WeltverbesserungGesellschaft, was fehlt dir?

"Es gibt keine Alternative!" Das ist das Dogma unserer Dauerkrisenzeit. Aber stimmt das? Lässt sich die Gesellschaft wirklich nicht mehr verändern? Das wollen wir doch mal sehen. von , , , Ursula März, , , , Maximilian Probst, Ursula März, Hanno Pöppel, , Tobias Timm, , , Kilian Trotier, Ursula März, Christine Lemke-Matwey und

Das italienische oder französische Marktplatz-Gefühl wäre auch im kalten Norden möglich - man muss es nur wollen!

Das italienische oder französische Marktplatz-Gefühl wäre auch im kalten Norden möglich - man muss es nur wollen!  |  © ANDREA PATTARO/AFP/Getty Images

Grund und Boden

Die gute Gesellschaft ist eine, die teilt. Sie pflegt und vermehrt die Güter, die allen gehören. Und nimmt es nicht hin, dass der öffentliche Raum in die Hände Einzelner gerät. Dass Schulgebäude verkauft, dass Wasserrechte privatisiert, dass Straßen an Unternehmer verpachtet werden. Mit einem Wort: Die gute Gesellschaft entzieht die öffentlichen Güter der totalen Ökonomisierung.

Zu diesen Gütern gehört auch der Grund und Boden, der schon deshalb keine Ware im herkömmlichen Sinne ist, weil er sich nicht erzeugen, nicht vermehren lässt. So wie die Spekulation mit Nahrungsmitteln verboten werden müsste, verbietet sich auch die Spekulation mit dem Boden. Was aber tun die Städte und Kommunen? Sie veräußern das, was allen gehört, sie verkaufen ihre Liegenschaften, um den Haushalt zu sanieren. Und sie verkaufen zumeist an die Höchstbietenden, mithin an Spekulanten.

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Das ist falsch. Der Staat muss im Gegenteil langfristig denken: Er muss Boden kaufen und alle Grundstücke erwerben, die frei werden, wenn zum Beispiel Bahn, Post oder Bundeswehr sie nicht mehr brauchen. Und er muss diesen Boden mit Interesse verpachten: an all jene, die eine gute Gesellschaft erst lebendig machen. An jene, die möglichst individuelle, erschwingliche, familienfreundliche Wohnungen bauen wollen. Und alle, die Häuser für kleine Büros und Gewerbe errichten. Er darf der guten Gesellschaft nicht den Boden entziehen und ihn anonymen Investmentfonds überlassen. Er muss auf die alte Idee der Allmende bauen, auf die Idee der geteilten Werte und also auf jene, ohne die eine Gesellschaft keine Gesellschaft wäre: auf die Bürger.

Hanno Rauterberg

Leserkommentare
  1. 9. [...]

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/au

    Antwort auf "Alternativlosigkeit."
  2. 10. [...]

    Auf Wunsch des Users entfernt. Die Redaktion/au

  3. Bei den Mächtigen kann ich mir das nicht wirklich vorstellen. Immerhin haben diese hinreichend Kreativität sich immer neue Möglichkeiten zu schaffen, das Volk gegen deren einene Interessen davon zu überzeugen, dass die Mächtigen unentbehrlich sind.

    Eine Leserempfehlung
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    ...ehrlich gesagt glaube ich das Märchen von den "bösen Mächtigen" nicht.

    Gut, ich unterstellen den sogenannten Mächtigen ein "Machtstreben", was sie in unserer Gesellschaft brauchen, weil sie sonst nicht an die Macht kämen.

    Aber bösartige Täuschungsversuche unterstelle ich den Mächtigen nicht. Nein. Sie halten sich mit Sicherheit selbst für unersetzlich. (Zum Beispiel aus mangelndem Vertrauen in das Volk).

    Dazu noch Betriebsblindheit und Komplexität des Umfeldes. Das halte ich für das größte Problem der sogenannten "Mächtigen" (was psychologische Herausforderungen sind, denen sich auch jeder Privatmensch immer wieder stellen muss, wenn er in seinem Leben etwas verbessern will).

  4. Leider sieht der Mittelschichtsalltag ganz anders aus als bei einer Griffel schwingenden Journalistin. Um 6 Uhr geht es ohne Frückstück los, damit man um 7:30 pünktlich die Stechuhr stechen kann. Um 17:30 geht es zum Zweitjob, und während die Journalistin noch über Dellen sinniert, muss man sich auf dem Weg nach Hause wachhalten, damit man die Haltestelle nicht verpasst. Abendbrot fällt flach. Nach dem Power Napping vorm Fernseher geht man Schlafen, damit am nächsten Morgen wieder um 5 Uhr wach wird.

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    <<< Von 7 bis 19 Uhr
    Leider sieht der Mittelschichtsalltag ganz anders aus als bei einer Griffel schwingenden Journalistin. Um 6 Uhr geht es ohne Frückstück los, damit man um 7:30 pünktlich die Stechuhr stechen kann. Um 17:30 geht es zum Zweitjob, und während die Journalistin noch über Dellen sinniert, muss man sich auf dem Weg nach Hause wachhalten, damit man die Haltestelle nicht verpasst. Abendbrot fällt flach. Nach dem Power Napping vorm Fernseher geht man Schlafen, damit am nächsten Morgen wieder um 5 Uhr wach wird. <<<

    Schön, leben um zu arbeiten, wie vor 100 Jahren, geändert hat sich nur der Name des Grundes: Statt Kapitalismus nennt man es heute Marktwirtschaft.
    Aber solange das bei denjenigen, die darunter leiden, vorrangig dazu führt, dass denen die Arbeitslos sind, gefälligst die Sozialhilfe gekürzt werden soll, damit die perfide "Leistungsgerechtigkeit" innerhalb eines ungerechten Systems aufrechterhalten wird, wird sich da garantiert nichts dran ändern, außer, dass der Mittelschichtsalltag in Zukunft statt von 7-19, von 6-20 Uhr durch Gelderwerb geprägt sein wird, um die mickrige Existenz aufrecht zu erhalten...
    Aber blos nicht das Hamsterrad in dem man läuft infrage stellen.

  5. Die bisherige Anzahl der Leserkommentare zu diesem wirklich lesenswerten Potpourri realutopischer Gedankensplitter zeigt ernüchternd, wie sehr die meisten schon auf das Dogma vermeintlicher Alternativlosigkeit zugerichtet sind. Statt einmal einen Schritt zurückzutreten und das größere Ganze in den Blick zu nehmen, verharrt man anscheinend lieber im realpolitisch diskursiven Grabenkampf des xten Artikels gleichlautender Thematik (s. die Kommentarcharts). Mit einer Gesellschaft, die nur noch Ping-Pong spielt und sich ansonsten diskursiv im Kreise dreht, ist Stillstand vorprogrammiert. Schade eigentlich!

    2 Leserempfehlungen
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    Liebe MaryPoppinsky,

    ich verstehe ihre Enttäuschung. Doch was mich viel mehr interessieren würde: Was ist Ihre persönliche Utopie?

    In welcher Form der Gesellschaft würden Sie gerne im Jahre 2050 leben?

    Was könnten Sie sich vorstellen, wie unsere Mitbürger im Jahre 2050 leben wollten, d.h. welche Vorstellung für uns alle tragfähig wäre?

    Wie soll unser Land dann aussehen?

    Mit besten Grüßen,
    LB

  6. ...ehrlich gesagt glaube ich das Märchen von den "bösen Mächtigen" nicht.

    Gut, ich unterstellen den sogenannten Mächtigen ein "Machtstreben", was sie in unserer Gesellschaft brauchen, weil sie sonst nicht an die Macht kämen.

    Aber bösartige Täuschungsversuche unterstelle ich den Mächtigen nicht. Nein. Sie halten sich mit Sicherheit selbst für unersetzlich. (Zum Beispiel aus mangelndem Vertrauen in das Volk).

    Dazu noch Betriebsblindheit und Komplexität des Umfeldes. Das halte ich für das größte Problem der sogenannten "Mächtigen" (was psychologische Herausforderungen sind, denen sich auch jeder Privatmensch immer wieder stellen muss, wenn er in seinem Leben etwas verbessern will).

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Mangelnde Kreativität"
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    "Gut, ich unterstellen den sogenannten Mächtigen ein "Machtstreben", was sie in unserer Gesellschaft brauchen, weil sie sonst nicht an die Macht kämen."

    Genau dafür muss man nicht die ganze Wahrheit erzählen. Dinge verkürzen, Prioritäten unsachlich setzen. Dinge erzählen, die schlicht falsch sind oder einfach an den richtigen Stellen nicht meinen.

    Das alles und noch viel mehr macht den schlechten Charakter aus, der dazu dienlich ist mächtig zu werden oder zu bleiben.

    Wie Sie das dann schaffen:

    "Aber bösartige Täuschungsversuche unterstelle ich den Mächtigen nicht."

    bleibt mir unerklärlich.

  7. Vielen Dank für die zahlreichen Gedanken zu unserer Gesellschaft und dazu, wie es besser sein könnte. Insbesondere die Gedanken zur Arbeit und zu Grund und Boden müssen weitergeführt werden. Es darf nicht mehr so weiter gehen, daß die einen angeblich in Arbeitsbelastung untergehen und die anderen gar nicht arbeiten dürfen, weil sie zu jung, zu alt, zu lange arbeitslos etc. etc. sind! Die meisten Arbeitsuchenden wollen arbeiten, und die Aushöhlung von Selbstwert, Nicht-Nutzen von Arbeitskraft und Kreativität usw. verträgt sich nicht mit dem Zusammenhalt einer Gesellschaft und schon gar nicht mit dem Grundgesetz unseres Staates.
    Auch der Erwerb von Grund und Boden, das Pachten von Boden und die Nutzung zur Selbstversorgung muß für alle Bürger leichter möglich sein. Der Staat muß auch dem Ausverkauf von Land, auch von Wald, an ausländische Investoren einen Riegel vorschieben, ansonsten entrechtet sich der Staat selbst.

    4 Leserempfehlungen
  8. Liebe MaryPoppinsky,

    ich verstehe ihre Enttäuschung. Doch was mich viel mehr interessieren würde: Was ist Ihre persönliche Utopie?

    In welcher Form der Gesellschaft würden Sie gerne im Jahre 2050 leben?

    Was könnten Sie sich vorstellen, wie unsere Mitbürger im Jahre 2050 leben wollten, d.h. welche Vorstellung für uns alle tragfähig wäre?

    Wie soll unser Land dann aussehen?

    Mit besten Grüßen,
    LB

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    Viele der o. g. Ansätze halte ich für interessant. Schlagwortartig 'verdichtet' würde ich sagen: Gerne würde ich in einer demokratiscxh erneuerten, ökologischen, sozialen, bürgerrechtsliberalen, geschlechter- und auch sonst - bitte durchbuchstabieren - gerechten, kinder- wie seniorenfreundlichen, kunstsinnigen, ebenso kreativen wie innovativen, antimarktradikalen, multikulturellen, aber konsensfähigen Postwachstumsgesellschaft, die gleichermaßen Raum für Sozialität wie Individualität lässt, ohne jedoch einem Kult des Ego zu verfallen, leben.

    Doch leider weiß ich um die innergesellschaftlichen Regressionstendenzen und psychischen Limitierungen der Gesellschaftsmitglieder, weshalb ich Ihnen die Antwort auf die Folgefrage schuldig bleiben muss.

    Danke, MaryPoppinsky für Ihre Antwort und die Links!

    ...einerseits teile ich Ihre Resignation.

    Andererseits denke ich, dass man für eine Trendwende nicht viele Menschen braucht. (Siehe Vernetzung und ungewollte gegenseitige Beeinflussung in menschlichen Gemeinschaften - meine Links im vorigen Post.)

    Wenn sich wenige Menschen mit klaren Ideen für eine Trendwende einsetzen, halte ich die Chancen für gar nicht so schlecht.

    Allerdings ist die Mindestanforderung, dass die Ideen klar und umsetzbar formuliert werden. In einer quantitativen, ökonomischen Sprache.

    Warum?

    Nur so besteht die Chance auch die sachlichen und quantitativ starken (aber eher kreativlosen) Menschen für die Umsetzung zu gewinnen. (Und zwar nicht, weil diese Menschen "bösartig" sind. Ich habe viele Bekannte aus dem quantitativen Sektor, die gerne zugeben, dass Ihnen für "hypothetische Zukünfte" schlicht und einfach teilweise das Vorstellungsvermögen fehlt.)

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