"Paradies: Liebe" : Liebe, Sex, Krieg

Ulrich Seidls so sanfter wie erbarmungsloser Film "Paradies: Liebe" folgt einer Sextouristin in Kenia
Szene aus "Paradies: Liebe" © Festival de Cannes

Teresa, circa 50, circa 30 Kilo Übergewicht, Alleinerziehende. Teresa aus dem Wiener Gemeindebau packt ihren Koffer und bricht auf. Teresa will Urlaub. Teresa will einen Mann. Sie will Liebe machen. Teresa reist nach Afrika und lernt da, wie man eine Sextouristin ist.

Ulrich Seidls Film Paradies: Liebe ist der erste Teile einer Trilogie über die Liebe. Er beginnt mit einer langen Sequenz im Wiener Wurschtelprater. In unverwandten Fahrten bleibt die Kamera auf den starren Gesichtern uns unbekannt bleibender Personen. Während die Wägelchen kreisen und gegeneinander knallen. Und auch wenn eine Person sehr schnell fährt. Die Kamera hält sie uns in immer gleichem Abstand entfernt. Dafür bekommen die Personen immer Raum um sich. Die Personen sind für sich im Bild. Identifikation, das müssen wir gleich sehen. Identifikation werden wir nicht bekommen. Nicht in diesen Zufahrten und Nahaufnahmen, in denen wir für den Ausschnitt das Ganze imaginieren müssen. Der Film wird uns erzählt werden. Wir werden nicht hineingezogen. Wir müssen nur sitzen und zusehen.

Der Weg ins Paradies ist dann kurz. Kofferpacken. Tochter abgeben. Und schon sitzt Teresa im Bus zum Hotel in Kenia und lernt "no problem" auf Swahili. Hakuna matata. Das wird sie oft hören und selber sagen.

Hier wird der dokumentarische Charakter des Films endgültig etabliert. Teresa ist in dieser Soziologie das Fallbeispiel, weil sie neu ist. Die anderen Frauen. Die Freundin Inge und die Zufallsbekanntschaften. Die kennen sich schon aus. Die wissen schon, wie das alles geht. Und dann. Teresa ist dick. Fett. So kann ihr Körper zwischen Wunsch und Wirklichkeit geschoben werden. Der fette Körper kann viel besser vom Leben dieser Frau bisher erzählen. Die "kaputte" Figur berichtet von den in Essen und Bewegungslosigkeit erstickten Sehnsüchten. Die Fülle des Körpers steht für die innere Leere. Eine Leere ist das, die von den Regeln der Schönheitsindustrie umspannt wird. Die Kamera repräsentiert zunächst diese Schönheitsregeln, wenn Teresas Körper vollständig sichtbar und im Raum unübersehbar ausladend ins Bild gebracht wird. In der Insistenz auf diese eine Kameraführung löst sich jede Repräsentation jedoch vollkommen auf. Es werden uns so unsere eigenen Bilder genommen, und es wird nur den Filmbildern von diesem Frauenkörper Geltung verschafft.

Im Film. Da spricht dann die gehorsame Frau im Chor mit den anderen gehorsamen Frauen über sich in diesen Schönheitsvorschriften und wiederholt im Dialog genau dann unsere Bilderwartungen aus diesen Zurichtungen, wenn wir schon längst durch die Kamera eines anderen belehrt worden sind. Die Figur spricht von sich selbst in genau jener Halbtotalen und Totalen, die die Kamera einnimmt. Die fast immer starre Kamera macht aus den Umgebungen Ansichtskarten, in denen die Hauptfigur wie gefangen zappelt.

Margarethe Tiesel und alle anderen Schauspieler sind ohne Spiel im Bild. Darin erarbeiten sie den Realismusanspruch des Regisseurs. Das Leben selbst wird in die Bilder verfrachtet. Die Realität wird durch Realismus in ihrer Konstruiertheit entlarvt.

Das Zappeln. Die schmale Handlung. Sie wird vom Begehren vorangetrieben. Ich musste fast sofort an Luchino Viscontis Film Tod in Venedig denken. Dieses Begehren, der Sehnsucht eine Realität zu verschaffen. Dieses Begehren, das sich nur aus sich selbst speist und nichts anderes ist als christliche Hoffnung, die auf Sexualität verweltlicht wurde. Das kommt auch hier aus dem 19. Jahrhundert. Die Geschlechterpolitik der vergangenen zwei Jahrhunderte erlaubt den Frauen das Nachziehen in diesen Sünden spätromantischer Säkularisierung erst heute. 100 Jahre nach dem Tod in Venedig und mit gerade sechzig Prozent eines männlichen Mindesteinkommens. Da kann das Begehren dieser Frau nicht mehr so viel elegische Eleganz aufbringen. Es ist der Tod in Venedig in der Massentierhaltung. Keine Kulisse und kein Glanz dekorieren das in den verschiedenen Formen kapitalistischer Lebensumstände immer vorgesehene Scheitern am Begehren selbst. Im kargen Hotel am seichten Meer muss Teresa dieses Scheitern überwinden lernen. Wo Aschenbach sterben darf, trifft Teresa auf einen Toyboy, der sich weigern wird, ihre Scham zu küssen.

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Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich sehe hier eigentlich kein "Stilisieren zum Opfer"

"Für eine Frau ist die Liebe eines Manns in Sex ausgedrückt die Norm, an der sie sich selbst mißt." An diesem Satz wird klar: das Dilemma liegt in der Protagonistin selbst. Daran ist der einzelne Mann ja nur insoweit schuldig als die einzelne Frau.
Ich kann mich erinnern, wie sehr ich in der Verfilmung von "Elementarteilchen" mit Bruno litt. Ob Mann oder Frau, jeder kann daran leiden, dass Sex-Liebe-Selbstliebe einander bedingen, spiegeln oder entbehren.

Kino gegen die Gewohnheit und für das Verstehen

Auf diesen Film darf man gespannt sein, nicht als Spanner oder Voyeur, sondern weil der Regisseur Cantet mit dem Film "Vers le Sud" mit Charlotte Rampling vor einigen Jahren das Thema ähnlich konzeptionell angepackt, aber Seidl gilt als gandenlos und scheut sich nicht den Zuschauern den Spiegel vorzuhalten, ihnen eine ungeschminkte Wahrheit zu zumuten und einen kulturpolitischen Hintergrund zu öffnen, der nicht in das Bild des glatten, mit Schminke zugekleisterten Mainstreams der Cinemaxxe passt. Cantets Film ist gegenüber Seidls neuem Werk geradezu verlogen geschönt, auch wenn die Leistung von Rampling jedem Film etwas Besonderes gibt. Wir brauchen Filmer wie Seidl, die ohne Scheu und ohne Angst vor Zensur, mit sezierendem Blick die unterirdischen Abseitigkeiten des Kapitalismus und der Globalisierung zeigen. Seidl, der auch noch wahrhaftiger und direkter an die Themen herangeht als beispielsweise Haneke, ohne dessen Leistungen für das Cinema herabzuwürdigen. Natürlich haben wir in Deutschland auch mutige Kulturschaffende, die sich nicht in l´art pour l´art verlieren, sondern in das Auge des Orkans gehen und die Hintergründe der verschleiernden Fassadenwelt an die Öffentlichkeit zerren, leider sehen wir davon nichts im Kino, wir müssen auf Festivals der kleineren Kategorien gehen, um diese Filme sehen zu können. Allein Seidls Filme, die er in Österreich gedreht hat - Hundstage oder Tierische Liebe - sind unter deutschen Filmemachern momentan nicht vorstellbar.

W.Neisser

Ziel erreicht

Deswegen ist Ulrich Seidl ein guter Filmemacher: allein durch diese Rezension und die diversen Reaktionen hat er erreicht, wovon guter Film lebt - kontroverse Diskussionen, vielleicht sogar die Auseinandersetzung mit Unangenehmem. Statt seichte Sozialkomödien, Möchtegern-"Event-Movies" und verstaubte Fernsehfilme präsentiert zu bekommen, wird hier das geboten, was Film ausmacht: einen Blick auf das Leben, sei er nun fiktional oder dokumentarisch ausgerichtet - ungeschönt und im Blick dieses österreiohischen Regisseurs (ähnlich wie bei seinem Landsmann Michael Haneke) mit einer kühlen Distanz.
Alles, was man sich als Zuschauer zusammenbastelt ist eigene Interpretation, denn an sich WILL der Film und auch der Regisseur nichts "transportieren". Insofern prallen auch alle Versuche sowohl einer Verunglimpfung als auch Lobpreisung ab.
Immer nur latent bitterböses, weil den (Zerr-)Spiegel vorhaltendes Kino muss sicher nicht sein - aber ab und zu rückt es den Blick zurecht und regt verschütt geglaubte Regionen im Oberstübchen an. (Und manchmal muss und darf auch gelacht werden. Denn das ist der beste Exorzismus.)