WeltverbesserungGesellschaft, was fehlt dir?
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Blick für das Werk


Wer die Missa Solemnis zum ersten Mal hört, Moby-Dick zum ersten Mal liest, die Sixtinische Madonna zum ersten Mal erblickt, der wird von der Macht großer Kunst im Innersten bewegt. George Steiner spricht von »einer Verkündigung, die in das kleine Haus unseres vorsichtigen Daseins hereinbricht«. Und wenn uns die Wissbegier dazu führen sollte, das Leben Beethovens, Melvilles oder Raffaels näher zu studieren, so bliebe am Ende doch der Kern des Unerklärbaren, das Geheimnis. Kluge Interpretationen können es verstehbar machen, aber nicht aufheben. Unserer Zeit allerdings ist das Geheimnis unheimlich. Als handele es sich um einen Akt der Verschwörung, trachtet sie danach, es aufzudecken und unschädlich zu machen. Der probate Weg ist der über die Person. Es herrscht der Irrglaube, wir könnten das Werk besser verstehen, wenn wir die Person, die es schuf, besser verstünden. »Never trust the teller«, sagt D. H. Lawrence, » trust the tale.« Dem Erzähler sollten wir niemals trauen, weil er letzten Endes nicht mehr weiß als der Leser. Wir sollten nur der Erzählung trauen, denn um sie allein geht es. Infolgedessen ist die Frage, ob Kafka pädophil, ob Thomas Mann bi oder homo war, völlig unerheblich für das Verstehen des Werks. Die mediale Welt aber (zu der auch dieses Blatt gehört) wendet ihren Ehrgeiz daran, in das Leben der Künstler einzudringen, als liege dort der verborgene Schlüssel. Man macht einen Spaziergang mit der Dichterin am Strand, man recherchiert die autobiografischen Hintergründe ihres Romans und zeigt ein erotisches Foto von ihr, anstatt das Werk zu zeigen und nachzuvollziehen. Was sich als Neugier tarnt, ist nichts als eine versteckte Aggression, der das Unvergleichliche von Kunst verdächtig ist. Lernen müssten wir von jenen, die man Interpreten nennt. Der Pianist, der eine Sonate interpretiert, nähert sich ihr voller Respekt, und er setzt dabei alles ein (und vielleicht aufs Spiel), was er hat, seinen Körper und seine Seele. Das wäre mein Wunsch für die Zukunft: Dass wir unsere Sinne nicht auf den Künstler richten, sondern auf sein Werk; dass wir die Sensation nicht aus indiskretem Zutritt gewinnen, sondern aus dem Anspruch dessen, was ihm gelang.

Ulrich Greiner

Leserkommentare
  1. Nun, dem Inhalt des kurzen Beitrages kann ich schnell zustimmen. Wo aber wird jetzt das öffentliche Gespräch hierüber angestoßen?

    Beiträge, die über den Tellerrand hinausweisen und den Alternativlos-Merkelialismus durchbrechen, tauchen in der Publikumsresse von Zeit zu Zeit - im Krisen-Rhythmus - auf. Leider bleiben Sie immer kurz und folgenlos (eine der rühmlichen ausführlicheren Ausnahmen: Uchatius' "Wir könnten auch anders" http://www.zeit.de/2009/22/DOS-Wachstum ).

    Und wenn ein Frank Schirrmacher sich fragt, ob die Linke doch recht hat ( http://www.faz.net/-0229sx ), dann werden nicht die Inhalte seiner Analyse diskutiert. Sondern nur, dass so einer wie Schirrmacher das schreibt.

    Es fehlt eine breite offene liberale Auseinandersetzung über große und kleine Alternativen zum Alternativlos. Das öffentliche gesellschaftliche Gespräch. Politiker werden Alternativen erst folgen, wenn eine genügende kritsche Masse öffentlich wahrnehmbar in diese Richtung denkt.

    Bedauerlich.

    p. s.: Ist der Titel der Kolumne "Weltverbesserer" eigentlich ironisch gemeint? Und warum steht sie im Ressort "Kultur"?

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  2. Letztlich kann man gar nicht verhindern, daß sie sich verändert. Die Geschichte ist noch lange nicht vorbei, und gerade die junge Generation - die vor allem als Opfer der heutigen Gesellschaft (und der Politik der letzten 20 Jahre) angesehen werden kann - wird sicher nicht zulassen, daß der Status Quo lange beibehalten wird.

    Außerdem muß man nur mal 10-15 Jahre zurückdenken und überlegen, wie sehr sich die Welt seitdem verändert hat, um zu sehen, daß gewaltige Veränderungen im Gange sind.

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    • Hagmar
    • 05. Januar 2013 20:27 Uhr

    ein überraschender, nahezu frech zu nennender Jessen-Beitrag: "Denn alles, was groß und herrlich ist am Menschen, formiert sich im Widerstand gegen die Mehrheit."

    Trete ich deshalb so sehr in Resonanz, weil ich in der Schweiz lebe und Dänemark ein bisschen kenne? Jedenfalls sind Herrn Jessens Gedanken mehr als die "schöne Kleinigkeit" auf dem Abendbrottisch bei Frau von Thadden. Gefährlicher Sprengstoff quasi. Oder das Salz in der Demokratiesuppe.

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  3. "'Es gibt keine Alternative!'" Das ist das Dogma unserer Dauerkrisenzeit. Aber stimmt das?"

    Nein, natürlich nicht. Es gibt immer Alternativen. Der Punkt sind immer die Konsequenzen, die man ziehen muss, die Wege, die neu zu gehen sind und die Fähigkeit, die Massen mit auf den Weg zu bekommen.

    Es stimmt allerdings auch in einer anderen Richtung nicht.

    Die vermeintliche Alternativlosigkeit ist kein Dogma der Krisenzeit, sondern das Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft und ihrer Interessen und dem des Systems, in dem/mit dem sie ihre Macht haben und erhalten.

    Die vermeitliche Alternativlosigkeit ist die des Systems und dort wo es nicht einmal die des Systems ist, weil es nur um marginale Änderungen im System geht ist, ist es die angebliche Alternativlosigkeit von Wirtschaftsverbänden, die von Merkel & Co.

    Die vermeitliche Alternativlosigkeit ist eine rhetorische Begeung der Möglichkeiten über die Medien, die gerne täglich neu völlig unkritisch und komplett unkommentiert die Merkeleschen Worthülsen dem Populus hinwerfen - friss.

    Das Resultat ist ein verbogens Volk, gebrochen von leeren Worten und rhetorischen Hülsen.

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    Lieber Heiner Z.,

    "Die vermeintliche Alternativlosigkeit ist kein Dogma der Krisenzeit, sondern das Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft und ihrer Interessen und dem des Systems, in dem/mit dem sie ihre Macht haben und erhalten."

    Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft?

    Könnte das nicht auch einfach "Mangel an Kreativität" bedeuten?

    Oder zu wenig Vertrauen in "uns als Volk", dass wir mit motiviertem und mitmenschlichem Zusammenhalt unser Land in die Zukunft führen?

    Oder "zu viel Angst davor, mit bahnbrechenden Ideen und Vorschlägen zu begeistern"?

    Oder "mangelnde Vorstellungskraft"?

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/au

    • Chali
    • 05. Januar 2013 20:42 Uhr

    von einer Untermenge von Menschen, die nicht bis drei zählen können; ja, es nicht einmal bis zwei schaffen

    2 Leserempfehlungen
  4. Jetzt wundert es mich nicht mehr, dass Marx als armes Schwein gestorben ist.

  5. Vor allem #9 finde ich super:

    Auch ich wünsche mir in unserem Land eine intelligente Arbeitsaufteilung, die möglichst vielen Mitbürgern ein erfülltes, angenehmes und menschenzugewandtes Leben und Miteinander ermöglicht.

    Auch ich denke, dass die Koordination einer intelligenten Arbeitsteilung mithilfe der neuen Technologien möglich wäre. Es ist nur eine Frage der guten Organisation und des gemeinsamen Wunsches.

    ...obwohl ich #19 auch ganz nett finde, bedeutet das doch, dass vor 19 Uhr Feierarbend ist...

    3 Leserempfehlungen
  6. Lieber Heiner Z.,

    "Die vermeintliche Alternativlosigkeit ist kein Dogma der Krisenzeit, sondern das Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft und ihrer Interessen und dem des Systems, in dem/mit dem sie ihre Macht haben und erhalten."

    Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft?

    Könnte das nicht auch einfach "Mangel an Kreativität" bedeuten?

    Oder zu wenig Vertrauen in "uns als Volk", dass wir mit motiviertem und mitmenschlichem Zusammenhalt unser Land in die Zukunft führen?

    Oder "zu viel Angst davor, mit bahnbrechenden Ideen und Vorschlägen zu begeistern"?

    Oder "mangelnde Vorstellungskraft"?

    Antwort auf "Alternativlosigkeit."
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    Bei den Mächtigen kann ich mir das nicht wirklich vorstellen. Immerhin haben diese hinreichend Kreativität sich immer neue Möglichkeiten zu schaffen, das Volk gegen deren einene Interessen davon zu überzeugen, dass die Mächtigen unentbehrlich sind.

    <<< Dogma der Mächtigen in Politik und Wirtschaft?
    Könnte das nicht auch einfach "Mangel an Kreativität" bedeuten? <<<

    Sicher.
    Aber bedenken Sie, dass Herrschaftssysteme grundsätzlich kein Interesse daran haben, dass die Masse(!) der Untertanen besonders kreativ oder phantasievoll ist.
    Weil sonst schnell die Herrschaft als Unterdrückung erkannt und nach Alternativen dazu gestrebt wird.

    Dagegen gibt es unzählige mehr oder weniger ausgefeilte Mechanismen; Propanda, Suggestion, Strafe, Abhängigkeiten, Korruption damit die Mehrheit der Menschen den Status Quo bis zu dessen bitteren Ende für vielleicht nicht optimal aber doch eben ok und prinzipiell alternativlos halten.

    Das war beim Feudalismus, der Monarchie, dem Faschismus, dem autoritären Sozialismus und vielen weiteren Herrschaftsformen so.
    Die bürgerliche Demokratie wird dieses Schicksal sicher in einigen Jahrzehnten teilen.

    Denn bezeichnenderweise ist es gerade in den Systemen mit offizieller Meinungs- und Pressefreiheit so, dass diese Ordnungen massenmedial weitgehend unreflektiert bleiben bzw. nur in Einzelaspekten verkürzt kritisiert werden.

    D.h. der vorgesehene Schutzschild gegen (tendenziell) totalitäre, sich als einzig-richtige ausgebende, "alternativlose" Gesellschaftsformen, die freie Rede, funktioniert gar nicht.
    Allein das zu begreifen, übersteigt leider schon das Vorstellungsvermögen der meisten Mitbürger, wir leben ja schließlich in einer Demokratie mit Rechtsstaat und garantierter Meinungsfreiheit...

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