Weltverbesserung : Gesellschaft, was fehlt dir?
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Erziehergeld


Was sieht der Student, der vor seinem Doktorvater sitzt? Er sieht einen, sagen wir: fünfzigjährigen Professor, der es als Akademiker weit gebracht hat, ein hohes soziales Prestige besitzt, eine hohe Leistung beiträgt zum Bildungsniveau der Gesellschaft und deshalb ein relativ hohes Monatsgehalt auf seinem Konto vorfindet. Bis zu 7000 Euro brutto kommen da durchaus zusammen. Und was sieht der Vater, der in der Sprechstunde der Grundschullehrerin sitzt? Er sieht eine, sagen wir: fünfzigjährige Frau, die es nach den Maßstäben des Erfolgsdenkens nicht allzu weit gebracht hat, die allerdings sehr viel beiträgt zum Bildungsniveau der Gesellschaft und dafür – je nach Bundesland – um die 3800 Euro brutto auf ihrem Konto vorfindet. Und im Kindergarten, wo die Grundlagen der Bildung gelegt werden? Da gibt es eine, sagen wir: vierzigjährige Erzieherin, die für ihre Tätigkeit mit 1900 Euro abgespeist wird.

Tja, wir müssen über Geld reden, wenn wir über Bildung reden. Nicht nur über das Geld, das für die Ausstattung von Gymnasien und warme Mittagessen in Ganztagsschulen fehlt. Nein, wir reden jetzt mal ganz einfach über das Geld, an dem die real existierende deutsche Gesellschaft in erbärmlicher, beschämender Weise geizt, weil ihr die Bildungsleistung, die Grundschullehrer und Erzieher erbringen, im Vergleich zur Gymnasiallehrerin nicht viel wert ist. Zugegeben, die deutschen Lehrer leben im internationalen Vergleich nicht so schlecht, die Professorengehälter wurden gesenkt. Und es stimmt auch, dass ein Professor mehr Lebenszeit an seine Ausbildung verwendet hat als eine Erzieherin. Das soll honoriert werden. Aber es soll verdammt noch mal auch honoriert werden, dass jeder Doktorand einmal als Vorschüler begonnen hat. Und dass die Erzieherinnen oft die einzige Instanz sind, die den Nachwuchs aus der Unterschicht und dessen laut bejammerten Geisteszustand im Blick haben.

Ursula März

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