StadtführungenLeise rieselt der Stein
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2004 gründete Stöcker das Deutsche Staubarchiv

Stöckers Blick für das Abseitige eröffnet tatsächlich ungewöhnliche Sichten auf bekannte Orte. Und doch kann man auch den jungen Mönch verstehen, der in Groß Sankt Martin Aufsicht hat und sich zur Gruppe gesellt. Selbst nachdem der promovierte Historiker ihm mit großem Eifer erzählt hat, worin seine Mission besteht, lächelt der Geistliche immer noch ungläubig. Nein, versichert ihm Stöcker, das sei wirklich kein Ulk. Wobei er kurz darauf zugibt, dass sich das Ganze natürlich auf der Grenze zwischen Dadaismus und Philosophie bewege. Bei der Kirche fühlt er sich damit gut aufgehoben: »Sie ist eine der wenigen Institutionen, die den tieferen Sinn des Staubs erkennt. Denken Sie nur an ›Asche zu Asche, Staub zu Staub‹.«

Staub zu Staub, das ist auch Stöckers Motto. 2004 gründete er das Deutsche Staubarchiv. Den offiziösen Titel sollte man nicht gar zu wörtlich nehmen. Letztlich besteht das Deutsche Staubarchiv aus einer Reihe von Aktenordnern in einem Schreibtisch bei Stöcker daheim. Aber darin ist wirklich gesammelt, was in anderen Archiven nur unerwünscht nebenher abfällt: Staub, etwa 400 Proben, mit Angabe des Fundorts und -datums säuberlich in Plastikbeuteln verpackt. Wollmäuse aus einer pakistanischen Moschee finden sich dort ebenso wie Fussel aus der Oper von Sydney oder Dreck aus dem Pariser Louvre. Einer von Stöckers Lieblingsstäuben stammt aus dem Petersdom. Bekannte sammelten ihn während der Weihnachtsmesse 2011, an der Papst Benedikt XVI. teilnahm. Dieser Probe wurde als Ehrenplatz eine Glasphiole zuteil.

Kathedrale und Krümel, Pracht und Schmutz – der Künstler Stöcker wirbelt gern Extreme durcheinander. »Ich habe mal Staub vom Grab des heiligen Bonifatius in Fulda gesammelt, und da war eine vertrocknete Fliege dabei. Die kam natürlich auch in den Beutel.« Zu Staub muss sie zwar erst noch werden, ebenso wie die tote Maus im Plassmannschen Keller. Aber beide verkörpern schon, was hier ans Licht kommen soll: Verfall. Der Staub, so Stöcker, gemahne an unser aller Endlichkeit. Deshalb sorge er bei vielen Menschen für Ekel und sogar Angst. »Staub erinnert uns daran, dass wir nie vollständige Ordnung herstellen werden, dass immer alles vergeht.«

Wolfgang Stöcker gefällt der egalitäre Aspekt daran: Es staubt in den Hütten und in den Palästen. Wie im Himmel, so unter der Erde. Darum führt er als Nächstes zum Heinrich-Böll-Platz neben dem Museum Ludwig am Rand der Altstadt, wo gerade eine neue U-Bahn-Trasse durch den Kölner Boden gegraben wird. Das wirbelt natürlich jede Menge Staub auf. Und nicht nur das. Der Künstler weist begeistert auf das Chaos unter ihm: Reste von aufgeklebten Straßenmarkierungen, rostige Bauzäune, oberirdische Stromleitungen, wirr verknäult.

Stöcker liebt diesen Ausbruch aus der Ordnung, die so normal erscheint, obwohl sie das gar nicht ist. »Wir wollen immer alles in eine Symmetrie pressen, aber scheitern ständig dabei«, erklärt er. Vorm Museum zeigt er daher auch die gesprungenen Platten aus schwedischem Granit. Feine Risse sind entstanden, in denen sich Steinstaub sammelt. »Wenn Sie sich mal unbegradigte Flüsse auf Luftbildern ansehen, dann fällt Ihnen die Ähnlichkeit auf«, sagt Stöcker. Auf seinen Führungen zeigt er gern solche Landschaftsfotos. Sahara oder Sandhäufchen? Manchmal nur eine Frage des Maßstabs.

So ist natürlich auch die Erkundung des Kölner Doms kein bloßes Bestaunen der weltgrößten gotischen Kathedrale: Man tritt so nah ans Gemäuer, dass man erkennt, wie es an allen Ecken und Enden bröselt. »Würde da nicht andauernd renoviert und ausgebessert, wäre das hier auch schon alles wieder Staub«, sagt Wolfgang Stöcker. Darin liegt für ihn der Wert seiner Sammlung. Staub erinnere uns daran, dass wir das erhalten müssen, was uns am Herzen liegt.

Und manchmal steckt im Staub sogar ein Körnchen Subversion. Das Deutsche Staubarchiv hat Freunde und Helfer in der ganzen Welt. Einer dieser sogenannten »Staub-Scouts« fragte offiziell beim chinesischen Zoll an, ob er Staub vom Platz des Himmlischen Friedens nach Deutschland schicken dürfe. Die Behörde lehnte ab – chinesischer Staub habe in China zu verbleiben.

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Leserkommentare
  1. ... es angers ... ;-)

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