Der andere Teil der EnBW hat bis zum Mappus-Rückkauf zehn Jahre lang den Franzosen gehört, der Électricité de France (EdF). Die Manager des weltweit zweitgrößten Stromerzeugers stießen im Aufsichtsrat auf die Schar der oberschwäbischen Landräte. Das konnte nicht gut gehen. Die einen wollten hoch hinaus, irgendwann die Mehrheit übernehmen, die anderen bloß ihre Dividende sichern, schließlich ging es um 60 Millionen Euro pro Jahr für ihre Landkreisbudgets, Die Landräte mussten hoffen, von den Franzosen nicht über den Tisch gezogen zu werden. Und sie holten sich einen starken Verbündeten: Claus Dieter Hoffmann, den heutigen EnBW-Aufsichtsratschef. Wie später herauskam, erhält Hoffmann von der OEW ein eigenes Beraterhonorar in Höhe von rund 200.000 Euro im Jahr. Viele halten Hoffmann, im Hauptberuf Unternehmensberater, und die OEW für die eigentliche Machtachse des Konzerns, bis heute. Ein starker Aufsichtsratschef, der sich schwache Vorstandsvorsitzende sucht und de facto das Unternehmen steuert: Auch das begründet die Schieflage der EnBW.

Nun schüttet der Konzern immer weniger aus, die Landräte können nicht mehr so viel Geld verteilen. Und wenn es um sein Geld geht, entpuppt sich der Landrat Heinz Seiffert als Finanzstratege. Der frühere finanzpolitische Sprecher der CDU im Bundestag spricht dann über Pull-Optionen, IFRS-Bilanzierungsregeln, Abschreibungen und Drohverlustrückstellungen. Jedenfalls ist er beunruhigt. »Die EnBW ist schon zu lange in den Schlagzeilen. Die Schiedsgerichtsverfahren, der Untersuchungsausschuss, das alles gefällt uns nicht.« Er will, dass Ruhe einkehrt. Aufklärung über die dubiosen Geschäfte ist von diesem Teil des Aufsichtsrats also eher nicht zu erwarten.

Es ist der symbolische Blick aus dem Fenster, man sieht den Vorgarten, das reicht. Das Gartenzwergprinzip. Doch keiner soll sich täuschen. Hinter dieser Provinzialität steckt ein Berg von Selbstbewusstsein. Das Kleine, gepaart mit großer Arroganz. Und bis zur letzten Landtagswahl war das Kleine gepaart mit einer großen Partei. Als die CDU in Baden-Württemberg noch die Macht hatte, war das Unternehmen eng mit der Landespolitik verfilzt. Für die CDU war die EnBW so etwas wie das Landesamt für Energiefragen – ein quasistaatlicher Betrieb, der staatlichen Interessen dient.

EnBW als williges Werkzeug der CDU

Die EnBW entstand aus der Fusion der beiden regionalen Stromversorger Badenwerk und Energie-Versorgung Schwaben (EVS), und zum fusionierten Unternehmen gehörte ein riesiger Bauchladen an Firmenbeteiligungen, der unter Gerhard Goll, dem ersten EnBW-Chef, noch wuchs. Mehr als 300 Beteiligungen sind es am Ende von Golls Amtszeit, darunter der Parkhausbetreiber Apcoa und die Schuhmarke Salamander. »Das Unternehmen wurde massiv politisch missbraucht«, sagt ein Insider.

Gerhard Goll, 70 Jahre, EnBW-Chef bis 2003: Sein Wort gilt etwas in Baden-Württemberg, und wer ihn in seinem Karlsruher Privathaus besucht, dem gibt er gerne Rat. Es besuchen ihn viele. Goll hat noch immer glänzende Kontakte ins Unternehmen, er hat auch Kontakt zum französischen Stromkonzern EdF, dem langjährigen Großaktionär der EnBW. In der baden-württembergischen CDU behaupten manche, Goll bekäme von EdF nach wie vor Geld, aber Goll bestreitet das.

Als Goll im Januar 1997 der erste Vorstandschef der neu gegründeten EnBW wird, ist das keine Überraschung. Energieversorger haben eine natürliche Nähe zur Politik, und Goll ist ein Mann der Politik. Er hat in den Achtzigern als Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Landtag gearbeitet; später holte ihn der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel in seine Landesregierung, als Staatsrat mit Stimmrecht im Kabinett. Goll und Teufel sind damals sehr eng, und sehr eng ist Goll auch mit einem anderen mächtigen Mann der baden-württembergischen CDU: dem damaligen Generalsekretär Volker Kauder. »Wenn die CDU jemanden unterbringen musste, dann fand man einen Platz bei der EnBW«, sagt einer, der damals schon im Unternehmen war. So war es etwa beim früheren Oberbürgermeister von Baden-Baden, Ulrich Wendt, der nach seiner Abwahl bei der EnBW landete.

Wie sehr EnBW mit der Landespolitik verbandelt ist, zeigt eine Affäre, die das Unternehmen bis heute juristisch beschäftigt: der sogenannte Thermoselect-Skandal, bei dem der EnBW-Vorläufer Badenwerk viele Millionen in eine Fabrik zur Müllentsorgung investierte. Die neue Technologie floppte, EnBW verlor rund 400 Millionen Euro. Politisch brisant: Womöglich kam das Geschäft damals auch wegen einer Parteispende zustande – einer Spende an die CDU.

Im Februar 1995 lässt der damalige Badenwerk-Chef Goll 50 Millionen Mark auf ein Konto in Liechtenstein überweisen. Empfänger ist Günther Kiss, der Erfinder der Thermoselect-Technologie. Kiss ist damals eine große Nummer im Müllgeschäft, »Scharen von Regional- und Landespolitikern« besuchen ihn in seiner Villa am Lago Maggiore, erzählt ein EnBW-Manager. Die 50 Millionen Mark sind eine Anzahlung, »eine gute Basis für die weiteren Verhandlungen«, wie die EnBW an Kiss schreibt. Allerdings: Es gibt zu diesem Zeitpunkt noch keinen unterschriftsreifen Kaufvertrag und wohl nicht einmal die Genehmigung des Aufsichtsrats für eine Beteiligung an Thermoselect.

Erst zehn Monate nach der millionenschweren Anzahlung, im Dezember 1995, steigt das Badenwerk, ein Vorläufer der EnBW, mit 25,1 Prozent bei Thermoselect ein. Vorher lässt Kiss 100.000 Mark an die CDU Baden-Württemberg überweisen. So steht es einem Medienbericht zufolge in einem internen Vermerk von Thermoselect. Wurde der Einstieg des Stromunternehmens also von einer Parteispende an die CDU abhängig gemacht? Gerhard Goll will davon nichts wissen. Auch der damalige Generalsekretär der Landes-CDU, Volker Kauder – heute als CDU-Fraktionschef im Bundestag einer der wichtigsten Vertrauten der Kanzlerin –, bestreitet einen Zusammenhang.

Archiv vernichtet

Als Goll 2003 aus der EnBW ausscheidet, wird das Archiv der Konzernrevision vernichtet. So steht es in einem Vorstandsprotokoll, das der ZEIT vorliegt. Goll bestreitet, die Vernichtung der Dokumente angeordnet zu haben. Die Verträge, die er mit Bykow gemacht hat, sind erhalten geblieben.

Die CDU in Stuttgart hat die EnBW immer als »ihren« Stromversorger betrachtet, und so war es politisch auch ziemlich umstritten, dass unter Ministerpräsident Teufel die Hälfte des Unternehmens an den französischen Stromkonzern EdF verkauft wurde. Baden-württembergische Unionspolitiker sagen, der Verkauf an EdF sei der erste harte Konflikt zwischen Teufel und seinem möglichen Nachfolger Günther Oettinger gewesen. Als Oettinger Ministerpräsident wird, erwägt er, die EnBW-Anteile zurückzukaufen. Es ist dann Oettingers Nachfolger Stefan Mappus, der im Dezember 2010 tatsächlich zugreift.

Auch wenn die neue Spitze der baden-württembergischen CDU heute davon nichts mehr wissen will: Damals, im Dezember 2010, bejubeln noch viele den Rückkauf der EnBW-Anteile. Zu verlockend war wohl die Aussicht, wieder so richtig in die Energiepolitik eingreifen zu können. Man fragt sich allerdings, wie blind sich Stefan Mappus und seine Gefolgsleute in dieses Abenteuer gestürzt haben, angesichts der für alle längst sichtbaren internen Probleme des Konzerns.