EnergieversorgerSchwäbisches Bubenstück

Managementfehler, politischer Filz und Betrugsvorwürfe: Deutschlands drittgrößter Stromkonzern EnBW kämpft ums Überleben. von Mark Brost, und

Der Konzern hat mal wieder einen neuen Chef, und wieder muss dieser Chef, Frank Mastiaux heißt er, Angst haben vor der Vergangenheit. Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt gegen eine ganze Reihe von Spitzenmanagern dieses Konzerns. Es geht um Betrug und Untreue, um Russland-Deals, Scheingeschäfte und Machenschaften der zwielichtigsten Art. Im Stuttgarter Landtag versucht ein Untersuchungsausschuss zu klären, ob die 4,7 Milliarden Euro, die der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus für den Kauf von knapp der Hälfte der Konzernaktien ausgegeben hat, nicht viel zu viel waren. Ein Absturz der dramatischen Art ist zu besichtigen. Einst galt die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) als industrielle Perle, als Musterbeispiel für die Methode, Strom in Geld zu verwandeln. Jetzt geht es für Deutschlands drittgrößten Stromerzeuger schlicht ums Überleben.

Der Konzern ist ein Riese, immer noch. Die EnBW hat etwa 20.000 Mitarbeiter, der Umsatz betrug 2011 immer noch mehr als 18 Milliarden Euro. Aber es ist ein gelähmter, tief verängstigter Riese, so beschreiben Insider das Unternehmen. »Jeder misstraut dem anderen. Das Lieblingsspiel heißt momentan: die Verantwortung von einem zum anderen schieben. Keiner trifft irgendeine Entscheidung«, sagt einer, der es wissen muss.

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Nach der schlechten Bilanz 2011 – mehr als 800 Millionen Euro Verlust – werden auch für 2012 keine guten Zahlen folgen. Es drohen empfindliche Sparrunden, einen ersten Namen gibt es schon dafür, Sparprogramm »Fokus«: 750 Millionen Euro will Mastiaux jährlich sparen, 1.350 Jobs fallen Ende 2013 weg. Es herrscht ein gewaltiger Kapitalbedarf von rund einer Milliarde Euro, doch woher nehmen?

Vier Vorstandschefs in zehn Jahren

Frank Mastiaux ist der vierte Vorstandschef binnen zehn Jahren – und wie vor jedem seiner Vorgänger bauen sich auch vor ihm die Gespenster der Vergangenheit auf. Denn EnBW befindet sich nicht allein wegen unternehmerischer Fehlentscheidungen in Turbulenzen. Der Konzern ist politisch verfilzt. Und intern dominieren die persönlichen Interessen einiger weniger.

Als wäre das alles noch nicht genug, muss EnBW gleichzeitig auch noch die Energiewende bestehen. Bloß wie? Der Konzern hatte einen Atomstromanteil von 50 Prozent, den höchsten unter den deutschen Energieversorgern. In den Stuttgarter Machtkanälen kursiert nun sogar die Idee, EnBW zu zerschlagen – in einen guten, grünen Teil, der sich vor allem auf erneuerbare Energien konzentrieren würde, und einen alten, bösen Teil, in dem man die Abwicklung der Kernenergie und am besten gleich die ganze Vergangenheit versenken könnte. Doch auch dieser Plan verliert sich im Ungefähren. »Wir stecken in einer schlimmen Situation fest«, sagt ein Manager aus der Konzernspitze. »Wohin wir auch schauen, wir sehen nichts als Fragezeichen.«

EnBW ist der Fragezeichen-Konzern.

Es sind illustre Personen, die in diesem Konzern und seinem engsten Umfeld wichtig sind. Jede von ihnen spielt eine eigene, seltsame Rolle. Doch alle zusammen ergeben sie ein unfassbar befremdliches Bild.

Da ist der ehemalige Vorstandschef, der EnBW schon lange verlassen hat, aber immer noch gute Kontakte ins Unternehmen pflegt – und der zu Hause, am heimischen Esstisch, Manager und Politiker empfängt und ihnen »Ratschläge« gibt.

Da ist der Aufsichtsratsboss, der sich gern einen schwachen Vorstandsvorsitzenden sucht – und der intern »der kleine Napoleon« genannt wird.

Da ist einer der beiden Hauptanteilseigner, eine Gruppe schwäbischer Landkreise, die ihr milliardenschweres Aktienpaket von einer Sekretärin verwalten ließ.

Da ist der Technikvorstand, der darum bitten musste, sein Amt wegen des Verdachts auf Ungereimtheiten bei Millionengeschäften ruhen zu lassen – und der wenige Wochen später weiterarbeiten durfte.

Da ist ein früherer Kraftwerksmanager, der Millionendeals mit den Russen gemacht hat – und der nun vom eigenen Unternehmen verfolgt wird.

Und da ist ein russischer Lobbyist, der sich mit EnBW in verschiedenen Schiedsgerichtsverfahren um mehr als 120 Millionen Euro streitet – und der dem Unternehmen eine juristische Niederlage nach der anderen zufügt.

Wer also weiß wirklich Bescheid in diesem Konzern, der mittlerweile dem Staat gehört? Hat jemand alle Fäden in der Hand? Oder haben sich die Fäden längst in ein einziges Chaos verstrickt? Wir hätten Frank Mastiaux gerne dazu befragt. Doch er möchte nicht sprechen und beruft sich auf die Schonzeit der ersten hundert Tage. Im Januar will er sich mit einer großen Rede zu Wort melden. Zukunftsweisend soll sie sein, natürlich.

In Moskau treffen wir den Geschäftsmann Andrej Bykow, mit dem die EnBW jahrelang ganz besondere Geschäfte gemacht hat. Ein blasser, leicht übergewichtiger Mann mit recht langen, glatten Haaren, der perfekt Deutsch spricht, weil er in Ost-Berlin gewissermaßen aufgewachsen ist, zu Zeiten des Kalten Krieges, sein Vater war Diplomat. Er sitzt in seinem riesigen Büro, vor ihm zwei Großbildfernseher, hinter ihm eine Wand voller russischer Ikonen, eine Kerze brennt. Eine Frau trägt auf Geheiß Getränke herbei, derart gebückt und derart langsam, dass man denken könnte, sie hätte ein dickes Problem, wenn sie einen Tropfen verschüttete. Wenn sein Computer zickt, gibt Bykow telefonisch Kommandos durch, Sekunden später hastet ein Techniker herein. Andrej Bykow: ein Mann wie aus einem Hollywoodfilm. Er sagt, alles, was er tue, tue er aus Liebe. Bei seinen Gegnern regiere hingegen die Angst. Er sagt auch, sein Leben sei in Gottes Hand. Ansonsten lacht er gerne immer wieder, ein Lachen, das einem noch lange in Erinnerung bleibt, ein Meckern, das nicht mehr enden will.

Leserkommentare
  1. Haben sie den Artikel überhaupt gelesen? Und wenn ja, auch nur eine Zeile Text verstanden?

    Die Probleme der EnBW sind im Missmanagement der letzten Jahre und Jahrzehnte begründet, und ein Grund war die enge politische Nähe zur von der CDU geführten Landesregierung. Die neue Regierung darf nun den Augiasstall ausmisten.
    Aber es ist immer schön, wenn man sich die Relität so zurechtbiegen kann, damit sie wieder ins eigene Weltbild passt!
    Nicht wahr?

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  2. nichts von Wirtschaft verstehen? Es steht doch nichts dagegeben, entsprechend ausgebildet zu sein und Erfahrungen zu haben. - Nur, in der Position als Politiker in einer Regierung haben Verpflechtungen mit der Wirtschaft nichts zu suchen; das widerspricht schon dem Amtseid und seiner übernommenen Verantwortung. - Aber in BW bei EnBW sieht man, daß es gern gesehen wird, sich mit wirtschaftlich unbedarften resp. unwissend sein wollenden Politikern und der CDU zu verbandeln, um die Abzockergeschäfte in die eigene Tasche machen zu können und dem Volk eins vom Pferd zu erzählen, immer zugedeckt mit dem Mäntelchen "Geld". - Der Herr Kauder spricht doch heute noch sein Kauder-Welsch in Berlin; der Umweltminister Altmaier scheint sich am Geschäft mit den Russen beteiligen zu wollen (Atommüll und Änderung von Gesetzen). - Das Lied ist noch nicht ausgesungen, und die neue Landesregierung von GRÜNEN und SPD tut gut daran, sich herauszuhalten resp. abzuwarten. Beobachten werden sie es gründlich. -

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    Antwort auf "Ein Desaster"
  3. 11. Genau,

    die lupenreine Regierung unter Mappus hat alles richtig gemacht und die bösen linken Sozen und grünen Hippies, die aus Ideologie und Technikfeindlichkeit den Atomausstieg wollten, haben nun die Verluste zu verantworten.

    Glauben Sie das wirklich? Dann halten Sie Silvio Berlusconi wohl auch für einen lupenreinen Demokraten.

    4 Leserempfehlungen
  4. EnBW ist in der Hand von Land und Kommunen - der erste verstaatlichte Energiekonzern. Hier könnte GrünRot zeigen, dass es auch ohne Atomkraft geht. Aber dazu fehlt der Mut. Vor allem würde es Milliarden an Investitionen kosten und wo soll das Geld ohne Atomstrom herkommen. EnBW ist das beste Beispiel, dass die Energiewende zu kurzfristig gedacht ist und mehr Zeit jede Menge Geld gespart hätte. Die Schweiz läßt sich ein Jahrzehnt mehr Zeit mit dem Ausstieg und spart damit rund 50 Milliarden an Kosten!

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    Lassen Sie uns doch einmal zehn Jahre warten, wie viel Kosten die Schweiz dann gespart haben will.

    Die Hypothese vom "gespart haben" ist übrigens eine Luftnummer.

    Oder können Sie heute sagen, wie viel Gewinn der ABC-Konzern (suchen Sie sich einen beliebigen aus) mehr gemacht hätte, hätte er sich 2003 von der XYZ-Sparte (dito) getrennt?

    Im Dunkeln ist immer gut munkeln.

  5. Lassen Sie uns doch einmal zehn Jahre warten, wie viel Kosten die Schweiz dann gespart haben will.

    Die Hypothese vom "gespart haben" ist übrigens eine Luftnummer.

    Oder können Sie heute sagen, wie viel Gewinn der ABC-Konzern (suchen Sie sich einen beliebigen aus) mehr gemacht hätte, hätte er sich 2003 von der XYZ-Sparte (dito) getrennt?

    Im Dunkeln ist immer gut munkeln.

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    Antwort auf "No Future"
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    Ja -dafür gibt es im Schwabenland eine excellentes Beispiel - Daimler-Benz und Chrysler.
    Alles in allem dürfte Daimler die Hochzeit im Himmel rund 40 Milliarden Euro gekostet haben. Autoanalyst Jürgen Pieper schätzt, dass dabei an Verlusten und Sonderbelastungen rund zehn Milliarden aufgelaufen sind. Weit schwerer wögen allerdings die Investitionen in Chrysler, die Pieper auf bis zu 30 Milliarden Euro schätzt. Für Daimler sind sie nun verloren.
    Hätte sich doch Daimler 2003 von Chrysler getrennt ........

  6. Ja -dafür gibt es im Schwabenland eine excellentes Beispiel - Daimler-Benz und Chrysler.
    Alles in allem dürfte Daimler die Hochzeit im Himmel rund 40 Milliarden Euro gekostet haben. Autoanalyst Jürgen Pieper schätzt, dass dabei an Verlusten und Sonderbelastungen rund zehn Milliarden aufgelaufen sind. Weit schwerer wögen allerdings die Investitionen in Chrysler, die Pieper auf bis zu 30 Milliarden Euro schätzt. Für Daimler sind sie nun verloren.
    Hätte sich doch Daimler 2003 von Chrysler getrennt ........

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    und <em>wäre</em> die Finanzkrise 2008/09 ausgeblieben, dann hätten sich manche im Daimlervorstand wohl ..

    Hinterher ist man immer schlauer (manche natürlich auch vorher).

    Doch so schlau man auch ist: die Verluste kann niemand beziffern. Sicherlich: Abschreibungen kann man beziffern - doch eben nicht, wie diese <em>im Falle, dass ..</em> ausgesehen hätten.

    Und eben so ist es mit der Entscheidung, die Endlagerung 10 Jahre später zu beginnen (die im Übrigen viel mit einem nach wie vor nicht vorhandenen, geeigneten Standort zu tun hat, und weniger mit Sparüberlegungen.)

  7. Wie gern spricht man mit Blick auf Praktiken in anderen Staaten von Korruption. Die vielen rätsel- und zweifelhaften Vorgänge um EnBW legen nahe, das Schmuddelwort auch im eigenen Land intensiver einzusetzen. Wer hätte wohl gedacht, dass die Zustände im CDU-BW-Stall jenen im Stall der sagenhaften Augias gleichen könnten.

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  8. „Unter Mappus hatte der Konzern noch ca. 1 Mrd. Gewinn jetzt sind daraus etwa 1 Mrd. Verlust geworden. Aber die Menschen in BaWü können sich garnicht beschweren, sie wollten ja Rotgrün, die Demonstranten für den Atomausstieg.“

    Ein halbes Jahr nach dem Kauf tauchten in der Bilanz der EnBW horrende Abschreibungen an der Beteiligung am Oldenburger Regionalversorger Ewe von 370 Mio. € und beim österreichischen Versorger EVN von 245 Mio. € auf, die nichts mit Fukushima zu tun hatten. Man wollte in den Jahren zuvor noch die sehr hohe Fixierung auf Kernenergie reduzieren und hat zu teuer eingekauft.
    Der erste „Atomausstieg“ war übrigens 10 Jahre Konsens. Mappus sagte übrigens in seinem Kleinkrieg mit Parteifreund Röttgen, er wolle die AKW bis an die Grenze der technischen Haltbarkeit laufen lassen. Ich vermisse ihn nicht.

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