Feuerwerk über Haparanda und Tornio © Bjørn Erik Sass

In Haparanda sehe ich das Silvesterfeuerwerk gleich zweimal, und das ist keine Alkohollaune. Das geht hier allen Menschen so. Denn hoch im Norden liegt links an der Mündung des Flusses Torne in die Ostsee die schwedische Stadt Haparanda und rechts die finnische Stadt Tornio. Die beiden bilden einen Zwillingsort. Es gibt keine Grenzkontrollen, dafür jede Menge Brücken über den Fluss – und zwei Zeitzonen. In Finnland und damit in Tornio ist es eine Stunde später als in Schweden. Wenn es zweimal Mitternacht wird in dieser Zwillingsstadt, kann ich also binnen sechzig Minuten doppelt Silvester feiern, hatte ich mir gedacht. Und wenn das neue Jahr so zündet, kann es doch nur eine bunte, aufregende Rakete werden.

Um nichts dem Zufall zu überlassen, habe ich vor der Reise über ein Soziales Netzwerk Kontakte geknüpft. Mit Erfolg, Eija hat mich Wildfremden zu einer Party eingeladen. Im Flugzeug male ich mir aus, warum das überhaupt nicht erstaunlich ist: Die müssen da oben ihre ewig-dunklen Winter ja mit exzessiven Feiern aufhellen. Ich stelle mir vor, was für eine Riesenveranstaltung das wird, jede Menge schwedische Frauen werden ihre langen Haare schütteln, die Männer werden fröhlich trinken, ich mittendrin, und wenn ich Abwechslung brauche, gehe ich einfach zur nächsten Party.

Ein fahlgelbes Band am Horizont markiert für fünf Stunden den Tag

Lückenlos herumgesprochen hat sich diese allgemeine Stimmung anscheinend aber noch nicht in Haparanda. Der Taxifahrer, der mich zum Hotel bringt, will wissen, ob ich zum Motorschlittenfahren hergekommen sei. Nein, ich will Silvester feiern. »Und Eisfischen auf der Ostsee?« Nein, nur die Party. »Und dann weiter hoch nach Lappland? Skilaufen, Hundeschlittentouren, Schneeschuhwandern?« Nein, ich werde mir nur drei Tage die Stadt ansehen, feiern und dann wieder nach Hause fliegen. Erwähne lieber nicht, dass meine Partyidee bisher nur auf einem Internetnachrichtenwechsel fußt, bestimmt hält der Mann mich auch so schon für einen überspannten Südeuropäer. Welche Sehenswürdigkeiten er denn empfehlen könne? »Die Ferienanlage Kukkolaforsen. Die haben eine Sauna direkt am Fluss. Vermieten auch Motorschlitten.«

Klicken Sie auf die Karte, um sie zu vergrößern.© ZEIT-Grafik

Am Silvestermorgen lerne ich beim Frühstück Frederico kennen. Der Italiener ist auch wegen Eijas Party angereist. Gemeinsam brechen wir auf, die beiden Städte zu besichtigen. Weil wir dazu ein wenig Tageslicht malerisch finden, ist es da nicht mehr sehr früh. Gegen zehn Uhr erst schiebt sich hier, hundert Kilometer südlich des Polarkreises, am Horizont ein fahlgelbes Band in den Himmel. Das wird in den nächsten Stunden nicht breiter, ein waagerechter Daumen am ausgestreckten Arm verdeckt es schon. Es wandert nur von Osten nach Westen und ist um 15 Uhr wieder verschwunden. Wir sehen viel Schnee, wenige Menschen und die architektonischen Filetstücke von Haparanda: unser Hotel, den alten Wasserturm, den Bahnhof. Den passierte Lenin 1917 auf seinem Weg aus der Schweiz nach Russland, heute halten nur noch Güterzüge.

Nach zwanzig Minuten sind wir durch mit dem Sightseeing. Was nun? Eine Behörde gibt uns Richtung: Vor dem Gebäude der Zollverwaltung steht ein Wegweiser. Nach München sind es 2907 Kilometer, 8386 nach Timbuktu; und bis Tornio ist es ein Kilometer. Also auf zum Fluss, zum Torne, wie die Schweden sagen, die Finnen nennen ihn Tornionjoki. Die uralten Holzbauten am anderen Ufer sind hell gestrichen und vierflügelig, die Wohntrakte zeigen zum Wasser, die drei anderen Flügel dienen als Schuppen und Werkstätten. Die Gebäude machen uns noch mal klar, wo wir hier eigentlich sind: Tornio wurde 1621 als Stützpunkt für den Pelzhandel gegründet, damals gehörte Finnland noch zu Schweden – die Stadt ist die älteste Lapplands.