Regisseur Ang Lee"Ich wollte immer meinen Vater stolz machen"

Der Vater des Regisseurs Ang Lee hielt das Filmemachen zunächst für keine vielversprechende Laufbahn. von Ralph Geisenhanslüke

Mein Vater ist vor fünf Jahren gestorben. Nachdem er gestorben war, tauchte er nie wieder in meinen Träumen auf. Wir hatten eine klare und beständige Beziehung, die ich heute immer noch in meinen Filmen fortschreibe. Auch in Life of Pi: Der Junge leidet darunter, dass er sich von seinem Vater nicht verabschieden konnte. Das habe ich so ähnlich auch erfahren. Ich war in New York, als mein Vater von uns ging. Er hatte einen Schlaganfall und starb innerhalb von 45 Minuten. Ich war an einem Flughafen und telefonierte mit ihm über das Handy. Er lag schon im Sterben. Aber mein Bruder sagt, als mein Vater meine Stimme am Telefon hörte, habe sich sein Gesicht entspannt. Trotzdem, ich war nicht bei ihm.

Ich wollte ihn immer stolz machen. Ich fürchtete ihn. Ich hatte Angst, ihn zu enttäuschen. Das ist ein großer Teil meines Lebens. Immer noch.

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Lange Zeit wollte mein Vater nicht, dass ich Filme mache. Meine Eltern waren aus dem kommunistischen China nach Taiwan geflüchtet, beide hatten ihre Eltern verloren. Mein Vater wurde Schuldirektor. Aufgrund seiner Erfahrungen und wegen seines gesellschaftlichen Hintergrunds war Entertainment bei uns in der Familie nicht sehr hoch angesehen. Mein Vater sah zwar selbst ganz gern Filme an; aber er dachte auch, Filme zu machen, sei keine sehr vielversprechende Laufbahn.

Meine besten Ideen kommen immer aus dem Nichts. Und manchmal muss ich ins Nichts gehen, damit sie zu mir kommen. Es ist nicht so, dass ich die Augen schließe und Bilder sehe. Die Bilder finden mich. Ich werde zum Sklaven des Films. Der Film führt Regie, nicht ich. Das ist dann eine schwierige Zeit für mich. Am Ende der Dreharbeiten habe ich mich manchmal selbst fast verloren. Ich verfluche den Film. Er verschlingt mich. Ich habe Alpträume.

Nach The Hulk dachte ich darüber nach, mit dem Filmemachen aufzuhören. Denn ich fühlte mich ausgebrannt. Mein Vater fragte mich: »Willst du jetzt vielleicht am Ende doch noch etwas Respektables werden, Lehrer oder gar Professor?« Und ich sagte: »Ich kann nicht mehr, ich will aufhören.« Darauf erwiderte er: »Mach weiter! Du musst deinen nächsten Film machen! Du bist noch nicht alt. Du wärst ein schlechtes Beispiel für deine Kinder.«

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Das war das erste Mal überhaupt, dass mein Vater so etwas sagte. Und ich nahm es sehr ernst. Zu dem Zeitpunkt schien er noch kerngesund. Zwei Wochen danach starb er. Nachdem er endlich zu mir gesagt hatte: »Mach einen Film!«

Also gönnte ich mir keine Pause. Ich fing sofort mit dem nächsten Film an, das war Brokeback Mountain. Ich dachte, das wird ein kleiner Arthouse-Film, den kaum jemand sieht. Ich nahm den Job vor allem deshalb an, weil der Film ein kleines Budget hatte. An schwule Cowboys oder so etwas dachte ich gar nicht. Ich wollte einfach nur meinen nächsten Film drehen. Der Film war für meinen Vater, weil er mich zum ersten Mal ermutigt hatte, Filme zu machen. Und dann war es dieser Film, der mir die Liebe zum Filmemachen und zum Leben zurückgab.

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Leserkommentare
  1. ...bei dem, was man wirklich mag.

    Danke sehr für den lesenswerten Beitrag zu Ang Lee.

    Guten Start in 2013,
    wünscht
    LB

  2. Life of Pi ist sehr zu empfehlen, ganz im Gegensatz zu dem, was Tom Cruise gerade abgeliefert hat.

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  • Schlagworte Regisseur | Film | Beziehung | Cowboy | Eltern | Familie
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