Weltverbesserung : Gesellschaft, was fehlt dir?
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Ruhe vor Kevin


Es gab einmal eine tolle Erfindung, die in Vergessenheit geriet, weil ein großer Monopolist sie vom Markt biss. Wir wollen sie an dieser Stelle hervorholen, weil wir der Meinung sind, dass sie in unsere heutige Welt viel besser passt als in die Welt der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als Henry Tuttle, ein New Yorker Geschäftsmann, sie der Öffentlichkeit präsentierte. Seine Erfindung war ganz unscheinbar, eine kleine, gewölbte Plastikmuschel. Aber sie hatte eine große Wirkung: Schmiegte man sie um einen Telefonhörer, konnte niemand die Worte des Telefonierers hören – außer dem Adressaten am anderen Ende der Leitung.

Tuttle war ein Fan der Privatsphäre. »So wird Ihr Telefon Ihre private Telefonzelle«, schrieb er auf seinen Briefkopf, und das bedeutete: Denken Sie beim Telefonat wirklich nur an den, mit dem Sie telefonieren. Sein Hush-A-Phone – so nannte er das Gerät – war kein Kassenschlager, aber sein Erfinder konnte gut davon leben. Einige Jahre lang, denn in den fünfziger Jahren brach das kleine Glück zusammen. Der Telefongigant AT&T störte sich an dem Aufsatz, und das Hush-A-Phone starb einen langsamen Tod. Seitdem ist viel geschehen, und jeder dehnt mit dem Telefon seine Privatsphäre so weit in die öffentliche Sphäre aus, dass sie zu platzen droht: »Ja Mama? Ich bin schon in der Bahn.« – »In der Baaaaahn.« – »Mama?« – »Verdammt, Verbindung weg.« – »Mama? Hörst du mich? Kannst du die Butterbrotdose vom Kevin mitbringen?« – »Maaann ey, hier geht nichts, ich ruf später noch mal an.«

Okay, vielleicht ist es für einige Leute der besondere Kick, wenn andere zuhören. Vielleicht sind Bahnfahrer und Durch-die-Stadt-Läufer Post-Privacy-Bekenner und haben Freude daran, ihre Fußpflegetermine im öffentlichen Raum auszubreiten. Aber vielleicht machen es die meisten nur, weil sie mithalten und busy erscheinen wollen – und im Innersten denken sie: Wie angenehm wäre es, wenn die Leute lautlos telefonierten würden. Im Sinne all dieser Menschen bitten wir die Erfinder dieser Welt: Bastelt uns ein Hush-A-Smartphone! Und vielleicht, ja ganz vielleicht würden selbst diejenigen, die diese Idee jetzt noch doof finden, nach mehrmaligem Benutzen des Hush-A-Smartphones denken, dass diese altmodische Geschichte, die wir Privatsphäre nennen, doch keine ganz so dumme Sache ist.

Kilian Trotier

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