Weltverbesserung : Gesellschaft, was fehlt dir?
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Ensemble-Geist


Muss eine gute Gesellschaft nicht auch eine schöne Gesellschaft sein? Nun ist das Schöne nichts, was sich in Normen gießen und verordnen ließe. Doch umgekehrt wäre auch eine Gesellschaft, in der niemand mehr das Schönheitsempfinden des anderen teilen oder zumindest verstehen könnte, im Grund keine Gesellschaft mehr. Immanuel Kant begreift den Gemeinsinn als ein Beurteilungsvermögen, »welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes anderen in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt«. Um diese Rücksichtnahme scheint es nicht gut bestellt zu sein, wenn man sich zum Beispiel die Architektur anschaut. Der Drang zum unbedingt Originellen, zum Herausstechenden, ist gewaltig. Hingegen scheint die Fähigkeit vieler Bauherren und Architekten, sich in das Bestehende einzufühlen, kaum mehr zu zählen. Eine gute Stadt (und damit auch eine gute Gesellschaft) wäre wie ein Orchester, das ohne Dirigent auskommt und doch zu einem gemeinsamen Ton findet. Störung ist erlaubt, Ignoranz hingegen nicht. Schönheit wäre, so verstanden, eine Form von Achtsamkeit.

Hanno Rauterberg

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