Es könnte so einfach sein. Und so schön. Wir Kulturexportweltmeister machen es den anderen schließlich vor. In Pjöngjang, Nordkorea, nehmen Musikstudenten mit Tränen in den Augen Instrumentenspenden des Goethe-Instituts entgegen. Solisten der Berliner Staatskapelle unterrichten seit Jahren in der arabischen Welt, sogar Frauen. Und der Dirigent Kent Nagano reist bis an den nördlichen Polarkreis, um den Inuit die Kleine Nachtmusik vorzuführen. Wer mit klassischer Musik in Berührung kommt, das erzählen diese Schlaglichter, wird erleuchtet: von etwas, das mit Geld zwar leichter zu haben sein mag als ohne, letztlich aber nicht zu bezahlen ist. Was da leuchtet, ist vieles – unser Selbst, des Abendlands alte Seele und die Utopie, dass der Mensch dem Menschen ein Bruder sei.

Es könnte so einfach sein. Und so schön. Nur bei uns, in der Heimat der klassischen Künste, leuchtet kaum noch etwas. Die paar Kinder, die deutsche Frauen noch zu gebären bereit sind, saugen mit der Muttermilch so wenig Bach und Mozart auf wie nie, haben keinen brauchbaren Musikunterricht – und halten alle Opern- und Konzerthäuser längst für Kathedralen einer unzumutbaren Anstrengung und Langeweile. Eine Gesellschaft, die Bach, Beethoven, Brahms und Bruckner lediglich als Exportartikel begreift und nicht mehr als Schule des Selberdenkens, verblödet. Drei Auswege aus der Malaise seien hier genannt. Erstens: Wir bitten am nördlichen Polarkreis um Asyl. Zweitens: Wir fahren getrost in den Orkus, mit dem Triumphmarsch aus Verdis Aida als Soundtrack (in der allopathischen Aufnahme mit Herbert von Karajan und den Wiener Philharmonikern von 1959) – schließlich sind die alten Ägypter auch untergegangen. Oder drittens: Wir errichten eine Diktatur, in der Musikzwang herrscht, von der Wiege bis zur Bahre. Eine Gesellschaft, in der so gut wie alle Noten lesen und ein Instrument bedienen können und den Walkürenritt nicht für eine Erfindung der Autoindustrie halten, wäre eine bessere Gesellschaft. Die Frage ist nur, warum es den Regierenden so eklatant am Willen mangelt, dies auf demokratischem Wege durchzusetzen.

Christine Lemke-Matwey