Der Durchbruch naht. Anfang Dezember meldete die Nasa : "Die Raumsonde Voyager 1 hat eine neue Region am äußeren Rand des Sonnensystems erreicht", deren Eigenschaften seien "anders als erwartet". "Wir bekommen jetzt einen Vorgeschmack davon, wie es außerhalb des Sonnensystems sein wird", erklärte Ed Stone, der oberste Wissenschaftler des Voyager-Projekts. "Nur noch einige Monate" seien es nun noch bis zu dem Moment, in dem zum ersten Mal ein menschengemachtes Ding das Sonnensystem verlässt.

Seit 35 Jahren ist die Voyager unterwegs. An Bord hat sie, neben allerlei Messgeräten, ein Geschenk für die Außerirdischen, die diese Raumsonde eines fernen Tages entdecken könnten: eine goldene Schallplatte.

Es ist ein praktisch unzerstörbares Best-of-Album der Menschheit. 115 Bilder sind darauf , Grüße an die unbekannten Empfänger in 56 Sprachen (inklusive der Sprache der Wale), eine 12 Minuten lange Geräuschcollage zum Thema "Evolution" dokumentiert unter anderem den Blubbersound der Ursuppe, Meeresrauschen, einen Kuss, Herzklopfen, Lachen. Und schließlich 90 Minuten Musik . Dieses "Mixtape für die Götter", wie es die New York Times einmal nannte , wird bis in alle Ewigkeit festhalten, wer wir sind oder, vielmehr, was das mal für Wesen waren, die vor Hunderten Millionen von Jahren auf dem Planeten Erde gelebt haben. Denn die Voyager wird noch eine ganze Weile unterwegs sein, bevor sie – theoretisch – auf dem Radarschirm einer anderen Zivilisation auftauchen könnte. Weiterfliegen könnte sie nach den Berechnungen der Nasa, wenn nichts dazwischenkommt: eine Milliarde Jahre lang.

Es wirkt wie der Plot einer durchgeknallten Science-Fiction-Komödie aus den Siebzigern oder, was ungefähr dasselbe ist, wie eine bekiffte Hippiefantasie: Da fliegt tatsächlich eine goldene Schallplatte durchs All, vollgepackt mit bunten Bildern und irren Klängen, alles in kurzer Zeit zusammengestellt von einer kleinen Gruppe smarter Leute, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf dem richtigen Planeten waren. Moment, es sind sogar zwei goldene Schallplatten: je eine an Bord der identischen Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2, die im Herbst 1977 mit Titan-Raketen auf ihre endlosen Reisen geschickt wurden, auf zwei unterschiedlichen Kursen.

"Meine Bilanz als Plattenproduzent ist verheerend", sagt Timothy Ferris, 68. Er war Anfang 30, als sein Freund Carl Sagan ihn bat, eine Schallplatte für Außerirdische zusammenzustellen. "Ich habe in meinem Leben nur zwei Platten produziert", sagt Ferris, den wir telefonisch in San Francisco erreichen. "Beide wurden sofort mit Raketen von der Erde geschossen, so weit weg wie möglich – nicht gerade die Resonanz, die man sich normalerweise wünschen würde."

Ferris, der als junger Mann Redakteur der Musikzeitschrift Rolling Stone war und heute ein renommierter Wissenschaftsautor ist, kann sich das Tiefstapeln leisten. Er weiß, dass er mit seinen beiden goldenen Schallplatten Superhits für die Ewigkeit geschaffen hat, und das ganz auf die Schnelle. Denn auf die Idee, den beiden Voyager-Sonden eine kulturelle Botschaft mit auf den Weg zu geben, kam die Menschheit reichlich spät. "Die Leute bei der Nasa sind Ingenieure", sagt Ferris im Telefongespräch, "unglaublich gut in dem, was sie machen, aber gar nicht interessiert an Dingen, die sie überflüssig finden." Erst nach einer hartnäckigen Intervention des Astronomen und Bestsellerautors Carl Sagan wurde die kosmische Flaschenpost in das Projekt aufgenommen. Sagan trommelte seine Leute zusammen, die innerhalb von zwei Monaten die Menschheit in Bild und Ton auf den Punkt bringen sollten. (Über das Projekt schrieb er dann gleich den nächsten Bestseller, Murmurs of Earth, auf Deutsch Signale der Erde, beide längst vergriffen).

Auf der Suche nach einem maximal robusten Datenträger entschied sich das Komitee schnell gegen Festplatten und Magnetbänder – und für die gute alte Langspielplatte. Eine LP für die nächsten 1.000.000.000 Jahre: Mehr Retro geht nicht. "Diese Entscheidung würde ich heute noch genauso fällen", sagt Ferris. Die LP sei einfach "die verlässlichste Technologie, die es gibt", da sich auf ihr die kostbaren Informationen mechanisch eingravieren lassen. Im Prinzip haben das schon die Steinzeitmenschen in ihren Höhlen so gemacht. Um im All zu bestehen, wurde die Scheibe natürlich nicht aus Vinyl gemacht, sondern aus Kupfer, das mit einer schützenden Goldschicht überzogen wurde.