GesetzesnovelleGeld oder Leiden

Anlässlich der Novelle des Tierschutzgesetzes wird in Deutschland derzeit wieder gestritten: Was darf man Tieren zumuten, was muss man Landwirten oder Forschern verbieten? von 

Alle paar Jahre flammt der Streit zwischen Tierschützern und Tiernutzern von Neuem auf. Immer geht es dabei um die Frage: Wie sehr dürfen Nutz- und Versuchstiere für unser Wohl leiden? Und welchen Stellenwert hat der Tierschutz in Deutschland? Seit einigen Wochen steht dieses Thema wieder auf der Agenda. Dabei geht es um die Kastration von Ferkeln ebenso wie um Brandzeichen für Pferde oder den Einsatz von Tieren für die Wissenschaft.

Anlass für die Debatte ist eine neue Versuchstier-Richtlinie des Europäischen Gerichtshofs vom November 2010. Diese sollte bis Ende 2012 in nationale Rechtsprechung überführt werden. Der Deutsche Tierschutzbund hatte versucht, diese Gelegenheit zu nutzen, um hierzulande ein strengeres Tierschutzgesetz durchzusetzen; darin sollten etwa die Ferkelkastration ohne Betäubung verboten werden sowie das Brandmarken von Pferden. Auch forderten Tierschützer strengere Bestimmungen für Labortiere.

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Vertreter der Agrarindustrie argumentierten hingegen, strengere Tierschutzstandards würden die deutschen Bauern benachteiligen. Den Haltern von Nutztieren dürfe nicht zu viel abverlangt werden, hieß es etwa beim Bauernverband. Sonst seien deutsche Landwirte auf europäischer Ebene nicht mehr wettbewerbsfähig.

Der Schlagabtausch gleicht einem Ritual: Die eine Seite argumentiert mit Geld und Wettbewerbsnachteilen, die andere mit dem Leiden von Tieren. Und die Politik sucht den Kompromiss. Die Gesetzesreform, die der Bundestag in der vergangenen Woche beschloss, zeigt das exemplarisch. So ist im reformierten Tierschutzgesetz vorgesehen, dass Bauern ihre Ferkel noch bis zum Jahr 2019 ohne Betäubung kastrieren lassen dürfen.

Der Tierschutzbund und die Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hatten ursprünglich durchsetzen wollen, dass die Betäubungspflicht schon 2017 in Kraft tritt. Dagegen hatten die Landwirte vehement protestiert: Für sie bedeutet der Kauf von Betäubungsmitteln zusätzliche Kosten. Zudem muss der Züchter für jede Betäubung einen Tierarzt bemühen, die Kastration nimmt er bisher selbst vor. Das verteuere die Haltung, treibe die Fleischpreise in die Höhe und führe so zu einem Wettbewerbsnachteil gegenüber Zuchtbetrieben anderer europäischer Staaten, hatten die Schweinezüchter kritisiert. Notwendig ist die Kastration der Ferkel, weil die ausgewachsenen Eber sonst Hormone produzieren, die das Fleisch unangenehm schmecken lassen.

Brandzeichen bei Pferden bleiben erlaubt

Auch Brandzeichen bei Pferden sollen bis auf Weiteres erlaubt bleiben. Tierschützer hatten ein Totalverbot gefordert und dies damit begründet, dass es heute möglich ist, die Tiere mithilfe von Elektrochips zu kennzeichnen, die den Pferden bei der Einpflanzung kaum wehtun. Bei einer Brandmarkung erleide die Haut der Pferde dagegen Verbrennungen dritten Grades. Dennoch halten Pferdezüchter noch immer an dieser Form der Kennzeichnung fest. Sie sei eine Art Gütesiegel und symbolisiere den wirtschaftlichen Wert der Pferderasse. Der Deutsche Bauernverband bezeichnet den Schenkelbrand gar als »bedeutendes Kulturgut«, das es zu erhalten gelte.

So wird das erneuerte Gesetz nur in wenigen Punkten den Ansprüchen der Tierschützer gerecht. Zum Beispiel untersagt es erstmals die Zucht von Rassen, die aufgrund genetischer Defekte unter Schmerzen oder Verhaltensstörungen leiden. Zudem soll es Bauern von 2016 an verboten sein, Hühnerschnäbel zu kupieren – ein gängiges Mittel in der Massentierhaltung, da die beengt lebenden Tiere sich sonst gegenseitig mit den spitzen Schnäbeln verletzen oder gar totpicken würden. Wenn das Verbot in Kraft tritt, müssen die Bauern laut der Novelle »Haltungsbedingungen« schaffen, die die Ursachen dieser Verhaltensstörungen »ausschließen« oder »minimieren«.

Leserkommentare
  1. Es wird auf Dauer nicht so weitergehen mit der kommerziellen Landwirtschaft und die Landwirte werden sich zwangsweise früher oder später (besser früher) umstellen müssen. Es kann nicht sein, daß Soya-Milch teurer ist als Kuhmilch und Tofu teurer ist als Fleisch. Die Haltung und Fütterung von Milch- und Schlachtvieh ist bald wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Der Aufwand, bis 1 Liter Milch produziert wurde im Gegensatz zu einem Liter Soya-Milch ist enorm größer und trotzdem wird die Kuhmilch billiger verkauft. Das ist nicht tragbar.
    Trotz aller noch zu behebender Mängel in Sachen Tierschutz in Deutschland: man muß den meisten Menschen im Lande schon ein echtes Lob aussprechen für das, was sie für Tiere tun und wie sie sich bemühen, unseren Mitbewohnern auf dieser Erde ein besseres Leben zu verschaffen.

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    Ich geben Ihnen absolut Recht, allerdings erlaube ich mir eine kleine Einschränkung: auf Soja-Milch reagiere ich hochgradig allergisch, daher kann ich auf Kuhmilch leider nicht verzichten. Trotzdem bin auch ich der Meinung, dass Milch zu billig und die Haltung der Kühe zu wenig artgerecht ist.

    Vielleicht werden nicht nur die Kuhmilch zu billig sondern die Sojaprodukte überteuert verkauft und die Anbieter ziehen einen hübschen Sonderprofit? Die Zielgruppe gibts ja gern.

  2. "Der Deutsche Bauernverband bezeichnet den Schenkelbrand gar als »bedeutendes Kulturgut«, das es zu erhalten gelte."

    Grrrr...

    Der Deutsche Bauernverband und die Ilse Trachtenkleid darf gerne mal bei mir vorstellig werden, dann kriegen die ihr "bedeutendes Kulturgut", aber nicht zu knapp.

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  3. bezahlen wir für unsere Taten, da habe ich Vertrauen in die Natur.

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    BSE zerlöchert Menschenhirne, weil wir pflanzenfressende Tiere zwingen, die Kadaver ihrere Artgenossen zu fressen.

    Kinder sterben an Infektionskrankheiten, weil die neuesten Antibiotika nicht mehr wirken, da wir sie tonnenweise an sogenannte Nutztiere verfüttern und damit Resistenzen schaffen.

    Adipositas und Altersdiabetes machen Kinder zu Frühinvaliden, weil auf dem Rücken der Tiere ausgeuferter Fleisch- und Fettkonsum zum Ausweis von Wohlstand geworden ist.

    Gülle vergiftet ehemals reinstes Grundwasser, das wir jetzt filtern, um nicht krebserregenden Stoffen ausgesetzt zu werden.

    Was für ein Wahnsinn!

    Würden wir all die Kosten internalisieren, die tierquälerische Massentierhaltung und ausbeuterische Landwirtschaft allgemein verursachen, die Lebensmittelpreise würden explodieren.

  4. Jeder Mensch, der der Empathie fähig ist und möglicherweise auch Umgang mit Tieren hat, müßte grundsätzlich jegliche Tierversuche und Massentierhaltung ablehnen. Tiere empfinden genauso wie Menschen Schmerzen und zeigen differenziertes soziales Verhalten. Und aus diesem Grund müßten sämtliche schädigenden Haltungsformen verboten werden, ohne Wenn und Aber.

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  5. Elektrochips statt Brandzeichen? Hmmm, gute Idee.

    [...]

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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    wirklich :-)

    Aber diese blöden Chips müssen glaube ich a) unter die Haut implantiert werden und sind b) lange nicht so umweltverträglich wie ein Branding. (Das, c) auch ned so schlimm ist. Macht halt kurz mal aua ...)

    nicht der Identifiktion. DAs ist doch nur vorgeschoben. Es gibt sie doch fast nirgends mehr. Sie sind dort verbreitet, wo man auf Tradition wert legt. Und da merken Sie vielleicht, warum viele Linke wie ich, ins Grübeln kommen, wenn etwas mit tradition begründet wird, als sei das ein einschlägiges Argument.

  6. http://www.aerztefuertier...
    http://albert-schweitzer-...
    http://albert-schweitzer-...
    http://www.tierschutzakti...
    http://albert-schweitzer-...
    Und da gibt es keine Kompromisse, denn diese verdammten Lobbyisten mit besten Verbindungen in die Ministerien und viel Geld im Hintergrund verwässern alles, was diese Massenquälerei an Tieren auch nur verringern könnte, von beenden gar nicht erst zu reden.

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    genannt sind, dürfen sie nochmal wiederholt werden:

    Worin besteht der Unterschied, ob das Wildschwein vom Wolf oder vom Jäger erbeutet wird?
    Das Fressen-und-gefressen-werden in der "freien Natur" wird von den Tierrechtlern doch auch nicht in Frage gestellt?
    Das Lebensrecht des Wolfes in unserer Landschaft wird doch derzeit geradezu bejubelt. Wieso darf der Tiere töten, wir aber nicht?
    Die ökologische Schiene:
    Auch Pflanzenproduktion verschiebt die "ökologischen Gleichgewichte" (was immer damit überhaupt gmeint ist) der Landschaft .
    Also selbstverständlich werden sich "Wild"-tiere mit an den gedeckten Tisch unserer Äcker setzen. Ob nun Maiszünsler, Kartoffelkäfer oder Wildschwein. Irgendwie reagieren wir da drauf. Auch der Biobauer tut das.
    Oder ist der Kartoffelkäfer in der nächsten Runde der Tierrechtsdebatte auch mit drinn?
    Warum nicht gleich das universelle Lebensrecht für "Pflanzen"?
    Es ist wirklich "ethisch unbedenklich", das Weizenkorn sein Leben in der Mühle, die Maispflanze ihres im Ökostrom-Gärtank aushauchen zu lassen?
    Hier mal Litertur aus dem anderen Universum:
    http://www.amazon.de/Jage...
    Oder nochmal Ökologie:
    Worin besteht der (wirtschaftliche) Wert einer Graslandschaft für Veganer?
    Die Wiederkäuer als Teil nicht nur unserer kulturellen, sondern mittlerweile auch physiologischen Evolution.....
    Schade, daß die Debatte so ideologisch aufgeladen ist.

  7. Die Tiernutzer mauern, die Politik ist unwillig!
    Wir Tierschützer kämpfen fortwährend für einen Umgang mit Tieren, der ihren Bedürfnissen gerecht wird. Wir wollen, daß sie, wenn wir sie schon für unsere Zwecke halten, nicht die Hölle auf Erden durchmachen müssen, sondern wenigstens ein gutes Leben haben durften. Der Streit „flammt“ nur dann auf, wenn Gesetzesänderungen zur Debatte stehen. Ministerin Aigner hatte gehofft, wenigstens marginale „Verbesserungsvorschläge“ durchsetzen zu können. Aber sie scheiterte kläglich an der Borniertheit der Agrarlobby. Die Kosten für die auf Neuland-Betrieben von einem Tierarzt generell unter Betäubung mittels Isofluran vorgenommenen Kastrationen sind bezogen auf den Kilopreis nur gering. Behaupte nur einer, er könne nicht auf ca. 5% des Fleisches auf dem Teller verzichten! Woran es mangelt ist die Bereitschaft der Schweinehalter, mehr Tierschutz als Marketingargument einzusetzen. Stattdessen verlegt sich die Branche darauf, die Leiden der Tiere zu bagatellisieren, die Verbraucher mittels Euphemismen zu täuschen und billigend in Kauf zu nehmen, daß die Werbung mit falschen bildlichen Darstellungen wirbt, obwohl die Zustände in den praxisüblichen Stallsystemen durchgängig tierfeindlich sind! Ganz besonders verwerflich ist das Schnabelkürzen, mit dem die Legehennen, Puten und „Flug“enten für die Engstaufstallung angepaßt werden, statt den ihnen eine verhaltensgerechte Unterbringung zu gewähren, wie es das Tierschutzgesetz in § 2 vorschreibt!

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    • Gibbon
    • 05. Januar 2013 17:53 Uhr

    Viele wissenschaftliche Erkenntniss wären ohne Tierversuche niemals möglich gewesen und die Forschung an Zellen und Organen ersetzt diese nur in einigen Fällen. Der Artikel spricht ja bereits das Problem der ethischen Vertretbarkeit an. Welche Erkenntnis muss nocht gewonnen werden und welche ist unnütz (und kann man das wirklich beurteilen, ehe sie gewonnen wurde?)Hier muss sicherlich tatsächlich viel Einzelprüfung betrieben werdne.
    Ganz anders sieht es in der Tierhaltung aus. Viel Leiden dort wäre nicht notwendig, wenn der Mensch seine Ansprüche etwas realistischer fassen würde. Der Geschmack von Eberfleisch gilt in einigen Gebieten als Delikatesse. Das gesamte Tier zu verwenden, statt wie bei uns nur die besten Teile (Schnitzel und Co) ist möglich und vernünftig (auch Innereien, Ohren und Füße sind essbar) und letztendlich eine Reduktion unseres Fleischkonsum würde sicher vielen Tieren Leid ersparen. Das Wichtigste hätte ich jetzt fast vergessen: nicht mehr soviel wegschmeißen! Das betrifft auch Unternehmen und den Einzelhandel (nicht nur Verbraucher).

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    Fakt ist, dass viel zu viel zu viel zu viele Tierversuche SINNLOS gemacht wrden und das absehbar. Dazu gibt es auch belastbare Studien. Eine der jüngeren zeigt auch auf, dass fast keine Tierversuche zu für den Menschen nützlichen Therapien führen. Die meisten Tierversuche werden im Rahmen von Forshcung ins Blaue, Doktorarbeiten und in der Lehre durchgeführt. Orte also, an denen man auch Alternativen hätte.

    Es sollte aufgehört werden zu argumentieren a: Wir brauchen Tierversuche und b: Wir brauchen keine Tierversuche.

    Wir sollten uns stattdessen darauf einigen, dass wir Tierverusche vermeiden wollen und entsprechend diese eindämmen wo es nur geht! Es muss mehr Austausch zwischen den Universitäten stattfinden, so dass endlich aufgehört wird den 100sten gleichen Versuch an Ratten oder Affen druchzufüphren, den es so schon vielfach gab. Es kann auch nicht sein, dass aufgrund von neuen Innovationen im Bereich der Kosmetik oder Baustoffindustrie Tiere missbraucht werden. Das Militär sollte auch keine Tieversuche durchführen dürfen. Wir sind weiter als das! Unsere Technik kann vieles Nachahmen, was ein Tier uns zeigen könnte.

    Und wie oft lese ich in Artikel den Satz: An der Ratte hat es Krebs veursacht, die Wirkung auf den Menschen ist aber unklar!
    Da frage ich mich: Was soll das bringen? Was hat es gebracht?

    Ich finde Tierversuche sollten allesamt sofort verboten werden aus Respekt vor der Schöpfung. Aber über eine Abschaffung der absolut sinnlosen würde ich mich auch freuen.

    nennen Sie mir 2 für den Menschen wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse, die Ohne Tierversuche nicht möglich gewesen wären! Ich bin gespannt!

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