An den praktischen Glauben, dass es die abgrundtiefe Dummheit des Tieres sei, die es zum Nahrungsmittel degradiert, können wir heute nicht mehr so einfach festhalten, wie es der heilige Augustinus noch konnte. Früher war die Sache einfacher. Da konnte man einfach sagen: Ich habe Verstand, das Schwein hat keinen. Damit war alles geklärt. Das Schwein landete auf dem Teller, man selber saß mit Messer und Gabel davor. Aber die Grenze zwischen uns und den Tieren ist längst nicht so gut bewacht, wie wir uns das wünschen, wenn wir gedankenlos in die Tiefkühltruhe greifen und ihre abgepackten Körperteile in den Einkaufswagen legen. Im Grunde wissen wir es, wollen es aber lieber nicht wissen: Die Unterschiede zwischen Mensch und Tier sind eigentlich nur gradueller, keinesfalls prinzipieller Natur. Wir beide sind instinktgesteuert, kennen die Geheimnisse der Fortpflanzung und der Brutpflege, empfinden Schmerzen, wenn man uns quält, haben Angst, wenn man uns einsperrt, werden krank, wenn man uns Futter, Licht und Lebensraum beschneidet, und sind außer uns vor Schrecken, wenn man uns töten will. Natürlich bleiben noch immer ein paar entscheidende Unterschiede übrig. Der Automobilbau, das Bücherschreiben, die Euro-Krise zum Beispiel. Aber diese Unterschiede sind in keinem Fall so entscheidend, dass in ihnen ein Freibrief zum beliebigen Töten Platz hat.

Was soll man da machen? Den Tieren Bürgerrechte einräumen? Das würde sie dann doch überfordern. Es reicht völlig aus, ihnen Lebensrechte zu gewähren. Ich könnte mir vorstellen, dass es eines gar nicht so fernen Tages mit dem Massenschlachten so kommen wird, wie es mit der Kinderarbeit oder dem Frauenwahlrecht kam. Man wird es moralisch unhaltbar finden, unsere Mitgeschöpfe wie Schlachtvieh zu behandeln, so wie man es eines Tages für unanständig hielt, ein kleines Kind für uns arbeiten zu lassen oder die Frauen aus dem öffentlichen Leben auszuschließen, nachdem dies jahrhundertelang vollkommen normal war.

Iris Radisch