WeltverbesserungGesellschaft, was fehlt dir?

"Es gibt keine Alternative!" Das ist das Dogma unserer Dauerkrisenzeit. Aber stimmt das? Lässt sich die Gesellschaft wirklich nicht mehr verändern? Das wollen wir doch mal sehen. von , , , Ursula März, , , , Maximilian Probst, Ursula März, Hanno Pöppel, , Tobias Timm, , , Kilian Trotier, Ursula März, Christine Lemke-Matwey und

Das italienische oder französische Marktplatz-Gefühl wäre auch im kalten Norden möglich - man muss es nur wollen!

Das italienische oder französische Marktplatz-Gefühl wäre auch im kalten Norden möglich - man muss es nur wollen!  |  © ANDREA PATTARO/AFP/Getty Images

Grund und Boden

Die gute Gesellschaft ist eine, die teilt. Sie pflegt und vermehrt die Güter, die allen gehören. Und nimmt es nicht hin, dass der öffentliche Raum in die Hände Einzelner gerät. Dass Schulgebäude verkauft, dass Wasserrechte privatisiert, dass Straßen an Unternehmer verpachtet werden. Mit einem Wort: Die gute Gesellschaft entzieht die öffentlichen Güter der totalen Ökonomisierung.

Zu diesen Gütern gehört auch der Grund und Boden, der schon deshalb keine Ware im herkömmlichen Sinne ist, weil er sich nicht erzeugen, nicht vermehren lässt. So wie die Spekulation mit Nahrungsmitteln verboten werden müsste, verbietet sich auch die Spekulation mit dem Boden. Was aber tun die Städte und Kommunen? Sie veräußern das, was allen gehört, sie verkaufen ihre Liegenschaften, um den Haushalt zu sanieren. Und sie verkaufen zumeist an die Höchstbietenden, mithin an Spekulanten.

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Das ist falsch. Der Staat muss im Gegenteil langfristig denken: Er muss Boden kaufen und alle Grundstücke erwerben, die frei werden, wenn zum Beispiel Bahn, Post oder Bundeswehr sie nicht mehr brauchen. Und er muss diesen Boden mit Interesse verpachten: an all jene, die eine gute Gesellschaft erst lebendig machen. An jene, die möglichst individuelle, erschwingliche, familienfreundliche Wohnungen bauen wollen. Und alle, die Häuser für kleine Büros und Gewerbe errichten. Er darf der guten Gesellschaft nicht den Boden entziehen und ihn anonymen Investmentfonds überlassen. Er muss auf die alte Idee der Allmende bauen, auf die Idee der geteilten Werte und also auf jene, ohne die eine Gesellschaft keine Gesellschaft wäre: auf die Bürger.

Hanno Rauterberg


Italien, ebenso gut Spanien, Frankreich, Portugal: Auf der sonnigen Piazza unter den Platanen kann man ihnen zusehen. Wie sie kommen und gehen, wie sie stehen bleiben, einander begrüßen, sich küssen, streiten, miteinander plaudern. Sie? Alle! Alle, so darf der blasse deutsche Tourist im Café am Rande ehrfürchtig besichtigen, alle sind sie hier: die über knorrigen Gehstöcken ruhenden Greise auf den Bänken, die um sie herumtollenden Kleinkinder, schwangere Frauen im Schatten, Zahnspangen-gestrafte Teenies. Keine Altersgruppe fehlt, man kennt sich, man begegnet sich, zufällig, aber ganz sicherlich, jeden Tag wieder. So, durchfährt es den Touristen, so und nicht anders sollte es eigentlich sein. So müsste man in die Welt kommen, in der Welt bleiben, aus ihr herausgehen. In dem tröstlichen Wissen, dass dort andere sind, die schon lange vor einem da waren, und andere, die nach einem unter den Platanen sitzen werden.

Zurück im deutschen Winter. Die südländische Urlaubsidylle erscheint nur mehr wie eine sozialromantische Fata Morgana (was sie natürlich auch war). Und doch die Frage: Wo sind sie hier, bei uns, wo sind alle? Vor allem an den Enden der Gesellschaft – Kleinstkinder und Uralte – kann von einem Marktplatz-Gefühl nicht die Rede sein. Aus »alle« werden dort »die eigenen«, verbunden mit einem drohenden Wort, das so gar nicht nach Generationenfolge klingt, sondern nach Überforderung des ohnehin überforderten modernen Individuums: »Betreuung«. Man denkt an die eigenen Kinder und daran, wie sie in den Lebenslauf passen, man denkt an die eigenen altersschwachen, womöglich dementen Eltern, die nur bloß nicht »abgeschoben« werden dürfen, »ins Heim«.

In der Utopie des Marktplatzes gibt es keine Abstellgleise. Es gibt keine Kinder, die durch ihre pure Existenz stören, und es gibt keine Alten, die niemand mehr umarmt, nur weil sie nicht das Glück haben, dass ihre Verwandten in der Nähe wohnen. Es gibt nicht das Gefühl von völliger Alleinzuständigkeit, sondern das Empfinden einer alltäglichen Gemeinschaft, die im Zweifel trägt und aushilft. Hier unmöglich? Die Familien zu klein, die Städte zu groß, die Gesellschaft zu kalt? Vielleicht ein Anfang: neue Kitas nur neben Altenheime bauen! Gemeinsame Orte: Kantinen, Gärten, Tanz-, Malkurse, Singen, gemeinsame Feste! Das, was an den Lebensenden gefragt ist, zusammenlegen! Die Mitte kommt dann sowieso zu Besuch. Und man hätte sie wieder zusammen, alle. Hört sich zu romantisch an? Funktioniert nur unter Platanen? Unter Kastanien könnte es aber auch klappen. Zumindest besser als jetzt.

Nina Pauer


Was von den meisten Utopien zu halten ist, hat Woody Allen an einem biblischen Beispiel demonstriert. Der Wolf und das Lamm werden beisammen wohnen, heißt es beim Propheten Jesaja, und Allen fügt das Entscheidende hinzu: »Aber das Lamm wird nicht viel Schlaf bekommen.« Ist das nicht genau unsere Situation? Unser Wolf hat zwar keine Zähne, aber er schläft nie, das ist das Bestialische an ihm. Unser Wolf ist die Technik, und das Lamm sind wir selbst. Der Wolf hält das Lamm wach. Dem Lamm rast bei Nacht das Herz, und am Tag gähnt es. Bisweilen lässt sich das Lamm in eine Schafsklinik einweisen, weil es »ausgebrannt« ist; darin bleibt es, bis der Brandgeruch verflogen ist.

Eine Grundbedingung menschlicher Zivilisation ist, dass Menschen füreinander Wache halten: Einige bleiben auf, damit die anderen im Schlaf wieder zu Kräften kommen. Was sagt es über den Zustand einer Herde aus, wenn ihre Angehörigen nicht mehr schlafen können? Dass sie einander nicht mehr trauen. Dass sie nicht mehr füreinander Wache halten. Dass sie die fatalsten Angriffe aus den eigenen Reihen befürchten. Dass der Wolf längst im Lager ist.

Wie kann es gelingen, dass so etwas wie Schlafvertrauen in die gescheuchte, scharrende Herde zurückkehrt? Es wäre ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen. Wie ist es zu schaffen? Im müden Wachzustand werden wir auf nichts Gescheites kommen. Wir sollten dringend einmal drüber schlafen.

Peter Kümmel


Wer die Missa Solemnis zum ersten Mal hört, Moby-Dick zum ersten Mal liest, die Sixtinische Madonna zum ersten Mal erblickt, der wird von der Macht großer Kunst im Innersten bewegt. George Steiner spricht von »einer Verkündigung, die in das kleine Haus unseres vorsichtigen Daseins hereinbricht«. Und wenn uns die Wissbegier dazu führen sollte, das Leben Beethovens, Melvilles oder Raffaels näher zu studieren, so bliebe am Ende doch der Kern des Unerklärbaren, das Geheimnis. Kluge Interpretationen können es verstehbar machen, aber nicht aufheben. Unserer Zeit allerdings ist das Geheimnis unheimlich. Als handele es sich um einen Akt der Verschwörung, trachtet sie danach, es aufzudecken und unschädlich zu machen. Der probate Weg ist der über die Person. Es herrscht der Irrglaube, wir könnten das Werk besser verstehen, wenn wir die Person, die es schuf, besser verstünden. »Never trust the teller«, sagt D. H. Lawrence, » trust the tale.« Dem Erzähler sollten wir niemals trauen, weil er letzten Endes nicht mehr weiß als der Leser. Wir sollten nur der Erzählung trauen, denn um sie allein geht es. Infolgedessen ist die Frage, ob Kafka pädophil, ob Thomas Mann bi oder homo war, völlig unerheblich für das Verstehen des Werks. Die mediale Welt aber (zu der auch dieses Blatt gehört) wendet ihren Ehrgeiz daran, in das Leben der Künstler einzudringen, als liege dort der verborgene Schlüssel. Man macht einen Spaziergang mit der Dichterin am Strand, man recherchiert die autobiografischen Hintergründe ihres Romans und zeigt ein erotisches Foto von ihr, anstatt das Werk zu zeigen und nachzuvollziehen. Was sich als Neugier tarnt, ist nichts als eine versteckte Aggression, der das Unvergleichliche von Kunst verdächtig ist. Lernen müssten wir von jenen, die man Interpreten nennt. Der Pianist, der eine Sonate interpretiert, nähert sich ihr voller Respekt, und er setzt dabei alles ein (und vielleicht aufs Spiel), was er hat, seinen Körper und seine Seele. Das wäre mein Wunsch für die Zukunft: Dass wir unsere Sinne nicht auf den Künstler richten, sondern auf sein Werk; dass wir die Sensation nicht aus indiskretem Zutritt gewinnen, sondern aus dem Anspruch dessen, was ihm gelang.

Ulrich Greiner


Alle vier Jahre wird gewählt, danach steht fest, welche Politiker an der Macht sind. Für deren Ausübung wird Sachverstand und ein gewisses rhetorisches Vermögen benötigt. Mehr nicht. Mehr möchte ich auch nicht wissen, sehen und hören. Ich möchte nicht mit dem Hormonhaushalt, dem privaten Kontostand, den privaten Konsumgewohnheiten und den Mode-Ideen von Leuten belästigt werden, an denen mich ausschließlich ihr politischer Sachverstand interessiert. Ob diese Leute zur Entspannung Apfelkuchen backen oder sich Koks in die Nase ziehen – nicht mein Problem. Ich möchte von einem Politiker nur eines: dass er früh um neun mit glasklarem Kopf am Schreibtisch sitzt und mit maximalem politischem Sachverstand das Amt ausübt, in das ich ihn gewählt habe. Der Rest ist Schweigen. Und kein Koks nach Mitternacht.

Ursula März

Es gehört zum Wesen der Demokratie, dass sie kritisiert werden darf und soll. Demokratie ist paradox: Sie erstarkt an ihrer eigenen Schutzlosigkeit, an der Tatsache, dass sie sich verrät, wenn sie die ewige Nörgelei an ihren Eigenarten zu unterdrücken versucht. Gibt es eine Kritik an der Demokratie, die ihr so zusetzen kann, dass sie in Gefahr gerät? Etwa die weit verbreitete Kritik an den sogenannten Eliten, den Politikern, Medien und Wirtschaftsführern, die sich, so der übrigens immer schon gemachte Vorwurf, durch hermetische Zirkel der Macht an der Demokratie nur bereichern, womit sich diese sogleich als korrumpierbar erweist und als verkommen? Gewiss nicht. Wenn nur aus der Kritik an der Demokratie nicht Folgerungen abgeleitet würden, die dieser selbst widersprechen. Man müsste, heißt es häufig, um die Demokratie zu retten, sie verflüssigen, endlich neue Formen der Partizipation ermöglichen, mehr Demokratie wagen, das Potenzial des Internets zur Bürgerbeteiligung stärker nutzen. Wer heute von Demokratie spricht, setzt sie fatalerweise meist mit Partizipation gleich. Wer Demokratie mit Partizipation gleichsetzt, vergisst aber, dass sie eine Staatsform ist (mit Betonung auf Form), die maßgeblich auf Institutionen beruht. Und dass es an fehlgeleitetem Engagement und an Partizipation in den meisten Unrechtsregimen selten gefehlt hat. Wie die Demokratie verbessern? Nur durch Kritik.

Adam Sobocyznski

»Ganz allgemein«, schrieb Aristoteles vor über zweitausend Jahren, »greifen die Menschen zum Aufstand auf der Suche nach Gleichheit.« Aristoteles fürchtete um den Zusammenhalt der Polis, wenn die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Über die heutigen Verhältnisse würde der Philosoph vermutlich heftig staunen. In Deutschland verfügt das reichste Hundertstel über ein Viertel des gesamten Eigentums, dagegen gehören siebzig Prozent der Bevölkerung nicht einmal ein Zehntel des Gesamtvermögens. Seit den Reformen der rot-grünen Bundesregierung zahlt die (kleine) Klasse der Superreichen 19 Prozentpunkte Steuern weniger als noch zu Kanzler Kohls Zeiten. Gleichzeitig ist jeder siebte Bundesbürger von Armut bedroht, der höchste Stand seit der Wiedervereinigung. Dass das ungerecht ist, versteht sich von selbst, aber was heißt schon »gerecht«? Die Einkommensungleichheit in Deutschland bewegt sich im Vergleich zu anderen Ländern immer noch gemütlich im Mittelfeld. Und ist Gerechtigkeit nicht ein Feind von Wachstum und Wohlstand? Schwächt Umverteilung nicht die Leistungsanreize beim Wettbewerb, sodass am Ende alle ärmer sind, sogar die Armen? Will das jemand?

Von diesem Margaret-Thatcher-Dogma sollte man Abschied nehmen. Es stimmt einfach nicht, dass Ungleichheit erfinderisch macht und Gesellschaften mit einem starken Sozialgefälle besonders wachstumsfreudig sind. Eher stimmt das Gegenteil. In Ländern mit geringem Einkommensgefälle ist die Innovationskraft tendenziell größer, wie die beiden britischen Wissenschaftler Richard Wilkinson und Kate Pickett gezeigt haben. Sie bestätigen eindrucksvoll, was ohnehin alle ahnen: Zwischen Gerechtigkeit, Gleichheit und Zufriedenheit besteht ein Zusammenhang, weil ein Zuwachs an Gleichheit allen zugute kommt. Der Bildungsgrad einer Gesellschaft ist höher, Armut und Statuskonkurrenz sind geringer; die Bürger leben länger, und die Gefängnisse sind nicht mehr so voll. (Wilkinson/Pickett, Gleichheit ist Glück, Haffmans & Tolkemitt.) Kurzum, je mehr Menschen aus ihrem Leben etwas machen können, desto besser ist es für alle, sogar für die Reichen und die Superreichen. Endlich werden sie von der Qual erlöst, die kostbare Lebenszeit damit zu verbringen, ihren angehäuften Reichtum vor den Augen der Gesellschaft in Fiskal-Oasen zu verstecken.

Thomas Assheuer


Man kann sagen, die Menschheit bewegte sich während der ersten Jahrtausende ihrer Geschichte nicht recht vom Fleck. Fast jeder Mensch wurde damals am selben Ort geboren: in der Armut. Wer nicht gerade Kaiser, Sultan oder Papst war, lebte in Hütten und Verschlägen, also im Dreck, und dort starb er auch. Meistens ziemlich früh.

Es waren die Fabriken und Manufakturen, die Banken und Börsen, es war die Marktwirtschaft, der Kapitalismus, der dafür sorgte, dass die Menschen heute in vielen Ländern neunzig Jahre alt werden und in solchem Überfluss leben, dass sie nicht mehr den Hunger fürchten, sondern das Fett. Es war aber auch der Kapitalismus, der die Wälder schrumpfen, die Wüsten wachsen, die Gletscher schmelzen ließ. In jenem Moment, in dem die Menschheit anfing, auf einem Fundament aus Kohle, Gas und Öl ihren Wohlstand zu bauen, begann sie auch damit, die Erde aufzuheizen. Indem der Mensch reicher wird, wird die Natur ärmer. Das ist das Problem.

Zwei Lösungen gibt es dafür. Erstens: eine Maschine, die Energie erzeugt, aber keine Treibhausgase. Ein Motor, eine Turbine, ein Irgendetwas, das den Kapitalismus am Laufen hält, ohne die Erde auszubeuten. Nach einem solchen Apparat suchen die Menschen seit Jahrzehnten. Gefunden haben sie Solarkraftwerke, Windräder, Biogasanlagen. Sogenannte erneuerbare Energien, die den fossilen Brennstoffen Kohle, Gas und Öl zwar weit überlegen, aber in Wahrheit nicht so erneuerbar, so unerschöpflich sind, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn für Solaranlagen benötigt man Kupfer, für Windräder braucht man Stahl, für den Treibstoff der Biogasanlagen riesige Felder. Will man mit diesen vermeintlich so zukunftsträchtigen Technologien eine immer weiter wachsende Weltwirtschaft mit Strom versorgen, ist diese Zukunft spätestens dann zu Ende, wenn die letzte Mine ausgebeutet, der letzte Wald in Acker verwandelt ist.

Bleibt die zweite Lösung: eine Wirtschaft, die eben nicht immer weiter wächst. Ein marktwirtschaftliches System, das sich mit dem schon erlangten Reichtum zufriedengibt, statt nach immer noch mehr zu streben. Ein Kapitalismus, der konservativ wäre in dem Sinn, dass er den Wohlstand bewahrt, statt ihn immer weiter vergrößern zu müssen.

Bisher ist wenig erforscht, wie ein solches System aussehen könnte. Während die klügsten Ingenieure der Welt immerhin Sonnenkraftwerke und Windräder erfanden, kamen die klügsten Wirtschaftswissenschaftler der Welt nicht auf den Gedanken, einen bescheideneren Kapitalismus zu konstruieren. Ideen gibt es trotzdem: Aktiengesellschaften könnte man in Stiftungen verwandeln. Auch die müssen vernünftig wirtschaften. Aber sie stehen nicht unter dem Druck von Kapitalgebern, die 25 Prozent Rendite verlangen. Die Geldversorgung könnte man verstaatlichen. Bisher sind es die privaten Banken, die den Unternehmen Geld leihen, möglichst viel, möglichst schnell. Weil die Zinsen aber dafür sorgen, dass die Schulden wachsen, müssen auch die Unternehmen immer weiter expandieren, und damit muss auch die gesamte Wirtschaft wachsen. Würde nur noch die Zentralbank Kredite vergeben, ließe sich das Wachstum reduzieren. Auch die Arbeit könnte man anders verteilen. Wenn die Wirtschaft weniger wächst, entstehen weniger neue Arbeitsplätze. Also müsste man die alten so aufteilen, dass sie für alle reichen, oder zumindest für viele. Es müsste eben jeder ein bisschen weniger arbeiten. Er hätte dann auch weniger Geld. Auch sein eigener kleiner Wohlstand würde nicht mehr wachsen. Da fängt es an.

Wolfgang Uchatius


Verändern lässt sich die Gesellschaft am einfachsten, wenn es einen Grundkonsens gibt. Zum Beispiel bei der Durchsetzung der Menschenrechte. In Artikel 23, Absatz 1, heißt es: »Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.« Das muss man sich mal vor Augen halten: Recht auf Arbeit – und nicht etwa auf Schutz bei Arbeitslosigkeit! Wie aber lässt sich das umsetzen? Nicht mit dem Grundeinkommen, das die Spaltung der Gesellschaft nur forciert: in die einen, die sich zu Tode schuften, und die anderen, die sich zu Tode langweilen beziehungsweise amüsieren. Recht auf Arbeit kann also nur heißen: Teilzeitarbeit, auf gesamtgesellschaftlicher Basis.

Können wir uns nicht leisten, lautet der Einwand. Die hohen Lohnnebenkosten! Der Mehraufwand für Koordination! All die Leute, die so unersetzbar sind, dass nur sie allein eine bestimmte Arbeit verrichten können! Und schließlich die Motivation, die Kreativität, die Spitzenleistung: Würden sie nicht unweigerlich sinken, wenn der Einzelne sich bescheiden muss und teilen? Darauf könnte man antworten, dass:

– die Lohnnebenkosten aufgefangen werden, weil die Kosten der Arbeitslosigkeit entfallen

– die Koordination durch die neuen Kommunikationsmedien erleichtert wird

– vermeintlich unersetzbare Arbeitskräfte ihre Unersetzbarkeit sicherlich auch auf anderen Gebieten ausleben können und

– Spitzenleistungen nicht im Geringsten leiden werden, weil Geld ohnehin nicht deren Motor ist, sondern die Liebe zu einer Tätigkeit.

Muss ein Recht auf Arbeit nicht in ein Zwangssystem münden? Wir empfinden es vielleicht als einen tiefen Einschnitt in unser persönliches Recht, nicht mehr so viel erwerbsarbeiten zu können, wie wir es wollen. Aber so ist das nun mal: Die Rechte des einen beschneiden die des anderen. Auch jetzt beschneidet derjenige, der neunzig Stunden arbeitet, faktisch das Recht eines anderen auf Arbeit. Man muss also abwägen. Und es spricht viel dafür, dass das Recht auf Arbeit für alle zu einem besseren Leben führt als ein Recht auf Profitmaximierung, in deren Genuss nur einige wenige kommen.

Maximilian Probst


Was sieht der Student, der vor seinem Doktorvater sitzt? Er sieht einen, sagen wir: fünfzigjährigen Professor, der es als Akademiker weit gebracht hat, ein hohes soziales Prestige besitzt, eine hohe Leistung beiträgt zum Bildungsniveau der Gesellschaft und deshalb ein relativ hohes Monatsgehalt auf seinem Konto vorfindet. Bis zu 7000 Euro brutto kommen da durchaus zusammen. Und was sieht der Vater, der in der Sprechstunde der Grundschullehrerin sitzt? Er sieht eine, sagen wir: fünfzigjährige Frau, die es nach den Maßstäben des Erfolgsdenkens nicht allzu weit gebracht hat, die allerdings sehr viel beiträgt zum Bildungsniveau der Gesellschaft und dafür – je nach Bundesland – um die 3800 Euro brutto auf ihrem Konto vorfindet. Und im Kindergarten, wo die Grundlagen der Bildung gelegt werden? Da gibt es eine, sagen wir: vierzigjährige Erzieherin, die für ihre Tätigkeit mit 1900 Euro abgespeist wird.

Tja, wir müssen über Geld reden, wenn wir über Bildung reden. Nicht nur über das Geld, das für die Ausstattung von Gymnasien und warme Mittagessen in Ganztagsschulen fehlt. Nein, wir reden jetzt mal ganz einfach über das Geld, an dem die real existierende deutsche Gesellschaft in erbärmlicher, beschämender Weise geizt, weil ihr die Bildungsleistung, die Grundschullehrer und Erzieher erbringen, im Vergleich zur Gymnasiallehrerin nicht viel wert ist. Zugegeben, die deutschen Lehrer leben im internationalen Vergleich nicht so schlecht, die Professorengehälter wurden gesenkt. Und es stimmt auch, dass ein Professor mehr Lebenszeit an seine Ausbildung verwendet hat als eine Erzieherin. Das soll honoriert werden. Aber es soll verdammt noch mal auch honoriert werden, dass jeder Doktorand einmal als Vorschüler begonnen hat. Und dass die Erzieherinnen oft die einzige Instanz sind, die den Nachwuchs aus der Unterschicht und dessen laut bejammerten Geisteszustand im Blick haben.

Ursula März


Der Aufschrei nach Thilo Sarrazins Kulturgenetik schien abgeklungen, da testete Stefan Raab in seiner Sendung Die absolute Mehrheit die Geschmacksgrenzen aus. Mit Blick auf FDP-Chef Rösler meinte er: »Wenn der das jetzt beim Abendessen sieht, hoffentlich fallen ihm da nicht die Stäbchen aus der Hand!« Alle lachen. Rassistisch? Ach, entspannt euch. Ein paar Dehnübungen in Sachen Political Correctness haben noch nie geschadet, vor allem nicht in Deutschland. Nun ist der Leidensdruck der Betroffenen allerdings keine wilde Fantasie. Für das Jahr 2012 registrierte das Bundesministerium für Inneres beinahe 10000 rechtsextreme Straftaten – 435 davon Delikte fremdenfeindlicher Gewalt. Was tun? Die Philosophin Judith Butler plädiert für eine neue Ethik des Zusammenlebens, und diese könne durchaus der Erfahrung des Exils erwachsen. Wer einmal seine Identität verloren habe, der sei sensibler für die Verlusterfahrungen anderer. Exil als Brücke zur Überwindung von Hass? Tatsächlich: Wer einmal länger im Ausland war, der weiß: »Exil«, zumal das freiwillige, setzt ungekannte Energien frei. Warum also nicht Exilanreize statt Leistungsanreize? Sollten die Bürger einer weltoffenen Gesellschaft nicht wissen, was das heißt, anders sein? Wenn Fremdenfeindlichkeit die Angst vor dem Anderen in einem selbst ist, dann wäre der freiwillige Sprung ins Exil eine Freundschaftsanfrage an die eigene Veränderbarkeit. Klar, der Rassismus würde sich nicht gleich in Luft auflösen. Überdies lehrt die Geschichte, dass die Überhöhung des Anderen dessen Abwertung nicht zwingend ausschließt. Und doch: Einen Versuch wäre es wert. Allein, um jenes Gespenst aus Heimattreue und Ignoranz als das zu entlarven, was es ist: ein Krisengeist, der immer dann erscheint, wenn die Angst vorm Neuen am größten ist.

Hanno Pöppel


Einen Pferdefuß hat das Verbessern und Optimieren, das Reformieren oder sogar Revolutionieren der Gesellschaft, und zwar einen prinzipiell teuflischen: Je gerechter und vernünftiger sie wird, desto weniger hat der Einzelne das Recht, ihr zu trotzen. Sie gewinnt eine moralische Autorität, die eine ungerechte, ungereimte, unvernünftige Gesellschaft niemals beanspruchen könnte. In der schlechten Gesellschaft hat der Außenseiter das Recht auf seiner Seite – in der guten Gesellschaft nicht. Er ist bestenfalls ein Querulant, wenn nicht ein im Wortsinne asoziales Subjekt, das missbilligt, wenn nicht weggesperrt oder umerzogen werden muss. Der Sozialismus brauchte gar nicht die Diktatur der Einparteienherrschaft, um für Einzelgänger, Querköpfe oder auch nur empfindsame Träumer zum Albtraum zu werden, es reichte der Anspruch, das bessere, das schlechthin moralische Gesellschaftssystem zu sein. Wer in der guten Gesellschaft nicht mitmachen möchte, ist böse. Dieser Terreur lässt sich auch heute in jedem Kindergarten beobachten: Das ärgerlichste Kind ist jenes, das nicht in den Kreis der Singenden treten und alle lieb an der Hand fassen möchte. Es gibt nun einmal einen Grundkonflikt zwischen Individuum und Kollektiv, der sich in keiner denkbaren Gesellschaft auflösen lässt. Anpassung wird immer gefordert – und ist immer demütigend. Da ist es kein Trost, zu wissen, dass die Kindergärtnerinnen weise und gütig sind – im Gegenteil. In einer sichtbar ungerechten und verdorbenen Gesellschaft muss die Anpassung zwar immer noch geleistet werden, aber man muss sie nicht respektieren. Das Herz bliebt frei. Die Kinderhand, die sich in der Tasche zur Faust ballt, wird dereinst die Noten, die Literatur, die Formeln der Zukunft schreiben. Denn alles, was groß und herrlich ist am Menschen, formiert sich im Widerstand gegen die Mehrheit.

Jens Jessen


Frei nach Marx: In einer guten Gesellschaft ist es mir möglich, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens nach guten Geschichten zu jagen, nachmittags mit meinen Kindern zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen mit meiner Frau die Welt zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.

Tobias Timm


An den praktischen Glauben, dass es die abgrundtiefe Dummheit des Tieres sei, die es zum Nahrungsmittel degradiert, können wir heute nicht mehr so einfach festhalten, wie es der heilige Augustinus noch konnte. Früher war die Sache einfacher. Da konnte man einfach sagen: Ich habe Verstand, das Schwein hat keinen. Damit war alles geklärt. Das Schwein landete auf dem Teller, man selber saß mit Messer und Gabel davor. Aber die Grenze zwischen uns und den Tieren ist längst nicht so gut bewacht, wie wir uns das wünschen, wenn wir gedankenlos in die Tiefkühltruhe greifen und ihre abgepackten Körperteile in den Einkaufswagen legen. Im Grunde wissen wir es, wollen es aber lieber nicht wissen: Die Unterschiede zwischen Mensch und Tier sind eigentlich nur gradueller, keinesfalls prinzipieller Natur. Wir beide sind instinktgesteuert, kennen die Geheimnisse der Fortpflanzung und der Brutpflege, empfinden Schmerzen, wenn man uns quält, haben Angst, wenn man uns einsperrt, werden krank, wenn man uns Futter, Licht und Lebensraum beschneidet, und sind außer uns vor Schrecken, wenn man uns töten will. Natürlich bleiben noch immer ein paar entscheidende Unterschiede übrig. Der Automobilbau, das Bücherschreiben, die Euro-Krise zum Beispiel. Aber diese Unterschiede sind in keinem Fall so entscheidend, dass in ihnen ein Freibrief zum beliebigen Töten Platz hat.

Was soll man da machen? Den Tieren Bürgerrechte einräumen? Das würde sie dann doch überfordern. Es reicht völlig aus, ihnen Lebensrechte zu gewähren. Ich könnte mir vorstellen, dass es eines gar nicht so fernen Tages mit dem Massenschlachten so kommen wird, wie es mit der Kinderarbeit oder dem Frauenwahlrecht kam. Man wird es moralisch unhaltbar finden, unsere Mitgeschöpfe wie Schlachtvieh zu behandeln, so wie man es eines Tages für unanständig hielt, ein kleines Kind für uns arbeiten zu lassen oder die Frauen aus dem öffentlichen Leben auszuschließen, nachdem dies jahrhundertelang vollkommen normal war.

Iris Radisch


Muss eine gute Gesellschaft nicht auch eine schöne Gesellschaft sein? Nun ist das Schöne nichts, was sich in Normen gießen und verordnen ließe. Doch umgekehrt wäre auch eine Gesellschaft, in der niemand mehr das Schönheitsempfinden des anderen teilen oder zumindest verstehen könnte, im Grund keine Gesellschaft mehr. Immanuel Kant begreift den Gemeinsinn als ein Beurteilungsvermögen, »welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes anderen in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt«. Um diese Rücksichtnahme scheint es nicht gut bestellt zu sein, wenn man sich zum Beispiel die Architektur anschaut. Der Drang zum unbedingt Originellen, zum Herausstechenden, ist gewaltig. Hingegen scheint die Fähigkeit vieler Bauherren und Architekten, sich in das Bestehende einzufühlen, kaum mehr zu zählen. Eine gute Stadt (und damit auch eine gute Gesellschaft) wäre wie ein Orchester, das ohne Dirigent auskommt und doch zu einem gemeinsamen Ton findet. Störung ist erlaubt, Ignoranz hingegen nicht. Schönheit wäre, so verstanden, eine Form von Achtsamkeit.

Hanno Rauterberg


Es gab einmal eine tolle Erfindung, die in Vergessenheit geriet, weil ein großer Monopolist sie vom Markt biss. Wir wollen sie an dieser Stelle hervorholen, weil wir der Meinung sind, dass sie in unsere heutige Welt viel besser passt als in die Welt der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als Henry Tuttle, ein New Yorker Geschäftsmann, sie der Öffentlichkeit präsentierte. Seine Erfindung war ganz unscheinbar, eine kleine, gewölbte Plastikmuschel. Aber sie hatte eine große Wirkung: Schmiegte man sie um einen Telefonhörer, konnte niemand die Worte des Telefonierers hören – außer dem Adressaten am anderen Ende der Leitung.

Tuttle war ein Fan der Privatsphäre. »So wird Ihr Telefon Ihre private Telefonzelle«, schrieb er auf seinen Briefkopf, und das bedeutete: Denken Sie beim Telefonat wirklich nur an den, mit dem Sie telefonieren. Sein Hush-A-Phone – so nannte er das Gerät – war kein Kassenschlager, aber sein Erfinder konnte gut davon leben. Einige Jahre lang, denn in den fünfziger Jahren brach das kleine Glück zusammen. Der Telefongigant AT&T störte sich an dem Aufsatz, und das Hush-A-Phone starb einen langsamen Tod. Seitdem ist viel geschehen, und jeder dehnt mit dem Telefon seine Privatsphäre so weit in die öffentliche Sphäre aus, dass sie zu platzen droht: »Ja Mama? Ich bin schon in der Bahn.« – »In der Baaaaahn.« – »Mama?« – »Verdammt, Verbindung weg.« – »Mama? Hörst du mich? Kannst du die Butterbrotdose vom Kevin mitbringen?« – »Maaann ey, hier geht nichts, ich ruf später noch mal an.«

Okay, vielleicht ist es für einige Leute der besondere Kick, wenn andere zuhören. Vielleicht sind Bahnfahrer und Durch-die-Stadt-Läufer Post-Privacy-Bekenner und haben Freude daran, ihre Fußpflegetermine im öffentlichen Raum auszubreiten. Aber vielleicht machen es die meisten nur, weil sie mithalten und busy erscheinen wollen – und im Innersten denken sie: Wie angenehm wäre es, wenn die Leute lautlos telefonierten würden. Im Sinne all dieser Menschen bitten wir die Erfinder dieser Welt: Bastelt uns ein Hush-A-Smartphone! Und vielleicht, ja ganz vielleicht würden selbst diejenigen, die diese Idee jetzt noch doof finden, nach mehrmaligem Benutzen des Hush-A-Smartphones denken, dass diese altmodische Geschichte, die wir Privatsphäre nennen, doch keine ganz so dumme Sache ist.

Kilian Trotier


Ja, wir haben’s begriffen: Die Wohngemeinschaft in ihrer Ursprungsform der siebziger und achtziger Jahre tendierte zum Irrsinn. Das Frühstücksgehocke (bis zu sechs Stunden) war irrsinnig. Die Kräche (bis zu sieben Stunden) um die Frage des Privatbesitzes von Büchern, Schallplatten, Getränken und Freunden waren noch irrsinniger. Nein, da war nicht die Fantasie an der Macht, sondern ihre kleine Schwester, die Infantilität. Aber hat nicht jede gute Idee ihre Kinderkrankheiten? Und ist es weniger Irrsinn, dass in Großstädten vierzig Prozent aller Haushalte nur von einer einzigen Person bewohnt, bewirtschaftet, beatmet werden? Sind die alle glücklich und zufrieden in ihren siebzig Quadratmetern? Freuen die sich darauf, am Ende eines 10-Stunden-Arbeitstages nach Haus zu kommen, allein ihr Sushi-Tütchen aufzumachen und die SMS-Nachrichten durchzugehen?

Stellt man sich die Wohngemeinschaft in ihrer erwachsenen Version vor, hat sie große Ähnlichkeit mit der bürgerlichen Großfamilie, deren Verschwinden so nostalgisch betrauert wird. Es wird diese nicht mehr geben. Aber es könnte etwas anderes geben. Man muss sich nur den Ideologie-Irrsinn wegdenken, um im Modell der Wohngemeinschaft die wirtschaftliche Vernunft und die soziale Lebensklugheit zu erkennen. Man müsste nur Häuser so umbauen, dass jeder seine siebzig Quadratmeter für sich und außerdem: eine gemeinsame Waschküche, eine gemeinsame Großküche, ein gemeinsames Esszimmer, ein gemeinsames Musikzimmer, eine gemeinsame Haushälterin, ein gemeinsames Kindermädchen hat. Natürlich wird es Krach geben. Aber den gab’s doch in der bürgerlichen Großfamilie auch.

Ursula März


Es könnte so einfach sein. Und so schön. Wir Kulturexportweltmeister machen es den anderen schließlich vor. In Pjöngjang, Nordkorea, nehmen Musikstudenten mit Tränen in den Augen Instrumentenspenden des Goethe-Instituts entgegen. Solisten der Berliner Staatskapelle unterrichten seit Jahren in der arabischen Welt, sogar Frauen. Und der Dirigent Kent Nagano reist bis an den nördlichen Polarkreis, um den Inuit die Kleine Nachtmusik vorzuführen. Wer mit klassischer Musik in Berührung kommt, das erzählen diese Schlaglichter, wird erleuchtet: von etwas, das mit Geld zwar leichter zu haben sein mag als ohne, letztlich aber nicht zu bezahlen ist. Was da leuchtet, ist vieles – unser Selbst, des Abendlands alte Seele und die Utopie, dass der Mensch dem Menschen ein Bruder sei.

Es könnte so einfach sein. Und so schön. Nur bei uns, in der Heimat der klassischen Künste, leuchtet kaum noch etwas. Die paar Kinder, die deutsche Frauen noch zu gebären bereit sind, saugen mit der Muttermilch so wenig Bach und Mozart auf wie nie, haben keinen brauchbaren Musikunterricht – und halten alle Opern- und Konzerthäuser längst für Kathedralen einer unzumutbaren Anstrengung und Langeweile. Eine Gesellschaft, die Bach, Beethoven, Brahms und Bruckner lediglich als Exportartikel begreift und nicht mehr als Schule des Selberdenkens, verblödet. Drei Auswege aus der Malaise seien hier genannt. Erstens: Wir bitten am nördlichen Polarkreis um Asyl. Zweitens: Wir fahren getrost in den Orkus, mit dem Triumphmarsch aus Verdis Aida als Soundtrack (in der allopathischen Aufnahme mit Herbert von Karajan und den Wiener Philharmonikern von 1959) – schließlich sind die alten Ägypter auch untergegangen. Oder drittens: Wir errichten eine Diktatur, in der Musikzwang herrscht, von der Wiege bis zur Bahre. Eine Gesellschaft, in der so gut wie alle Noten lesen und ein Instrument bedienen können und den Walkürenritt nicht für eine Erfindung der Autoindustrie halten, wäre eine bessere Gesellschaft. Die Frage ist nur, warum es den Regierenden so eklatant am Willen mangelt, dies auf demokratischem Wege durchzusetzen.

Christine Lemke-Matwey


Um sieben wäre dann Abendbrot. Einer käme immer zu spät, weil irgendein Stau, ein Telefonat unauflöslich, unaufschiebbar war, aber der Verspätete wäre die von allen unweigerlich ertragene Ausnahme. Die anderen säßen um sieben da, wie immer: einige Kleinere, etwa zwei aus der generationellen Mittelschicht, hoffentlich jemand Älteres, warum nicht die Großtante, die am selben Ort lebt, ein Gast auf Durchreise oder ein spontan geladener Kollege. All dies geschähe, etwa zwölf Stunden nachdem die meisten vom Frühstückstisch aufstanden und zwölf Stunden bevor sie sich wieder dort einfänden. Der Tag hätte eine Struktur, wie entlastend, man müsste ihn nicht im andauernden Ringkampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit von Tag zu Tag neu erfinden. Um sieben wäre dann ja Abendbrot, alle wären da und man selbst also auch. Abwechselnd wäre man zuständig, und zum Brot, dem Käse, dem Wein oder Wasser käme nur dies oder das als schöne Kleinigkeit noch hinzu. Jedenfalls ginge nichts Einschüchterndes von diesem Tisch aus, kein Aufwand, der jeden ins Unrecht setzt, der sich zu solch aufopferungsvoller und kostspielig origineller Essensvorbereitungsarbeit nicht bereit fände. Dann säße man also bei Tisch, die Themen des Tages würden besprochen: das im Sportunterricht eingedellte Schienbein ebenso wie die Frage, ob man die Wahl eines italienischen Ministerpräsidenten unter den Vorbehalt europäischer Wohlverhaltensdirektiven stellen soll. Eine würde wohl in dissentierendem Schweigen bisweilen nur nicken, einer hätte vielleicht mit seinen Kopfschmerzen zu tun. Aber jedenfalls wäre für die Dauer des Abendbrots das individuelle Optionsverhalten oder auch Schicksal rituell durch Gesellschaft besiegt oder besiegelt. Wie man ja überhaupt üben muss, eine Dreiviertelstunde mit Leuten zusammenzusitzen, die man bisweilen für dem Wahnsinn benachbart hält. So oder so wäre das Abendbrot, jedenfalls dort, wo es überhaupt genug zu essen gibt, ein Studium der Unvermeidlichkeit, ein Studium, das satt machte, informativ wäre und vorübergehend verbindend. Es ließe einen gewiss sein, dass jemand den anderen fehlte, wäre man selbst nicht da. Beim Abendbrot um sieben. Aber auch sonst.

Elisabeth von Thadden

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Leserkommentare
  1. Nun, dem Inhalt des kurzen Beitrages kann ich schnell zustimmen. Wo aber wird jetzt das öffentliche Gespräch hierüber angestoßen?

    Beiträge, die über den Tellerrand hinausweisen und den Alternativlos-Merkelialismus durchbrechen, tauchen in der Publikumsresse von Zeit zu Zeit - im Krisen-Rhythmus - auf. Leider bleiben Sie immer kurz und folgenlos (eine der rühmlichen ausführlicheren Ausnahmen: Uchatius' "Wir könnten auch anders" http://www.zeit.de/2009/2... ).

    Und wenn ein Frank Schirrmacher sich fragt, ob die Linke doch recht hat ( http://www.faz.net/-0229sx ), dann werden nicht die Inhalte seiner Analyse diskutiert. Sondern nur, dass so einer wie Schirrmacher das schreibt.

    Es fehlt eine breite offene liberale Auseinandersetzung über große und kleine Alternativen zum Alternativlos. Das öffentliche gesellschaftliche Gespräch. Politiker werden Alternativen erst folgen, wenn eine genügende kritsche Masse öffentlich wahrnehmbar in diese Richtung denkt.

    Bedauerlich.

    p. s.: Ist der Titel der Kolumne "Weltverbesserer" eigentlich ironisch gemeint? Und warum steht sie im Ressort "Kultur"?

    8 Leserempfehlungen
  2. Letztlich kann man gar nicht verhindern, daß sie sich verändert. Die Geschichte ist noch lange nicht vorbei, und gerade die junge Generation - die vor allem als Opfer der heutigen Gesellschaft (und der Politik der letzten 20 Jahre) angesehen werden kann - wird sicher nicht zulassen, daß der Status Quo lange beibehalten wird.

    Außerdem muß man nur mal 10-15 Jahre zurückdenken und überlegen, wie sehr sich die Welt seitdem verändert hat, um zu sehen, daß gewaltige Veränderungen im Gange sind.

    4 Leserempfehlungen
    • Hagmar
    • 05. Januar 2013 20:27 Uhr

    ein überraschender, nahezu frech zu nennender Jessen-Beitrag: "Denn alles, was groß und herrlich ist am Menschen, formiert sich im Widerstand gegen die Mehrheit."

    Trete ich deshalb so sehr in Resonanz, weil ich in der Schweiz lebe und Dänemark ein bisschen kenne? Jedenfalls sind Herrn Jessens Gedanken mehr als die "schöne Kleinigkeit" auf dem Abendbrottisch bei Frau von Thadden. Gefährlicher Sprengstoff quasi. Oder das Salz in der Demokratiesuppe.

    6 Leserempfehlungen
  3. "'Es gibt keine Alternative!'" Das ist das Dogma unserer Dauerkrisenzeit. Aber stimmt das?"

    Nein, natürlich nicht. Es gibt immer Alternativen. Der Punkt sind immer die Konsequenzen, die man ziehen muss, die Wege, die neu zu gehen sind und die Fähigkeit, die Massen mit auf den Weg zu bekommen.

    Es stimmt allerdings auch in einer anderen Richtung nicht.

    Die vermeintliche Alternativlosigkeit ist kein Dogma der Krisenzeit, sondern das Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft und ihrer Interessen und dem des Systems, in dem/mit dem sie ihre Macht haben und erhalten.

    Die vermeitliche Alternativlosigkeit ist die des Systems und dort wo es nicht einmal die des Systems ist, weil es nur um marginale Änderungen im System geht ist, ist es die angebliche Alternativlosigkeit von Wirtschaftsverbänden, die von Merkel & Co.

    Die vermeitliche Alternativlosigkeit ist eine rhetorische Begeung der Möglichkeiten über die Medien, die gerne täglich neu völlig unkritisch und komplett unkommentiert die Merkeleschen Worthülsen dem Populus hinwerfen - friss.

    Das Resultat ist ein verbogens Volk, gebrochen von leeren Worten und rhetorischen Hülsen.

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    Lieber Heiner Z.,

    "Die vermeintliche Alternativlosigkeit ist kein Dogma der Krisenzeit, sondern das Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft und ihrer Interessen und dem des Systems, in dem/mit dem sie ihre Macht haben und erhalten."

    Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft?

    Könnte das nicht auch einfach "Mangel an Kreativität" bedeuten?

    Oder zu wenig Vertrauen in "uns als Volk", dass wir mit motiviertem und mitmenschlichem Zusammenhalt unser Land in die Zukunft führen?

    Oder "zu viel Angst davor, mit bahnbrechenden Ideen und Vorschlägen zu begeistern"?

    Oder "mangelnde Vorstellungskraft"?

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/au

    • Chali
    • 05. Januar 2013 20:42 Uhr

    von einer Untermenge von Menschen, die nicht bis drei zählen können; ja, es nicht einmal bis zwei schaffen

    2 Leserempfehlungen
  4. Jetzt wundert es mich nicht mehr, dass Marx als armes Schwein gestorben ist.

  5. Vor allem #9 finde ich super:

    Auch ich wünsche mir in unserem Land eine intelligente Arbeitsaufteilung, die möglichst vielen Mitbürgern ein erfülltes, angenehmes und menschenzugewandtes Leben und Miteinander ermöglicht.

    Auch ich denke, dass die Koordination einer intelligenten Arbeitsteilung mithilfe der neuen Technologien möglich wäre. Es ist nur eine Frage der guten Organisation und des gemeinsamen Wunsches.

    ...obwohl ich #19 auch ganz nett finde, bedeutet das doch, dass vor 19 Uhr Feierarbend ist...

    3 Leserempfehlungen
  6. Lieber Heiner Z.,

    "Die vermeintliche Alternativlosigkeit ist kein Dogma der Krisenzeit, sondern das Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft und ihrer Interessen und dem des Systems, in dem/mit dem sie ihre Macht haben und erhalten."

    Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft?

    Könnte das nicht auch einfach "Mangel an Kreativität" bedeuten?

    Oder zu wenig Vertrauen in "uns als Volk", dass wir mit motiviertem und mitmenschlichem Zusammenhalt unser Land in die Zukunft führen?

    Oder "zu viel Angst davor, mit bahnbrechenden Ideen und Vorschlägen zu begeistern"?

    Oder "mangelnde Vorstellungskraft"?

    Antwort auf "Alternativlosigkeit."
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    Bei den Mächtigen kann ich mir das nicht wirklich vorstellen. Immerhin haben diese hinreichend Kreativität sich immer neue Möglichkeiten zu schaffen, das Volk gegen deren einene Interessen davon zu überzeugen, dass die Mächtigen unentbehrlich sind.

    <<< Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft?
    Könnte das nicht auch einfach "Mangel an Kreativität" bedeuten? <<<

    Sicher.
    Aber bedenken Sie, dass Herrschaftssysteme grundsätzlich kein Interesse daran haben, dass die Masse(!) der Untertanen besonders kreativ oder phantasievoll ist.
    Weil sonst schnell die Herrschaft als Unterdrückung erkannt und nach Alternativen dazu gestrebt wird.

    Dagegen gibt es unzählige mehr oder weniger ausgefeilte Mechanismen; Propanda, Suggestion, Strafe, Abhängigkeiten, Korruption damit die Mehrheit der Menschen den Status Quo bis zu dessen bitteren Ende für vielleicht nicht optimal aber doch eben ok und prinzipiell alternativlos halten.

    Das war beim Feudalismus, der Monarchie, dem Faschismus, dem autoritären Sozialismus und vielen weiteren Herrschaftsformen so.
    Die bürgerliche Demokratie wird dieses Schicksal sicher in einigen Jahrzehnten teilen.

    Denn bezeichnenderweise ist es gerade in den Systemen mit offizieller Meinungs- und Pressefreiheit so, dass diese Ordnungen massenmedial weitgehend unreflektiert bleiben bzw. nur in Einzelaspekten verkürzt kritisiert werden.

    D.h. der vorgesehene Schutzschild gegen (tendenziell) totalitäre, sich als einzig-richtige ausgebende, "alternativlose" Gesellschaftsformen, die freie Rede, funktioniert gar nicht.
    Allein das zu begreifen, übersteigt leider schon das Vorstellungsvermögen der meisten Mitbürger, wir leben ja schließlich in einer Demokratie mit Rechtsstaat und garantierter Meinungsfreiheit...

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