»Ganz allgemein«, schrieb Aristoteles vor über zweitausend Jahren, »greifen die Menschen zum Aufstand auf der Suche nach Gleichheit.« Aristoteles fürchtete um den Zusammenhalt der Polis, wenn die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Über die heutigen Verhältnisse würde der Philosoph vermutlich heftig staunen. In Deutschland verfügt das reichste Hundertstel über ein Viertel des gesamten Eigentums, dagegen gehören siebzig Prozent der Bevölkerung nicht einmal ein Zehntel des Gesamtvermögens. Seit den Reformen der rot-grünen Bundesregierung zahlt die (kleine) Klasse der Superreichen 19 Prozentpunkte Steuern weniger als noch zu Kanzler Kohls Zeiten. Gleichzeitig ist jeder siebte Bundesbürger von Armut bedroht, der höchste Stand seit der Wiedervereinigung. Dass das ungerecht ist, versteht sich von selbst, aber was heißt schon »gerecht«? Die Einkommensungleichheit in Deutschland bewegt sich im Vergleich zu anderen Ländern immer noch gemütlich im Mittelfeld. Und ist Gerechtigkeit nicht ein Feind von Wachstum und Wohlstand? Schwächt Umverteilung nicht die Leistungsanreize beim Wettbewerb, sodass am Ende alle ärmer sind, sogar die Armen? Will das jemand?

Von diesem Margaret-Thatcher-Dogma sollte man Abschied nehmen. Es stimmt einfach nicht, dass Ungleichheit erfinderisch macht und Gesellschaften mit einem starken Sozialgefälle besonders wachstumsfreudig sind. Eher stimmt das Gegenteil. In Ländern mit geringem Einkommensgefälle ist die Innovationskraft tendenziell größer, wie die beiden britischen Wissenschaftler Richard Wilkinson und Kate Pickett gezeigt haben. Sie bestätigen eindrucksvoll, was ohnehin alle ahnen: Zwischen Gerechtigkeit, Gleichheit und Zufriedenheit besteht ein Zusammenhang, weil ein Zuwachs an Gleichheit allen zugute kommt. Der Bildungsgrad einer Gesellschaft ist höher, Armut und Statuskonkurrenz sind geringer; die Bürger leben länger, und die Gefängnisse sind nicht mehr so voll. (Wilkinson/Pickett, Gleichheit ist Glück, Haffmans & Tolkemitt.) Kurzum, je mehr Menschen aus ihrem Leben etwas machen können, desto besser ist es für alle, sogar für die Reichen und die Superreichen. Endlich werden sie von der Qual erlöst, die kostbare Lebenszeit damit zu verbringen, ihren angehäuften Reichtum vor den Augen der Gesellschaft in Fiskal-Oasen zu verstecken.

Thomas Assheuer