Man kann sagen, die Menschheit bewegte sich während der ersten Jahrtausende ihrer Geschichte nicht recht vom Fleck. Fast jeder Mensch wurde damals am selben Ort geboren: in der Armut. Wer nicht gerade Kaiser, Sultan oder Papst war, lebte in Hütten und Verschlägen, also im Dreck, und dort starb er auch. Meistens ziemlich früh.

Es waren die Fabriken und Manufakturen, die Banken und Börsen, es war die Marktwirtschaft, der Kapitalismus, der dafür sorgte, dass die Menschen heute in vielen Ländern neunzig Jahre alt werden und in solchem Überfluss leben, dass sie nicht mehr den Hunger fürchten, sondern das Fett. Es war aber auch der Kapitalismus, der die Wälder schrumpfen, die Wüsten wachsen, die Gletscher schmelzen ließ. In jenem Moment, in dem die Menschheit anfing, auf einem Fundament aus Kohle, Gas und Öl ihren Wohlstand zu bauen, begann sie auch damit, die Erde aufzuheizen. Indem der Mensch reicher wird, wird die Natur ärmer. Das ist das Problem.

Zwei Lösungen gibt es dafür. Erstens: eine Maschine, die Energie erzeugt, aber keine Treibhausgase. Ein Motor, eine Turbine, ein Irgendetwas, das den Kapitalismus am Laufen hält, ohne die Erde auszubeuten. Nach einem solchen Apparat suchen die Menschen seit Jahrzehnten. Gefunden haben sie Solarkraftwerke, Windräder, Biogasanlagen. Sogenannte erneuerbare Energien, die den fossilen Brennstoffen Kohle, Gas und Öl zwar weit überlegen, aber in Wahrheit nicht so erneuerbar, so unerschöpflich sind, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn für Solaranlagen benötigt man Kupfer, für Windräder braucht man Stahl, für den Treibstoff der Biogasanlagen riesige Felder. Will man mit diesen vermeintlich so zukunftsträchtigen Technologien eine immer weiter wachsende Weltwirtschaft mit Strom versorgen, ist diese Zukunft spätestens dann zu Ende, wenn die letzte Mine ausgebeutet, der letzte Wald in Acker verwandelt ist.

Bleibt die zweite Lösung: eine Wirtschaft, die eben nicht immer weiter wächst. Ein marktwirtschaftliches System, das sich mit dem schon erlangten Reichtum zufriedengibt, statt nach immer noch mehr zu streben. Ein Kapitalismus, der konservativ wäre in dem Sinn, dass er den Wohlstand bewahrt, statt ihn immer weiter vergrößern zu müssen.

Bisher ist wenig erforscht, wie ein solches System aussehen könnte. Während die klügsten Ingenieure der Welt immerhin Sonnenkraftwerke und Windräder erfanden, kamen die klügsten Wirtschaftswissenschaftler der Welt nicht auf den Gedanken, einen bescheideneren Kapitalismus zu konstruieren. Ideen gibt es trotzdem: Aktiengesellschaften könnte man in Stiftungen verwandeln. Auch die müssen vernünftig wirtschaften. Aber sie stehen nicht unter dem Druck von Kapitalgebern, die 25 Prozent Rendite verlangen. Die Geldversorgung könnte man verstaatlichen. Bisher sind es die privaten Banken, die den Unternehmen Geld leihen, möglichst viel, möglichst schnell. Weil die Zinsen aber dafür sorgen, dass die Schulden wachsen, müssen auch die Unternehmen immer weiter expandieren, und damit muss auch die gesamte Wirtschaft wachsen. Würde nur noch die Zentralbank Kredite vergeben, ließe sich das Wachstum reduzieren. Auch die Arbeit könnte man anders verteilen. Wenn die Wirtschaft weniger wächst, entstehen weniger neue Arbeitsplätze. Also müsste man die alten so aufteilen, dass sie für alle reichen, oder zumindest für viele. Es müsste eben jeder ein bisschen weniger arbeiten. Er hätte dann auch weniger Geld. Auch sein eigener kleiner Wohlstand würde nicht mehr wachsen. Da fängt es an.

Wolfgang Uchatius