EnergieversorgerSchwäbisches Bubenstück

Managementfehler, politischer Filz und Betrugsvorwürfe: Deutschlands drittgrößter Stromkonzern EnBW kämpft ums Überleben. von Mark Brost, und

Der Konzern hat mal wieder einen neuen Chef, und wieder muss dieser Chef, Frank Mastiaux heißt er, Angst haben vor der Vergangenheit. Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt gegen eine ganze Reihe von Spitzenmanagern dieses Konzerns. Es geht um Betrug und Untreue, um Russland-Deals, Scheingeschäfte und Machenschaften der zwielichtigsten Art. Im Stuttgarter Landtag versucht ein Untersuchungsausschuss zu klären, ob die 4,7 Milliarden Euro, die der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus für den Kauf von knapp der Hälfte der Konzernaktien ausgegeben hat, nicht viel zu viel waren. Ein Absturz der dramatischen Art ist zu besichtigen. Einst galt die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) als industrielle Perle, als Musterbeispiel für die Methode, Strom in Geld zu verwandeln. Jetzt geht es für Deutschlands drittgrößten Stromerzeuger schlicht ums Überleben.

Der Konzern ist ein Riese, immer noch. Die EnBW hat etwa 20.000 Mitarbeiter, der Umsatz betrug 2011 immer noch mehr als 18 Milliarden Euro. Aber es ist ein gelähmter, tief verängstigter Riese, so beschreiben Insider das Unternehmen. »Jeder misstraut dem anderen. Das Lieblingsspiel heißt momentan: die Verantwortung von einem zum anderen schieben. Keiner trifft irgendeine Entscheidung«, sagt einer, der es wissen muss.

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Nach der schlechten Bilanz 2011 – mehr als 800 Millionen Euro Verlust – werden auch für 2012 keine guten Zahlen folgen. Es drohen empfindliche Sparrunden, einen ersten Namen gibt es schon dafür, Sparprogramm »Fokus«: 750 Millionen Euro will Mastiaux jährlich sparen, 1.350 Jobs fallen Ende 2013 weg. Es herrscht ein gewaltiger Kapitalbedarf von rund einer Milliarde Euro, doch woher nehmen?

Vier Vorstandschefs in zehn Jahren

Frank Mastiaux ist der vierte Vorstandschef binnen zehn Jahren – und wie vor jedem seiner Vorgänger bauen sich auch vor ihm die Gespenster der Vergangenheit auf. Denn EnBW befindet sich nicht allein wegen unternehmerischer Fehlentscheidungen in Turbulenzen. Der Konzern ist politisch verfilzt. Und intern dominieren die persönlichen Interessen einiger weniger.

Als wäre das alles noch nicht genug, muss EnBW gleichzeitig auch noch die Energiewende bestehen. Bloß wie? Der Konzern hatte einen Atomstromanteil von 50 Prozent, den höchsten unter den deutschen Energieversorgern. In den Stuttgarter Machtkanälen kursiert nun sogar die Idee, EnBW zu zerschlagen – in einen guten, grünen Teil, der sich vor allem auf erneuerbare Energien konzentrieren würde, und einen alten, bösen Teil, in dem man die Abwicklung der Kernenergie und am besten gleich die ganze Vergangenheit versenken könnte. Doch auch dieser Plan verliert sich im Ungefähren. »Wir stecken in einer schlimmen Situation fest«, sagt ein Manager aus der Konzernspitze. »Wohin wir auch schauen, wir sehen nichts als Fragezeichen.«

EnBW ist der Fragezeichen-Konzern.

Es sind illustre Personen, die in diesem Konzern und seinem engsten Umfeld wichtig sind. Jede von ihnen spielt eine eigene, seltsame Rolle. Doch alle zusammen ergeben sie ein unfassbar befremdliches Bild.

Da ist der ehemalige Vorstandschef, der EnBW schon lange verlassen hat, aber immer noch gute Kontakte ins Unternehmen pflegt – und der zu Hause, am heimischen Esstisch, Manager und Politiker empfängt und ihnen »Ratschläge« gibt.

Da ist der Aufsichtsratsboss, der sich gern einen schwachen Vorstandsvorsitzenden sucht – und der intern »der kleine Napoleon« genannt wird.

Da ist einer der beiden Hauptanteilseigner, eine Gruppe schwäbischer Landkreise, die ihr milliardenschweres Aktienpaket von einer Sekretärin verwalten ließ.

Da ist der Technikvorstand, der darum bitten musste, sein Amt wegen des Verdachts auf Ungereimtheiten bei Millionengeschäften ruhen zu lassen – und der wenige Wochen später weiterarbeiten durfte.

Da ist ein früherer Kraftwerksmanager, der Millionendeals mit den Russen gemacht hat – und der nun vom eigenen Unternehmen verfolgt wird.

Und da ist ein russischer Lobbyist, der sich mit EnBW in verschiedenen Schiedsgerichtsverfahren um mehr als 120 Millionen Euro streitet – und der dem Unternehmen eine juristische Niederlage nach der anderen zufügt.

Wer also weiß wirklich Bescheid in diesem Konzern, der mittlerweile dem Staat gehört? Hat jemand alle Fäden in der Hand? Oder haben sich die Fäden längst in ein einziges Chaos verstrickt? Wir hätten Frank Mastiaux gerne dazu befragt. Doch er möchte nicht sprechen und beruft sich auf die Schonzeit der ersten hundert Tage. Im Januar will er sich mit einer großen Rede zu Wort melden. Zukunftsweisend soll sie sein, natürlich.

In Moskau treffen wir den Geschäftsmann Andrej Bykow, mit dem die EnBW jahrelang ganz besondere Geschäfte gemacht hat. Ein blasser, leicht übergewichtiger Mann mit recht langen, glatten Haaren, der perfekt Deutsch spricht, weil er in Ost-Berlin gewissermaßen aufgewachsen ist, zu Zeiten des Kalten Krieges, sein Vater war Diplomat. Er sitzt in seinem riesigen Büro, vor ihm zwei Großbildfernseher, hinter ihm eine Wand voller russischer Ikonen, eine Kerze brennt. Eine Frau trägt auf Geheiß Getränke herbei, derart gebückt und derart langsam, dass man denken könnte, sie hätte ein dickes Problem, wenn sie einen Tropfen verschüttete. Wenn sein Computer zickt, gibt Bykow telefonisch Kommandos durch, Sekunden später hastet ein Techniker herein. Andrej Bykow: ein Mann wie aus einem Hollywoodfilm. Er sagt, alles, was er tue, tue er aus Liebe. Bei seinen Gegnern regiere hingegen die Angst. Er sagt auch, sein Leben sei in Gottes Hand. Ansonsten lacht er gerne immer wieder, ein Lachen, das einem noch lange in Erinnerung bleibt, ein Meckern, das nicht mehr enden will.

Und keinem sind die 34 Verträge über 234 Millionen Euro aufgefallen?

Bykow muss oft lachen in dem Gespräch. Wenn er davon erzählt, wie nun seine ehemaligen Geschäftspartner sich gar nicht mehr erinnern wollen an ihn und all die Geschäfte, die sie zusammen gemacht haben oder machen wollten, wie etwa das ganz große Geschäft 2002 um das Gasfeld im russischen Charampur oder 2008 mit dem Projekt »Boracay«. Denn auch wenn Bykow einen leicht entrückten Eindruck macht: Seine Kontakte reichten damals im Kreml bis ganz nach oben, er arrangierte Treffen mit dem Ministerpräsidenten, er hatte Zugang zu den ganz Großen im Energiegeschäft, zu Rosneft, zu Gazprom, zu Minatom, zum Chef der regierenden Partei. Der kleine Versorger EnBW, der im globalen Gasgeschäft mitmischen wollte, brauchte genau so jemanden wie Bykow. 34 Verträge schlossen sie über die Jahre, für Beratung, für Uranlieferungen, für Abrüstung, für Beteiligungen. Die Baden-Württemberger und der Russe, sie arbeiteten eng zusammen. Heute streiten sie sich vor Schiedsgerichten.

EnBW wollte groß in Russland mitmischen

Die Verträge zwischen EnBW und Bykow erzählen viel über die finanziellen Gepflogenheiten dieser Branche. Sie zeigen, wie sehr der Konzern ans große Geld ranwollte, an die Tröge in Russland – und unbedingt raus aus der Regionalität. EnBW hat über die Jahre zumindest 234 Millionen Euro überwiesen und fordert 120 Millionen davon zurück, weil vereinbarte Leistungen nie erbracht worden seien, bei der Lieferung und Sicherung von Uran oder bei einer Kooperation beim Rückbau des AKWs Obrigheim. Bykow sagt, es habe nie eine solche Leistungsvereinbarung gegeben, er habe die vielen Millionen für Lobbyarbeit bekommen. So teuer kann Lobbyarbeit sein? Bykow sagt, jeder wisse, dass er gut sei, sehr gut, dass er jedes Geld wert sei. Als Türöffner, als Projektsteuerer, als was auch immer. Die Schiedsgerichte schauen jedenfalls auf die Verträge und geben bislang, mit einer Ausnahme, Bykow recht.

Bykow amüsiert sich auch darüber, dass die EnBW auf einmal nichts mehr wissen will von ihm. Egal, wen man auf ihn anspricht, ehemalige Vorstandsvorsitzende, Aufsichtsräte, Manager, viele beteuern, ihn bestenfalls flüchtig zu kennen. Sie wollen auch nichts mehr wissen von seiner Heiliger-St.-Nikolaus-Stiftung. Natürlich sei immer allen klar gewesen, dass wesentliche Teile seiner Honorare an seine wohltätige Stiftung flossen, sagt Bykow, so saß etwa der EnBW-Manager Wolfgang Heni ja auch im Stiftungskuratorium.

Bykow sagt, es sei so gewesen: Er habe kassiert und Gutes getan, von der EnBW finanziert – Klimapflege, um dem Unternehmen den Weg in den russischen Gasmarkt zu ebnen. Die EnBW bestreitet das. Im ganzen Land baute er Denkmäler und Schachschulen, ein umfangreicher Bildband soll es beweisen. Die Mannheimer Staatsanwaltschaft ist stutzig geworden, sie ermittelt gegen sieben amtierende und frühere Manager.

Heni und Bykow arbeiteten eng zusammen, viele Jahre. Heni, der Schwabe, früherer Chef des Kernkraftwerks Neckarwestheim; Bykow, der Russe, der sich im internationalen Urangeschäft auskennt. Ein Dreamteam. Es gibt Fotos von den beiden, in den fernsten Gegenden Russlands, es ging um ein Geschäft. Dann kam es zum Bruch, und wie es dazu kam, schildern die beiden, natürlich, höchst unterschiedlich. Bykow sagt, es habe eine Verschwörung gegeben, von Leuten seiner eigenen Firmen und Heni.

Heni weist dies alles als »völligen Quatsch« zurück und spricht von unzuverlässiger Arbeit von Bykow. Man habe ihm sogar gefälschte Papiere nachweisen können, wofür Bykow wiederum Mitarbeiter verantwortlich macht. Deshalb habe man beschlossen, sich zu trennen.

EnBW klagt gegen Bykow und Heni – und hat das Problem: Je heftiger der Konzern die beiden dämonisiert, desto mehr müssen sich die Verantwortlichen fragen lassen, warum sie so lange auf genau diese beiden gesetzt haben. Es spricht jedenfalls nicht für ein funktionierendes Management, wenn im Konzern so viel Geld durch dunkle Kanäle fließt. Und es zeigt, wie sehr bei EnBW die persönlichen Interessen einiger weniger dominieren.

Der Aufsichtsratschef bekommt Honorare vom Großaktionär

Wir treffen Wolfgang Heni in einer Stuttgarter Anwaltskanzlei. Langjährige Weggefährten sagen, sie fühlen sich von ihm getäuscht, er habe sie für seine Geschäfte benutzt. Wäre nur das Aussehen zum Beurteilen da, könnte man ihn für einen netten, klugen Großvater halten. Er weist auf Dokumente hin, die beweisen sollen, wie lachhaft die Position der Konzernspitze sei, man hätte nichts gewusst von all den Geschäften zwischen Bykow und Heni. Sogar die Konzernrevision hat seine Geschäfte im Jahr 2004 im Auftrag des Vorstandes geprüft und, abgesehen von dilettantischen Verträgen, nichts Nennenswertes gefunden. Die Anwaltskanzlei ist übrigens auch interessant, sie vertritt nicht nur den von EnBW beschuldigten Heni, sondern auch einen der beiden EnBW-Hauptanteilseigner – den Zweckverband der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW). Die EnBW-Spitze kennt diesen Interessenkonflikt. Er scheint sie aber nicht zu stören, so schwach ist die Führung.

Könnte man da auf den Gedanken kommen, da wird ein Spiel inszeniert, in dem man juristischer Haftbarkeit entkommen will, am Ende aber alles im Sand verlaufen lassen möchte? Einen solchen Gedanken weisen alle Beteiligten strikt von sich.

Und die EnBW-Spitze versucht auch eine andere Personalie als nicht weiter ungewöhnlich zu erklären. Es geht um Hans-Josef Zimmer, den Technikboss im EnBW-Vorstand. Er hat viele der Verträge mit Bykow unterschrieben. Zimmer ließ später seine Ämter ruhen – inzwischen ist er wieder im Amt, trotz eines Ermittlungsverfahrens zu diesen Verträgen. Das Unternehmen könne auf seine Expertise nicht verzichten, zumindest so lange, bis gegen ihn Anklage erhoben wird, heißt es. Das sei das Beste für die Firma.

Lauter Heilige, wohin man blickt. Auch im Büro von Heinz Seiffert; er hat sich einen Auferstehungschristus an die Wand gehängt, spätgotisch, aus der Ulmer Schule. Seiffert ist Landrat des Alb-Donau-Kreises, also von »um Ulm herum«, und zugleich ist er einer der wichtigsten Energiemanager Deutschlands. Aus seinem Landratsamtsbüro steuert er die OEW, und dieser verzwergende Eindruck kann durchaus als Tarnung verstanden werden. Seit die EnBW gegründet wurde, gehört sie fast zur Hälfte der OEW, hinter der neun Landkreise aus dem Süden Baden-Württembergs stehen.

Seiffert ist der Vorsitzende der OEW, und zugleich sitzt er seit 2007 im Aufsichtsrat der EnBW. Seine Aufgabe ist es auch, die Vorstände zu kontrollieren. Er könnte erklären, was in diesem Unternehmen eigentlich los ist. Doch Seiffert hat das Verzwergende perfekt verinnerlicht. Er gibt den biederen, provinziellen Landrat.

Bykow? »Habe ich zweimal gesehen«, sagt er. »Ich war noch nie in meinem Leben in Moskau.«

Russlandgeschäfte? »Da gab es kaum Entscheidungen im Aufsichtsrat.«

Dubiose Verträge? »Haben wir nichts davon gewusst.«

Der andere Teil der EnBW hat bis zum Mappus-Rückkauf zehn Jahre lang den Franzosen gehört, der Électricité de France (EdF). Die Manager des weltweit zweitgrößten Stromerzeugers stießen im Aufsichtsrat auf die Schar der oberschwäbischen Landräte. Das konnte nicht gut gehen. Die einen wollten hoch hinaus, irgendwann die Mehrheit übernehmen, die anderen bloß ihre Dividende sichern, schließlich ging es um 60 Millionen Euro pro Jahr für ihre Landkreisbudgets, Die Landräte mussten hoffen, von den Franzosen nicht über den Tisch gezogen zu werden. Und sie holten sich einen starken Verbündeten: Claus Dieter Hoffmann, den heutigen EnBW-Aufsichtsratschef. Wie später herauskam, erhält Hoffmann von der OEW ein eigenes Beraterhonorar in Höhe von rund 200.000 Euro im Jahr. Viele halten Hoffmann, im Hauptberuf Unternehmensberater, und die OEW für die eigentliche Machtachse des Konzerns, bis heute. Ein starker Aufsichtsratschef, der sich schwache Vorstandsvorsitzende sucht und de facto das Unternehmen steuert: Auch das begründet die Schieflage der EnBW.

Nun schüttet der Konzern immer weniger aus, die Landräte können nicht mehr so viel Geld verteilen. Und wenn es um sein Geld geht, entpuppt sich der Landrat Heinz Seiffert als Finanzstratege. Der frühere finanzpolitische Sprecher der CDU im Bundestag spricht dann über Pull-Optionen, IFRS-Bilanzierungsregeln, Abschreibungen und Drohverlustrückstellungen. Jedenfalls ist er beunruhigt. »Die EnBW ist schon zu lange in den Schlagzeilen. Die Schiedsgerichtsverfahren, der Untersuchungsausschuss, das alles gefällt uns nicht.« Er will, dass Ruhe einkehrt. Aufklärung über die dubiosen Geschäfte ist von diesem Teil des Aufsichtsrats also eher nicht zu erwarten.

Es ist der symbolische Blick aus dem Fenster, man sieht den Vorgarten, das reicht. Das Gartenzwergprinzip. Doch keiner soll sich täuschen. Hinter dieser Provinzialität steckt ein Berg von Selbstbewusstsein. Das Kleine, gepaart mit großer Arroganz. Und bis zur letzten Landtagswahl war das Kleine gepaart mit einer großen Partei. Als die CDU in Baden-Württemberg noch die Macht hatte, war das Unternehmen eng mit der Landespolitik verfilzt. Für die CDU war die EnBW so etwas wie das Landesamt für Energiefragen – ein quasistaatlicher Betrieb, der staatlichen Interessen dient.

EnBW als williges Werkzeug der CDU

Die EnBW entstand aus der Fusion der beiden regionalen Stromversorger Badenwerk und Energie-Versorgung Schwaben (EVS), und zum fusionierten Unternehmen gehörte ein riesiger Bauchladen an Firmenbeteiligungen, der unter Gerhard Goll, dem ersten EnBW-Chef, noch wuchs. Mehr als 300 Beteiligungen sind es am Ende von Golls Amtszeit, darunter der Parkhausbetreiber Apcoa und die Schuhmarke Salamander. »Das Unternehmen wurde massiv politisch missbraucht«, sagt ein Insider.

Gerhard Goll, 70 Jahre, EnBW-Chef bis 2003: Sein Wort gilt etwas in Baden-Württemberg, und wer ihn in seinem Karlsruher Privathaus besucht, dem gibt er gerne Rat. Es besuchen ihn viele. Goll hat noch immer glänzende Kontakte ins Unternehmen, er hat auch Kontakt zum französischen Stromkonzern EdF, dem langjährigen Großaktionär der EnBW. In der baden-württembergischen CDU behaupten manche, Goll bekäme von EdF nach wie vor Geld, aber Goll bestreitet das.

Als Goll im Januar 1997 der erste Vorstandschef der neu gegründeten EnBW wird, ist das keine Überraschung. Energieversorger haben eine natürliche Nähe zur Politik, und Goll ist ein Mann der Politik. Er hat in den Achtzigern als Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Landtag gearbeitet; später holte ihn der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel in seine Landesregierung, als Staatsrat mit Stimmrecht im Kabinett. Goll und Teufel sind damals sehr eng, und sehr eng ist Goll auch mit einem anderen mächtigen Mann der baden-württembergischen CDU: dem damaligen Generalsekretär Volker Kauder. »Wenn die CDU jemanden unterbringen musste, dann fand man einen Platz bei der EnBW«, sagt einer, der damals schon im Unternehmen war. So war es etwa beim früheren Oberbürgermeister von Baden-Baden, Ulrich Wendt, der nach seiner Abwahl bei der EnBW landete.

Wie sehr EnBW mit der Landespolitik verbandelt ist, zeigt eine Affäre, die das Unternehmen bis heute juristisch beschäftigt: der sogenannte Thermoselect-Skandal, bei dem der EnBW-Vorläufer Badenwerk viele Millionen in eine Fabrik zur Müllentsorgung investierte. Die neue Technologie floppte, EnBW verlor rund 400 Millionen Euro. Politisch brisant: Womöglich kam das Geschäft damals auch wegen einer Parteispende zustande – einer Spende an die CDU.

Im Februar 1995 lässt der damalige Badenwerk-Chef Goll 50 Millionen Mark auf ein Konto in Liechtenstein überweisen. Empfänger ist Günther Kiss, der Erfinder der Thermoselect-Technologie. Kiss ist damals eine große Nummer im Müllgeschäft, »Scharen von Regional- und Landespolitikern« besuchen ihn in seiner Villa am Lago Maggiore, erzählt ein EnBW-Manager. Die 50 Millionen Mark sind eine Anzahlung, »eine gute Basis für die weiteren Verhandlungen«, wie die EnBW an Kiss schreibt. Allerdings: Es gibt zu diesem Zeitpunkt noch keinen unterschriftsreifen Kaufvertrag und wohl nicht einmal die Genehmigung des Aufsichtsrats für eine Beteiligung an Thermoselect.

Erst zehn Monate nach der millionenschweren Anzahlung, im Dezember 1995, steigt das Badenwerk, ein Vorläufer der EnBW, mit 25,1 Prozent bei Thermoselect ein. Vorher lässt Kiss 100.000 Mark an die CDU Baden-Württemberg überweisen. So steht es einem Medienbericht zufolge in einem internen Vermerk von Thermoselect. Wurde der Einstieg des Stromunternehmens also von einer Parteispende an die CDU abhängig gemacht? Gerhard Goll will davon nichts wissen. Auch der damalige Generalsekretär der Landes-CDU, Volker Kauder – heute als CDU-Fraktionschef im Bundestag einer der wichtigsten Vertrauten der Kanzlerin –, bestreitet einen Zusammenhang.

Archiv vernichtet

Als Goll 2003 aus der EnBW ausscheidet, wird das Archiv der Konzernrevision vernichtet. So steht es in einem Vorstandsprotokoll, das der ZEIT vorliegt. Goll bestreitet, die Vernichtung der Dokumente angeordnet zu haben. Die Verträge, die er mit Bykow gemacht hat, sind erhalten geblieben.

Die CDU in Stuttgart hat die EnBW immer als »ihren« Stromversorger betrachtet, und so war es politisch auch ziemlich umstritten, dass unter Ministerpräsident Teufel die Hälfte des Unternehmens an den französischen Stromkonzern EdF verkauft wurde. Baden-württembergische Unionspolitiker sagen, der Verkauf an EdF sei der erste harte Konflikt zwischen Teufel und seinem möglichen Nachfolger Günther Oettinger gewesen. Als Oettinger Ministerpräsident wird, erwägt er, die EnBW-Anteile zurückzukaufen. Es ist dann Oettingers Nachfolger Stefan Mappus, der im Dezember 2010 tatsächlich zugreift.

Auch wenn die neue Spitze der baden-württembergischen CDU heute davon nichts mehr wissen will: Damals, im Dezember 2010, bejubeln noch viele den Rückkauf der EnBW-Anteile. Zu verlockend war wohl die Aussicht, wieder so richtig in die Energiepolitik eingreifen zu können. Man fragt sich allerdings, wie blind sich Stefan Mappus und seine Gefolgsleute in dieses Abenteuer gestürzt haben, angesichts der für alle längst sichtbaren internen Probleme des Konzerns.

Und dann passiert im japanischen Fukushima auch noch die Atomkatastrophe. In Berlin beschleunigt die Regierung den deutschen Atomausstieg. Und in Stuttgart kommen die Grünen an die Macht – auch an die Macht bei EnBW.

Die Grünen könnten Land und Unternehmen zu einem Musterbeispiel für Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien umbauen – doch sie wissen nicht, wie sie mit ihrer Macht umgehen sollen. Auch beim Regierungspartner SPD scheint sich niemand so richtig damit befasst zu haben, was mit der EnBW geschehen soll. Und einer, der es wissen müsste – der grüne Umweltminister Franz Untersteller –, darf nicht, weil er als Chef der Atomaufsichtsbehörde nicht zugleich Aufsichtsrat der Stromfirma sein kann. Von Aufbruchstimmung und Tatendrang ist wenig zu spüren. In Stuttgart begegnet einem die große Ratlosigkeit.

Aufarbeiten, wer für die dubiosen Geschäfte verantwortlich ist? »Das überlassen wir der Staatsanwaltschaft«, heißt es aus der Partei, die früher nichts ausließ, den Atomkonzern zu kritisieren.

Ist Bykow Vergangenheit? »Wir hoffen es.«

Wie soll der Atomkonzern mit grüner Energie künftig Geld verdienen? »Wir zählen auf den Geist des neuen Vorstandsvorsitzenden.«

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Und die Probleme werden größer und größer. In diesem Jahr hat EnBW rund ein Viertel weniger Strom verkauft als im Vorjahr, prestigeträchtige Kunden wie Bosch und Daimler sind schon zuvor abgesprungen. Auf dem Unternehmen lasten acht Milliarden Euro Schulden. Im vergangenen Jahr hat die EnBW einen Verlust gemeldet, weil Beteiligungen zuvor zu teuer gekauft worden waren und zwei der vier Atomkraftwerke nicht mehr laufen. Auch auf dem lokalen Markt tut sich die EnBW schwer – viele Stadtwerke wenden sich ab, sie fühlten sich jahrelang schlecht behandelt und können nun dank Windrädern und Solaranlagen eigene Wege gehen.

Statt die Energiewende voranzutreiben, wird die EnBW von ihr überrollt. Mit der neuen Welt, in der es statt weniger Großanlagen Tausende kleine Kraftwerke in den Gärten und auf den Dächern der Kunden geben wird, weiß die EnBW nicht umzugehen. Strom aus erneuerbaren Quellen hat Vorrang im Netz, die bestehenden Kraftwerke geraten dadurch immer weiter unter Druck; sogar der Preis für Spitzenlaststrom verfällt an der Börse, Pumpspeicher lohnen sich nicht mehr. Beim Umbau auf grünen Strom gab es zuletzt einen Rückschlag, das Unternehmen musste ein Windkraftprojekt in der Nordsee stoppen. »Die alte Welt stirbt schneller ab, als die neue wächst«, sagt ein grüner Politiker. »Und mit ihr die EnBW.«

Auch Andrej Bykow muss sich grämen. Die Schweizer Justiz ließ Gebäude früherer Bykow-Firmen durchsuchen und legte mehrere Hundert Millionen Euro auf Eis. Doch Anfang nächsten Jahres will Bykow in die Offensive gehen. Er wird ein Buch über den Fall EnBW veröffentlichen, »mit der ganzen Wahrheit«, wie er sagt.

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Leserkommentare
  1. zwischen den Landesregierungen Badenwürtenbergs und Frankreich zu Zeiten des Hochs der Atomkraftwerke waren der Auslöser, das Wegschicken des fähigen Clasens gab dem ganzen den Rest.

    Nun könnte eine Übernahme durch die regionalen Stadtwerke diesen Giganten auflöesen da die vielen Atomkraftwerke diesem Konzern ohnehin das Aus bereiten werden.

    Eine Leserempfehlung
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    Meinen Sie Utz Claassen?
    Also fähig, hmmmm, soweit ich weiß, können sich die "Verstrickungen" unter Claassen aber auch sehen lassen :-)

  2. Meinen Sie Utz Claassen?
    Also fähig, hmmmm, soweit ich weiß, können sich die "Verstrickungen" unter Claassen aber auch sehen lassen :-)

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "die Verstrickungen"
  3. "Die Grünen könnten Land und Unternehmen zu einem Musterbeispiel für Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien umbauen – doch sie wissen nicht, wie sie mit ihrer Macht umgehen sollen. Auch beim Regierungspartner SPD scheint sich niemand so richtig damit befasst zu haben, was mit der EnBW geschehen soll."

    Wie der Artikel zeigt basieren große Probleme von EnBW auf der Verflechtung mit Regierungspoltik, was bis zu den letzten Wahlen gleichbedeutend mit CDU-Politik ist. Grüne und SPD wären dumm, wenn sie in dieses Fass hüpfen würden, bei dem gerade der Boden bricht.

    "»Die alte Welt stirbt schneller ab, als die neue wächst«, sagt ein grüner Politiker. »Und mit ihr die EnBW.«"

    Genau so ist es. Die Wähler im Ländle haben den Machtwechsel herbeigeführt, damit die Dinge anders angegangen werden. Das Geschäftsmodell von EnBW ist zum Großteil nicht zukunftsfähig, die alte Regierung wollte es zurück. Die neue Regierung kann damit nichts anfangen, EnBW verkörpert das exakte Gegenteil dessen, wie sich Grüne und SPD die Energiepolitik, Energieerzeugung und erforderliche Energieinfrastruktur vorstellen.

    Um EnBW zu stützen müsste die aktuelle Landesregierung das Gegenteil dessen fördern, was sie seit Jahren (teils Jahrzehnten) politsch anstrebt. Sie müsste gegen die Bundesregierung und andere Länder ankämpfen, die sich der Energiewende verschrieben haben.

    Entweder EnBW erfindet sich selbst neu, ohne landespolitische Subventionen jeglicher Art, oder geht unter. Willkommen am Markt, EnBW.

    3 Leserempfehlungen
  4. .. klingt nett, ist aber der ZEIT unwürdig :-)

    Trotzdem danke für diesen informativen Artikel. (Und wenn der ulkige Fehler ausgebessert ist können Sie diesen Beitrag gerne löschen.)

    2 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Lieber Herr Nehls,
    vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert.

    Beste Grüße
    Matthias Breitinger

    • goldi53
    • 04. Januar 2013 18:42 Uhr

    Der Artikel zeigt überdeutlich wozu es führt wenn Politker, egal welcher Coleur, meinen etwas von „Wirtschaft“ zu verstehen. Die Verquickung zwischen den Beteiligten hat ein „Geschmäckle“ das zum Himmel stinkt. Wie lautet ein treffendes Sprichwort: Was ist der Unterschied zwischen einer Hundehütte und einem Aufsichtrat? Antwort, die Hundehütte ist für den Hund, der Aufsichtrat ist für die Katz. Über Politikverdrossenheit muss sich nun doch wirklich keiner mehr grämen

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    nichts von Wirtschaft verstehen? Es steht doch nichts dagegeben, entsprechend ausgebildet zu sein und Erfahrungen zu haben. - Nur, in der Position als Politiker in einer Regierung haben Verpflechtungen mit der Wirtschaft nichts zu suchen; das widerspricht schon dem Amtseid und seiner übernommenen Verantwortung. - Aber in BW bei EnBW sieht man, daß es gern gesehen wird, sich mit wirtschaftlich unbedarften resp. unwissend sein wollenden Politikern und der CDU zu verbandeln, um die Abzockergeschäfte in die eigene Tasche machen zu können und dem Volk eins vom Pferd zu erzählen, immer zugedeckt mit dem Mäntelchen "Geld". - Der Herr Kauder spricht doch heute noch sein Kauder-Welsch in Berlin; der Umweltminister Altmaier scheint sich am Geschäft mit den Russen beteiligen zu wollen (Atommüll und Änderung von Gesetzen). - Das Lied ist noch nicht ausgesungen, und die neue Landesregierung von GRÜNEN und SPD tut gut daran, sich herauszuhalten resp. abzuwarten. Beobachten werden sie es gründlich. -

  5. Redaktion

    Lieber Herr Nehls,
    vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert.

    Beste Grüße
    Matthias Breitinger

  6. jetzt sind daraus etwa 1 Mrd. Verlust geworden. Aber die Menschen in BaWü können sich garnicht beschweren, sie wollten ja Rotgrün, die Demonstranten für den Atomausstieg.

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    Haben sie den Artikel überhaupt gelesen? Und wenn ja, auch nur eine Zeile Text verstanden?

    Die Probleme der EnBW sind im Missmanagement der letzten Jahre und Jahrzehnte begründet, und ein Grund war die enge politische Nähe zur von der CDU geführten Landesregierung. Die neue Regierung darf nun den Augiasstall ausmisten.
    Aber es ist immer schön, wenn man sich die Relität so zurechtbiegen kann, damit sie wieder ins eigene Weltbild passt!
    Nicht wahr?

    die lupenreine Regierung unter Mappus hat alles richtig gemacht und die bösen linken Sozen und grünen Hippies, die aus Ideologie und Technikfeindlichkeit den Atomausstieg wollten, haben nun die Verluste zu verantworten.

    Glauben Sie das wirklich? Dann halten Sie Silvio Berlusconi wohl auch für einen lupenreinen Demokraten.

    „Unter Mappus hatte der Konzern noch ca. 1 Mrd. Gewinn jetzt sind daraus etwa 1 Mrd. Verlust geworden. Aber die Menschen in BaWü können sich garnicht beschweren, sie wollten ja Rotgrün, die Demonstranten für den Atomausstieg.“

    Ein halbes Jahr nach dem Kauf tauchten in der Bilanz der EnBW horrende Abschreibungen an der Beteiligung am Oldenburger Regionalversorger Ewe von 370 Mio. € und beim österreichischen Versorger EVN von 245 Mio. € auf, die nichts mit Fukushima zu tun hatten. Man wollte in den Jahren zuvor noch die sehr hohe Fixierung auf Kernenergie reduzieren und hat zu teuer eingekauft.
    Der erste „Atomausstieg“ war übrigens 10 Jahre Konsens. Mappus sagte übrigens in seinem Kleinkrieg mit Parteifreund Röttgen, er wolle die AKW bis an die Grenze der technischen Haltbarkeit laufen lassen. Ich vermisse ihn nicht.

    • zappp
    • 05. Januar 2013 7:24 Uhr

    Womit sie ihre Glaubwürdigkeit in der Atompolitik und letztlich trotzdem auch noch die BW-Wahl verloren haben.

    • kausz
    • 04. Januar 2013 19:11 Uhr

    so wie es auch bei der Deutschen Bahn mit der Heraustrennung des Schienennetzes geschehen sollte (Monopolkomission).

    Ja, es macht Sinn, die EnBW in die Bereiche
    - Stromproduktion und
    - Stromverteilung
    aufzusplitten. Sodann muss das Stromnetz 100%-ig in das Eigentum des Landes Baden Württemberg überführt werden. Gerne kann es ein privates Unternehmen immer für 5 bis max 10 Jahre betreiben. Dieses Netz ist an die Bedürfnisse der EEG Produktion anzupassen.

    Die Stromproduktion ist schnellstmöglich zu privatisieren. Ggf können ja die OEW diesen Teil bekommen indem diese den Netzanteil im Gegenzu an das Land abgeben.

    Mit dem Vermögen der Baden-Württemberg Stiftung, welche seinerzeit mit den Erlösen des EnBW Verkaufs an die EdF erzielt wurden, sind die unter Stefan Mappus mit CDU und FDP gemachten Schulden für den überteuerten Rückkauf des EdF Anteils zu bezahlen (sehr wahrscheinlich reicht das Geld hinten und vorne nicht).

    Sodann muss das Stromnetz auf Vordermann gebracht werden.

    Hierzu ist es auch notwendig bei den Verbrauchern generell kostengünstige Multitarifzählen zu installieren so dass die Nachfrage sich aufgrund stark schwankender Verkaufspreise den schankenden EEG Angebot anpasst (wie in der ÖFFENTLICHEN PETITION Nr. 37869 beschrieben, am 15.11.2012 beim Bundestag eingereicht wurde die aber immer noch NICHT veröffentlicht ist). Ggf sollte das Land dies prüfen und möglicherweise im Alleingang und ohne den Bund machen wenn es dort nicht klappt.

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    • kausz
    • 06. Januar 2013 19:30 Uhr

    So könnte es gehen:

    aus der NZZ:

    'Das Schweizer Strom-Übertragungsnetz gehört ab sofort der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid. Swissgrid hat das Netz im Zuge einer Kapitalerhöhung von den Elektrizitätsversorgungsunternehmen übernommen.'

    http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/swissgrid-kauft-schweizer-stromnetz-1....

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