Einen Pferdefuß hat das Verbessern und Optimieren, das Reformieren oder sogar Revolutionieren der Gesellschaft, und zwar einen prinzipiell teuflischen: Je gerechter und vernünftiger sie wird, desto weniger hat der Einzelne das Recht, ihr zu trotzen. Sie gewinnt eine moralische Autorität, die eine ungerechte, ungereimte, unvernünftige Gesellschaft niemals beanspruchen könnte. In der schlechten Gesellschaft hat der Außenseiter das Recht auf seiner Seite – in der guten Gesellschaft nicht. Er ist bestenfalls ein Querulant, wenn nicht ein im Wortsinne asoziales Subjekt, das missbilligt, wenn nicht weggesperrt oder umerzogen werden muss. Der Sozialismus brauchte gar nicht die Diktatur der Einparteienherrschaft, um für Einzelgänger, Querköpfe oder auch nur empfindsame Träumer zum Albtraum zu werden, es reichte der Anspruch, das bessere, das schlechthin moralische Gesellschaftssystem zu sein. Wer in der guten Gesellschaft nicht mitmachen möchte, ist böse. Dieser Terreur lässt sich auch heute in jedem Kindergarten beobachten: Das ärgerlichste Kind ist jenes, das nicht in den Kreis der Singenden treten und alle lieb an der Hand fassen möchte. Es gibt nun einmal einen Grundkonflikt zwischen Individuum und Kollektiv, der sich in keiner denkbaren Gesellschaft auflösen lässt. Anpassung wird immer gefordert – und ist immer demütigend. Da ist es kein Trost, zu wissen, dass die Kindergärtnerinnen weise und gütig sind – im Gegenteil. In einer sichtbar ungerechten und verdorbenen Gesellschaft muss die Anpassung zwar immer noch geleistet werden, aber man muss sie nicht respektieren. Das Herz bliebt frei. Die Kinderhand, die sich in der Tasche zur Faust ballt, wird dereinst die Noten, die Literatur, die Formeln der Zukunft schreiben. Denn alles, was groß und herrlich ist am Menschen, formiert sich im Widerstand gegen die Mehrheit.

Jens Jessen