Ja, wir haben’s begriffen: Die Wohngemeinschaft in ihrer Ursprungsform der siebziger und achtziger Jahre tendierte zum Irrsinn. Das Frühstücksgehocke (bis zu sechs Stunden) war irrsinnig. Die Kräche (bis zu sieben Stunden) um die Frage des Privatbesitzes von Büchern, Schallplatten, Getränken und Freunden waren noch irrsinniger. Nein, da war nicht die Fantasie an der Macht, sondern ihre kleine Schwester, die Infantilität. Aber hat nicht jede gute Idee ihre Kinderkrankheiten? Und ist es weniger Irrsinn, dass in Großstädten vierzig Prozent aller Haushalte nur von einer einzigen Person bewohnt, bewirtschaftet, beatmet werden? Sind die alle glücklich und zufrieden in ihren siebzig Quadratmetern? Freuen die sich darauf, am Ende eines 10-Stunden-Arbeitstages nach Haus zu kommen, allein ihr Sushi-Tütchen aufzumachen und die SMS-Nachrichten durchzugehen?

Stellt man sich die Wohngemeinschaft in ihrer erwachsenen Version vor, hat sie große Ähnlichkeit mit der bürgerlichen Großfamilie, deren Verschwinden so nostalgisch betrauert wird. Es wird diese nicht mehr geben. Aber es könnte etwas anderes geben. Man muss sich nur den Ideologie-Irrsinn wegdenken, um im Modell der Wohngemeinschaft die wirtschaftliche Vernunft und die soziale Lebensklugheit zu erkennen. Man müsste nur Häuser so umbauen, dass jeder seine siebzig Quadratmeter für sich und außerdem: eine gemeinsame Waschküche, eine gemeinsame Großküche, ein gemeinsames Esszimmer, ein gemeinsames Musikzimmer, eine gemeinsame Haushälterin, ein gemeinsames Kindermädchen hat. Natürlich wird es Krach geben. Aber den gab’s doch in der bürgerlichen Großfamilie auch.

Ursula März