Weltverbesserung : Gesellschaft, was fehlt dir?
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Freiwilliges Exil


Der Aufschrei nach Thilo Sarrazins Kulturgenetik schien abgeklungen, da testete Stefan Raab in seiner Sendung Die absolute Mehrheit die Geschmacksgrenzen aus. Mit Blick auf FDP-Chef Rösler meinte er: »Wenn der das jetzt beim Abendessen sieht, hoffentlich fallen ihm da nicht die Stäbchen aus der Hand!« Alle lachen. Rassistisch? Ach, entspannt euch. Ein paar Dehnübungen in Sachen Political Correctness haben noch nie geschadet, vor allem nicht in Deutschland. Nun ist der Leidensdruck der Betroffenen allerdings keine wilde Fantasie. Für das Jahr 2012 registrierte das Bundesministerium für Inneres beinahe 10000 rechtsextreme Straftaten – 435 davon Delikte fremdenfeindlicher Gewalt. Was tun? Die Philosophin Judith Butler plädiert für eine neue Ethik des Zusammenlebens, und diese könne durchaus der Erfahrung des Exils erwachsen. Wer einmal seine Identität verloren habe, der sei sensibler für die Verlusterfahrungen anderer. Exil als Brücke zur Überwindung von Hass? Tatsächlich: Wer einmal länger im Ausland war, der weiß: »Exil«, zumal das freiwillige, setzt ungekannte Energien frei. Warum also nicht Exilanreize statt Leistungsanreize? Sollten die Bürger einer weltoffenen Gesellschaft nicht wissen, was das heißt, anders sein? Wenn Fremdenfeindlichkeit die Angst vor dem Anderen in einem selbst ist, dann wäre der freiwillige Sprung ins Exil eine Freundschaftsanfrage an die eigene Veränderbarkeit. Klar, der Rassismus würde sich nicht gleich in Luft auflösen. Überdies lehrt die Geschichte, dass die Überhöhung des Anderen dessen Abwertung nicht zwingend ausschließt. Und doch: Einen Versuch wäre es wert. Allein, um jenes Gespenst aus Heimattreue und Ignoranz als das zu entlarven, was es ist: ein Krisengeist, der immer dann erscheint, wenn die Angst vorm Neuen am größten ist.

Hanno Pöppel

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