Italien, ebenso gut Spanien, Frankreich, Portugal: Auf der sonnigen Piazza unter den Platanen kann man ihnen zusehen. Wie sie kommen und gehen, wie sie stehen bleiben, einander begrüßen, sich küssen, streiten, miteinander plaudern. Sie? Alle! Alle, so darf der blasse deutsche Tourist im Café am Rande ehrfürchtig besichtigen, alle sind sie hier: die über knorrigen Gehstöcken ruhenden Greise auf den Bänken, die um sie herumtollenden Kleinkinder, schwangere Frauen im Schatten, Zahnspangen-gestrafte Teenies. Keine Altersgruppe fehlt, man kennt sich, man begegnet sich, zufällig, aber ganz sicherlich, jeden Tag wieder. So, durchfährt es den Touristen, so und nicht anders sollte es eigentlich sein. So müsste man in die Welt kommen, in der Welt bleiben, aus ihr herausgehen. In dem tröstlichen Wissen, dass dort andere sind, die schon lange vor einem da waren, und andere, die nach einem unter den Platanen sitzen werden.

Zurück im deutschen Winter. Die südländische Urlaubsidylle erscheint nur mehr wie eine sozialromantische Fata Morgana (was sie natürlich auch war). Und doch die Frage: Wo sind sie hier, bei uns, wo sind alle? Vor allem an den Enden der Gesellschaft – Kleinstkinder und Uralte – kann von einem Marktplatz-Gefühl nicht die Rede sein. Aus »alle« werden dort »die eigenen«, verbunden mit einem drohenden Wort, das so gar nicht nach Generationenfolge klingt, sondern nach Überforderung des ohnehin überforderten modernen Individuums: »Betreuung«. Man denkt an die eigenen Kinder und daran, wie sie in den Lebenslauf passen, man denkt an die eigenen altersschwachen, womöglich dementen Eltern, die nur bloß nicht »abgeschoben« werden dürfen, »ins Heim«.

In der Utopie des Marktplatzes gibt es keine Abstellgleise. Es gibt keine Kinder, die durch ihre pure Existenz stören, und es gibt keine Alten, die niemand mehr umarmt, nur weil sie nicht das Glück haben, dass ihre Verwandten in der Nähe wohnen. Es gibt nicht das Gefühl von völliger Alleinzuständigkeit, sondern das Empfinden einer alltäglichen Gemeinschaft, die im Zweifel trägt und aushilft. Hier unmöglich? Die Familien zu klein, die Städte zu groß, die Gesellschaft zu kalt? Vielleicht ein Anfang: neue Kitas nur neben Altenheime bauen! Gemeinsame Orte: Kantinen, Gärten, Tanz-, Malkurse, Singen, gemeinsame Feste! Das, was an den Lebensenden gefragt ist, zusammenlegen! Die Mitte kommt dann sowieso zu Besuch. Und man hätte sie wieder zusammen, alle. Hört sich zu romantisch an? Funktioniert nur unter Platanen? Unter Kastanien könnte es aber auch klappen. Zumindest besser als jetzt.

Nina Pauer