WeltverbesserungGesellschaft, was fehlt dir?
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Dinner for all


Um sieben wäre dann Abendbrot. Einer käme immer zu spät, weil irgendein Stau, ein Telefonat unauflöslich, unaufschiebbar war, aber der Verspätete wäre die von allen unweigerlich ertragene Ausnahme. Die anderen säßen um sieben da, wie immer: einige Kleinere, etwa zwei aus der generationellen Mittelschicht, hoffentlich jemand Älteres, warum nicht die Großtante, die am selben Ort lebt, ein Gast auf Durchreise oder ein spontan geladener Kollege. All dies geschähe, etwa zwölf Stunden nachdem die meisten vom Frühstückstisch aufstanden und zwölf Stunden bevor sie sich wieder dort einfänden. Der Tag hätte eine Struktur, wie entlastend, man müsste ihn nicht im andauernden Ringkampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit von Tag zu Tag neu erfinden. Um sieben wäre dann ja Abendbrot, alle wären da und man selbst also auch. Abwechselnd wäre man zuständig, und zum Brot, dem Käse, dem Wein oder Wasser käme nur dies oder das als schöne Kleinigkeit noch hinzu. Jedenfalls ginge nichts Einschüchterndes von diesem Tisch aus, kein Aufwand, der jeden ins Unrecht setzt, der sich zu solch aufopferungsvoller und kostspielig origineller Essensvorbereitungsarbeit nicht bereit fände. Dann säße man also bei Tisch, die Themen des Tages würden besprochen: das im Sportunterricht eingedellte Schienbein ebenso wie die Frage, ob man die Wahl eines italienischen Ministerpräsidenten unter den Vorbehalt europäischer Wohlverhaltensdirektiven stellen soll. Eine würde wohl in dissentierendem Schweigen bisweilen nur nicken, einer hätte vielleicht mit seinen Kopfschmerzen zu tun. Aber jedenfalls wäre für die Dauer des Abendbrots das individuelle Optionsverhalten oder auch Schicksal rituell durch Gesellschaft besiegt oder besiegelt. Wie man ja überhaupt üben muss, eine Dreiviertelstunde mit Leuten zusammenzusitzen, die man bisweilen für dem Wahnsinn benachbart hält. So oder so wäre das Abendbrot, jedenfalls dort, wo es überhaupt genug zu essen gibt, ein Studium der Unvermeidlichkeit, ein Studium, das satt machte, informativ wäre und vorübergehend verbindend. Es ließe einen gewiss sein, dass jemand den anderen fehlte, wäre man selbst nicht da. Beim Abendbrot um sieben. Aber auch sonst.

Elisabeth von Thadden

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Leserkommentare
  1. Nun, dem Inhalt des kurzen Beitrages kann ich schnell zustimmen. Wo aber wird jetzt das öffentliche Gespräch hierüber angestoßen?

    Beiträge, die über den Tellerrand hinausweisen und den Alternativlos-Merkelialismus durchbrechen, tauchen in der Publikumsresse von Zeit zu Zeit - im Krisen-Rhythmus - auf. Leider bleiben Sie immer kurz und folgenlos (eine der rühmlichen ausführlicheren Ausnahmen: Uchatius' "Wir könnten auch anders" http://www.zeit.de/2009/2... ).

    Und wenn ein Frank Schirrmacher sich fragt, ob die Linke doch recht hat ( http://www.faz.net/-0229sx ), dann werden nicht die Inhalte seiner Analyse diskutiert. Sondern nur, dass so einer wie Schirrmacher das schreibt.

    Es fehlt eine breite offene liberale Auseinandersetzung über große und kleine Alternativen zum Alternativlos. Das öffentliche gesellschaftliche Gespräch. Politiker werden Alternativen erst folgen, wenn eine genügende kritsche Masse öffentlich wahrnehmbar in diese Richtung denkt.

    Bedauerlich.

    p. s.: Ist der Titel der Kolumne "Weltverbesserer" eigentlich ironisch gemeint? Und warum steht sie im Ressort "Kultur"?

    8 Leserempfehlungen
  2. Letztlich kann man gar nicht verhindern, daß sie sich verändert. Die Geschichte ist noch lange nicht vorbei, und gerade die junge Generation - die vor allem als Opfer der heutigen Gesellschaft (und der Politik der letzten 20 Jahre) angesehen werden kann - wird sicher nicht zulassen, daß der Status Quo lange beibehalten wird.

    Außerdem muß man nur mal 10-15 Jahre zurückdenken und überlegen, wie sehr sich die Welt seitdem verändert hat, um zu sehen, daß gewaltige Veränderungen im Gange sind.

    4 Leserempfehlungen
    • Hagmar
    • 05. Januar 2013 20:27 Uhr

    ein überraschender, nahezu frech zu nennender Jessen-Beitrag: "Denn alles, was groß und herrlich ist am Menschen, formiert sich im Widerstand gegen die Mehrheit."

    Trete ich deshalb so sehr in Resonanz, weil ich in der Schweiz lebe und Dänemark ein bisschen kenne? Jedenfalls sind Herrn Jessens Gedanken mehr als die "schöne Kleinigkeit" auf dem Abendbrottisch bei Frau von Thadden. Gefährlicher Sprengstoff quasi. Oder das Salz in der Demokratiesuppe.

    6 Leserempfehlungen
    • Chali
    • 05. Januar 2013 20:42 Uhr

    von einer Untermenge von Menschen, die nicht bis drei zählen können; ja, es nicht einmal bis zwei schaffen

    2 Leserempfehlungen
  3. Jetzt wundert es mich nicht mehr, dass Marx als armes Schwein gestorben ist.

  4. Vor allem #9 finde ich super:

    Auch ich wünsche mir in unserem Land eine intelligente Arbeitsaufteilung, die möglichst vielen Mitbürgern ein erfülltes, angenehmes und menschenzugewandtes Leben und Miteinander ermöglicht.

    Auch ich denke, dass die Koordination einer intelligenten Arbeitsteilung mithilfe der neuen Technologien möglich wäre. Es ist nur eine Frage der guten Organisation und des gemeinsamen Wunsches.

    ...obwohl ich #19 auch ganz nett finde, bedeutet das doch, dass vor 19 Uhr Feierarbend ist...

    3 Leserempfehlungen
  5. 7. [...]

    Auf Wunsch des Users entfernt. Die Redaktion/au

  6. Leider sieht der Mittelschichtsalltag ganz anders aus als bei einer Griffel schwingenden Journalistin. Um 6 Uhr geht es ohne Frückstück los, damit man um 7:30 pünktlich die Stechuhr stechen kann. Um 17:30 geht es zum Zweitjob, und während die Journalistin noch über Dellen sinniert, muss man sich auf dem Weg nach Hause wachhalten, damit man die Haltestelle nicht verpasst. Abendbrot fällt flach. Nach dem Power Napping vorm Fernseher geht man Schlafen, damit am nächsten Morgen wieder um 5 Uhr wach wird.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    <<< Von 7 bis 19 Uhr
    Leider sieht der Mittelschichtsalltag ganz anders aus als bei einer Griffel schwingenden Journalistin. Um 6 Uhr geht es ohne Frückstück los, damit man um 7:30 pünktlich die Stechuhr stechen kann. Um 17:30 geht es zum Zweitjob, und während die Journalistin noch über Dellen sinniert, muss man sich auf dem Weg nach Hause wachhalten, damit man die Haltestelle nicht verpasst. Abendbrot fällt flach. Nach dem Power Napping vorm Fernseher geht man Schlafen, damit am nächsten Morgen wieder um 5 Uhr wach wird. <<<

    Schön, leben um zu arbeiten, wie vor 100 Jahren, geändert hat sich nur der Name des Grundes: Statt Kapitalismus nennt man es heute Marktwirtschaft.
    Aber solange das bei denjenigen, die darunter leiden, vorrangig dazu führt, dass denen die Arbeitslos sind, gefälligst die Sozialhilfe gekürzt werden soll, damit die perfide "Leistungsgerechtigkeit" innerhalb eines ungerechten Systems aufrechterhalten wird, wird sich da garantiert nichts dran ändern, außer, dass der Mittelschichtsalltag in Zukunft statt von 7-19, von 6-20 Uhr durch Gelderwerb geprägt sein wird, um die mickrige Existenz aufrecht zu erhalten...
    Aber blos nicht das Hamsterrad in dem man läuft infrage stellen.

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