StadtführungenLeise rieselt der Stein

Der Kölner Künstler Wolfgang Stöcker wirbelt bei seinen Stadtführungen Staub auf – buchstäblich. In Kirchen und Kellern erkundet er die Schönheit des Verfalls. von Markus Brügge

Wolfgang Stöcker
Der Kölner Künstler Wolfgang Stöcker

Der Kölner Künstler Wolfgang Stöcker  |  © Wolfgang Stöcker

"Mist! Hätte ich einen Plastikbeutel dabei, würde ich sie einpacken." Wolfgang Stöcker betrachtet die mumifizierte Maus im Licht seiner Taschenlampe, dann macht er rasch ein paar Fotos. Der tote Nager liegt im Plassmannschen Keller unter dem Historischen Rathaus in Köln. Im Mittelalter gehörte der Keller zu einem jüdischen Wohnhaus; in ein paar Jahren soll er Teil eines großen Museums sein, in dem die Stadt ihre Geschichte herzeigen will. Noch aber stapeln sich Bretter und Werkzeuge, liegt überall Abdeckfolie herum. Und Staub natürlich. Genau das Richtige also für Stöcker, der den Keller spontan in seine Stadtführung eingebaut hat. Staub und Bau nennt er die Tour lakonisch.

Wie eine dahingeschiedene Maus da hineinpasst, erschließt sich nicht sofort. Aber Wolfgang Stöcker ist schon weiter. Jetzt kniet er am Fuß einer schlanken Säule und fegt Steinbrösel in einen Umschlag. Die Führung hat eben erst begonnen, und schon ist klar: Staubtrocken wird das hier nicht.

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Viel vorstellen konnte man sich unter diesem Thema vorher ja eher nicht. Klar, Staub ist überall. Aber wozu sollte man ihn sich ansehen? »Es geht um einen Perspektivwechsel. Um das Kleine, das Unbekannte, das Detail jenseits des Postkartenmotivs«, erklärt Stöcker, während er seine Cordhose abwischt und den Umschlag mit den Bröseln sorgfältig verschließt. Das klingt ein bisschen durchgeknallt. Staub, der verkannte Stoff, der die Stadt durchwirkt?

Staubführungen

Staubführungen mit Wolfgang Stöcker durch Köln finden regelmäßig statt, er informiert in seinem Newsletter über die Termine. Allgemeine Informationen gibt es unter www.stoeckers-stadt.de oder 0221/1793984. Die Tour Staub und Bau ist auch individuell buchbar, sie kostet 80 Euro für eine Kleingruppe bis sechs Personen und 100 Euro für eine Gruppe von sieben bis zehn Personen.

Wobei Stöcker erst mal klarstellt, dass seine Definition von Staub nicht der von Geologen oder Seismologen entspricht: »Eigentlich sind nur Partikel Staub, die kleiner sind als zehn Mikrometer.« Der Künstler ist da großzügiger. Flusen, Bröckchen, Wollmäuse, sogar Kaugummis – für ihn ist vieles einen zweiten Blick wert, das sonst auf dem Kehrblech und in der Mülltonne landet. So wie die Spinnweben neben dem Portal von Groß Sankt Martin, wo er eine halbe Stunde später steht. An den Säulen neben dem Eingang der romanischen Kirche nagen der Wind und der Zahn der Zeit, was Stöcker erkennbar begeistert. Seine Augen leuchten. »Das ist Trachit vom Drachenfels. Nichts anderes als Staub, der unter enormer Hitze zusammengebacken wurde zu Stein.« Dann habe der Mensch daraus Blöcke geschlagen und sie zu einer Kirche aufgeschichtet. »Und jetzt?« Stöcker lächelt verschmitzt. »Jetzt fällt diesem Stein nichts Besseres ein, als sich wieder in den Staub zu verwandeln, der er einmal war.« Trachit-Mehl ist herabgerieselt und hat sich in den Spinnennetzen verfangen. Und wirklich, diese versteckte Welt hat ihre eigene Prachtarchitektur, hauchzart und morbid-schön.

Ohne den Staubstadtführer sähe man im Inneren der Kirche sicher nicht den Marienkäfer, der sich neben einem Steinbogen zum Winterschlaf eingenistet hat. Man bewunderte den Marienaltar oder das mittelalterliche Dreikönigstriptychon, aber wohl kaum die schwarzen Riesenflusen unter einem der Kirchenfenster. Wolfgang Stöcker hat sie selbst gerade erst entdeckt: »Gucken Sie mal, da oben. Das sind wahrscheinlich Wollmäuse, die sich vertikal an die Wand gesetzt haben.« Der Staubsucher sieht darin Weiterentwicklungen der sakralen Baukunst, ungeplant, aber darum nicht weniger eindrucksvoll: »Für mich ist das Jackson Pollock in 3-D.«

Leserkommentare
  1. ... es angers ... ;-)

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