"Paradies: Liebe" : Liebe, Sex, Krieg
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Die fehlende Erektion wird zum Schuldspruch am Körper der Frau

Am Ende ist es dann doch der männliche Blick, der über dieses Scheitern verfügt. Erst wenn Teresa alle Hoffnung darauf aufgegeben haben wird, ein Gefühl im anderen erwecken zu können. Erst wenn die prostitutiven Verhältnisse als solche erkennbar sind und die Macht des Gelds das Begehren in Kaufwut verwandelt hat. Erst dann wird sie diese Begehren hinter sich gelassen haben und funktionierender Bestandteil der Marktabsprachen da in Kenia werden. Die Frauen suchen sich einen Burschen und lassen sich von dem befriedigen. Das ist planer Sextourismus. Dazu hat die mittlerweile selbstverständlich notwendige Erwerbstätigkeit der Frauen die Ermächtigung gegeben. Für Teresa, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdient, ist Sex ein Wert, dessen Preis sie hinter dem Begehren verstecken möchte. Dieser Wert wird in allen Medien sorgfältig konstruiert und peinlich genau nebensächlich gehalten. In Gesellschaftsnachrichten, Reality-TV-Shows. Immer geht es neben allem anderen darum, einen Partner zu haben. Heternormativ. Natürlich. Vordergründig genital und eigentlich oral. Füllung. Ein Teil der Füllsucht. Für eine Frau ist die Liebe eines Manns in Sex ausgedrückt die Norm, an der sie sich selbst mißt.

Teresa folgt da wörtlich der Herde, wenn im Versuch einer Orgie der Toyboy nicht funktioniert und verjagt wird. Die fehlende Erektion des Manns wird zum Schuldspruch am Körper der Frau. Wieder fühlen sie sich alle nicht schön genug, das Begehren dieses Prostituierten erwecken zu können. Es bleibt beim Penis als Richter über den Wert der Frau. Dass die Frauen dann ganz schön hässlich schimpfen können und ihre Aggressionen ausdrücken. Das ändert an dieser Diktatur gar nichts. Die Frauen haben ja gelernt, ziemlich grausliche Männlichkeit an den Tag zu legen. Die Frauen mussten das lernen. Aber. An die Macht lassen sie sich nun selbst nicht und vollziehen die patriarchalen Aufträge subtil an sich. Ja. Sie kommen sich darin subversiv und persönlich revolutionär vor.

In einer Einstellung von Paradies: Liebe wird der Strand gezeigt. Bewegungslos liegen die Touristen auf ihren genau ausgerichteten Liegen. Ein Seil ist gespannt. Bewegungslos stehen die afrikanischen Männer im Sand. Hinter dem Seil. Sie wollen verkaufen. Schmuck. Sich. Ein schwer bewaffneter Sicherheitsbeamter patrouilliert das Seil entlang. Weit weg. Ganz nahe am Wasser. Auf der Seite der Afrikaner. Teresa stapft durch den Sand und will lieb sein. Freundlich abwehren. Sich von Mensch zu Mensch verständigen.

Das ist eine Versuchsanordnung. Der Versuch wird misslingen. Die erbarmungslos dokumentierte Erkenntnis dieses Films wird ergeben, dass Krieg ist. Tourismus ist Krieg. Leben ist Krieg. So, wie es jetzt gerade ist, ist Leben Krieg. Und. Weil das ein schöner Film ist. Ein schön karger Film. Vorsichtig. Und sanft. Deswegen wird dieser Zustand so verzweifelt klar.

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Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich sehe hier eigentlich kein "Stilisieren zum Opfer"

"Für eine Frau ist die Liebe eines Manns in Sex ausgedrückt die Norm, an der sie sich selbst mißt." An diesem Satz wird klar: das Dilemma liegt in der Protagonistin selbst. Daran ist der einzelne Mann ja nur insoweit schuldig als die einzelne Frau.
Ich kann mich erinnern, wie sehr ich in der Verfilmung von "Elementarteilchen" mit Bruno litt. Ob Mann oder Frau, jeder kann daran leiden, dass Sex-Liebe-Selbstliebe einander bedingen, spiegeln oder entbehren.

Kino gegen die Gewohnheit und für das Verstehen

Auf diesen Film darf man gespannt sein, nicht als Spanner oder Voyeur, sondern weil der Regisseur Cantet mit dem Film "Vers le Sud" mit Charlotte Rampling vor einigen Jahren das Thema ähnlich konzeptionell angepackt, aber Seidl gilt als gandenlos und scheut sich nicht den Zuschauern den Spiegel vorzuhalten, ihnen eine ungeschminkte Wahrheit zu zumuten und einen kulturpolitischen Hintergrund zu öffnen, der nicht in das Bild des glatten, mit Schminke zugekleisterten Mainstreams der Cinemaxxe passt. Cantets Film ist gegenüber Seidls neuem Werk geradezu verlogen geschönt, auch wenn die Leistung von Rampling jedem Film etwas Besonderes gibt. Wir brauchen Filmer wie Seidl, die ohne Scheu und ohne Angst vor Zensur, mit sezierendem Blick die unterirdischen Abseitigkeiten des Kapitalismus und der Globalisierung zeigen. Seidl, der auch noch wahrhaftiger und direkter an die Themen herangeht als beispielsweise Haneke, ohne dessen Leistungen für das Cinema herabzuwürdigen. Natürlich haben wir in Deutschland auch mutige Kulturschaffende, die sich nicht in l´art pour l´art verlieren, sondern in das Auge des Orkans gehen und die Hintergründe der verschleiernden Fassadenwelt an die Öffentlichkeit zerren, leider sehen wir davon nichts im Kino, wir müssen auf Festivals der kleineren Kategorien gehen, um diese Filme sehen zu können. Allein Seidls Filme, die er in Österreich gedreht hat - Hundstage oder Tierische Liebe - sind unter deutschen Filmemachern momentan nicht vorstellbar.

W.Neisser

Ziel erreicht

Deswegen ist Ulrich Seidl ein guter Filmemacher: allein durch diese Rezension und die diversen Reaktionen hat er erreicht, wovon guter Film lebt - kontroverse Diskussionen, vielleicht sogar die Auseinandersetzung mit Unangenehmem. Statt seichte Sozialkomödien, Möchtegern-"Event-Movies" und verstaubte Fernsehfilme präsentiert zu bekommen, wird hier das geboten, was Film ausmacht: einen Blick auf das Leben, sei er nun fiktional oder dokumentarisch ausgerichtet - ungeschönt und im Blick dieses österreiohischen Regisseurs (ähnlich wie bei seinem Landsmann Michael Haneke) mit einer kühlen Distanz.
Alles, was man sich als Zuschauer zusammenbastelt ist eigene Interpretation, denn an sich WILL der Film und auch der Regisseur nichts "transportieren". Insofern prallen auch alle Versuche sowohl einer Verunglimpfung als auch Lobpreisung ab.
Immer nur latent bitterböses, weil den (Zerr-)Spiegel vorhaltendes Kino muss sicher nicht sein - aber ab und zu rückt es den Blick zurecht und regt verschütt geglaubte Regionen im Oberstübchen an. (Und manchmal muss und darf auch gelacht werden. Denn das ist der beste Exorzismus.)