Weltverbesserung : Gesellschaft, was fehlt dir?
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Schlaf


Was von den meisten Utopien zu halten ist, hat Woody Allen an einem biblischen Beispiel demonstriert. Der Wolf und das Lamm werden beisammen wohnen, heißt es beim Propheten Jesaja, und Allen fügt das Entscheidende hinzu: »Aber das Lamm wird nicht viel Schlaf bekommen.« Ist das nicht genau unsere Situation? Unser Wolf hat zwar keine Zähne, aber er schläft nie, das ist das Bestialische an ihm. Unser Wolf ist die Technik, und das Lamm sind wir selbst. Der Wolf hält das Lamm wach. Dem Lamm rast bei Nacht das Herz, und am Tag gähnt es. Bisweilen lässt sich das Lamm in eine Schafsklinik einweisen, weil es »ausgebrannt« ist; darin bleibt es, bis der Brandgeruch verflogen ist.

Eine Grundbedingung menschlicher Zivilisation ist, dass Menschen füreinander Wache halten: Einige bleiben auf, damit die anderen im Schlaf wieder zu Kräften kommen. Was sagt es über den Zustand einer Herde aus, wenn ihre Angehörigen nicht mehr schlafen können? Dass sie einander nicht mehr trauen. Dass sie nicht mehr füreinander Wache halten. Dass sie die fatalsten Angriffe aus den eigenen Reihen befürchten. Dass der Wolf längst im Lager ist.

Wie kann es gelingen, dass so etwas wie Schlafvertrauen in die gescheuchte, scharrende Herde zurückkehrt? Es wäre ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen. Wie ist es zu schaffen? Im müden Wachzustand werden wir auf nichts Gescheites kommen. Wir sollten dringend einmal drüber schlafen.

Peter Kümmel

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