch die Entscheidungen heute selbst getroffen werden und die Frauen, die Vilar 1971 lasen oftmals keine Wahl hatten.

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    • Kanzel
    • 31. Dezember 2012 9:08 Uhr

    und ihre Ansichten sind auch heute realitätsbezogen.
    Genau das ist doch das Problem der heutigen Feministinnen: Anstatt auf die gesamte Gesellschaft zu blicken und Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, wird auf die von Frau Vilar benannten 20 Prozent geschielt, die einen interessanten Job haben und für ungerechte Übervorteilungen (Quote) kämpfen um noch schneller an ihr Ziel zu kommen, auf Kosten der Männer, die sich kurioserweise auch hier dressiert zeigen und still halten, ja sogar dieses ungerechte Ansinnen unterstützen.
    Für eine gerechte Gesellschaft brauchen wir mehr Vilar und weniger Schwarzer.

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    • postit
    • 31. Dezember 2012 10:15 Uhr

    und sie war auch viel charmanter in der Diskussion. War Frau Schwarzer vielleicht nur böse, weil Frau Vilar im Grunde alles zum Thema gesagt und damit das Schwarzersche Geschäftsmodell intellektuell erledigt hat?

    Schönen Jahreswechsel
    postit

    • ztc77
    • 31. Dezember 2012 9:40 Uhr

    Jeder, der nur das Arbeiten für Frau und Kinder herausstellt und die Gefahr der Bevormundung von Frau und Kindern bewusst negiert, ist hochgradig unehrlich, wenn nicht gar unglaubwürdig.

    Frau Vilar ging bewusst diesen Weg, als Frau. Ich werfe ihr das vor, als Mann.

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    Dann werfen Sie hoffentlich auch Feministinnen ihre Einseitigkeit vor. Es gibt nämlich sehr viele Männer, die bei feministischer Einseitigkeit keinen Ton von sich geben, aber bei der Gegenseite sofort zur Stelle sind. Das werfe ich diesen Männern vor. Es wird oft mit zweierlei Maß gemessen. Was Feministinnen dürfen, dürfen ihre Gegner noch lange nicht. Was Vilars Einseitigkeit betrifft, so finde ich sie deswegen unproblematisch, weil die ganze feministische Welt ja schon auf die Gefahr, die Sie ansprechen, hingewiesen hat. Ich behaupte sogar, dass ohne eine gewisse Einseitigkeit das Vertreten eines Standpunktes gar nicht möglich ist, ohne sich zu verzetteln. Wichtig ist doch einfach, dass alle Aspekte gehört werden. Eine einzelne Person muss die nicht alle selbst vertreten.

  3. Ja, das war ein lustiges Streitgespräch damals.

    Als Schwarzer damit anfing, die UNESCO (!) habe irgendwelche Studien zur Lebenserwartung veröffentlicht... köstlich. Und das gegenüber einer Akademikerin...

    Leider war es auch Schwarzer, die dann den gesellschaftlichen Diskurs jahrzehntelang dominierte. Mit ebenjenen Methoden.

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  4. Das ist ein treffendes Wort. Die Menschen haben Lust an der Unfreiheit und Angst vor Freiheit. So kann ich mir auch erklären, wieso die Frauenbefreier Frau Vilar tätlich und mit Worten derart unter der Gürtellinie angreifen. Klingt ziemlich faschistoid, jemanden für sein Buch so zu behandeln, nicht wahr, Frau Schwarzer?

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    • postit
    • 31. Dezember 2012 10:15 Uhr

    und sie war auch viel charmanter in der Diskussion. War Frau Schwarzer vielleicht nur böse, weil Frau Vilar im Grunde alles zum Thema gesagt und damit das Schwarzersche Geschäftsmodell intellektuell erledigt hat?

    Schönen Jahreswechsel
    postit

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