AkademietheaterVom Nicht-Leben

Das Akademietheater vernichtet das neue Endzeitstück von Ewald Palmetshofer bei der Uraufführung. von 

Die Alten haben es gut. Sie haben den Geldmann, der ihnen regelmäßig ein Stück Zukunft bringt. Sie haben die Gewissheit, dass ihr Leben in gewohnten Bahnen weiterlaufen wird. Sie haben sich verbarrikadiert in einem spießigen Paradiesgärtlein, in hermetisch abgedichteten Reihenhausidyllen, hinter ihrer Ignoranz, die es ihnen erlaubt, den anarchischen Zusammenbruch, der sich rundum ausbreitet, nicht zur Kenntnis zu nehmen. Die Welt brennt. Die Alten haben’s bequem. Das ist ihre Lebensschuld.

Die Jungen haben nichts. Sie haben keine Zukunft, keine Perspektive, sie haben nicht einmal Vergangenheit, an die man sich erinnern könnte. Sie sind hineingeworfen worden in ein Leben, das dem Begriff nicht gerecht werden mag. »Ich bezahle heute schon im Nicht-Leben – mit meinem Leben, das ein Nicht-Leben ist – die Lebensschuld der Väter«, heißt es an einer Stelle in räuber.schuldengenital, dem neuen Stück von Ewald Palmetshofer, das kurz vor Weihnachten am Wiener Akademietheater uraufgeführt wurde.

Anzeige

Der 34-jährige Theaterdichter, der Theologie und Philosophie studiert hat, trotzt dem Generationenkonflikt eine apokalyptische Endzeitvision ab. Zwangsläufig endet die Szenenfolge dieses Desillusionstheaters in einem Massaker, das die Bürgerkriege ankündigen will, die demnächst die Landstriche einer kraftlos gewordenen Zivilisation verwüsten werden. Nicht weniger prophezeit der Autor. Die Alten beseelt der panische Gedanke, die verzweifelte und von ihrer Chancenlosigkeit gedemütigte Generation der Nachkommen kenne nur noch das eine Ziel, ihnen die letzten Krümel zu rauben, die sie ganz allein verzehren wollen. Es gibt nichts zu teilen, Erbe werden sie ohnehin keines hinterlassen: weder materielles noch ideelles. Es ist ja längst alles zur Neige gegangen: Wohlstand, Moral, Wertvorstellung. Jede Welterfahrung nährt sich aus dem Chaos, in dem sie sich befindet. »Ich hätt gern, Vater, Mutter, heut das Geld der Zukunft schon«, fordert dennoch der Sohn und zückt sein Messer. Aber so wie viele der tragischen Hallodris in den elegischen Bühnenmoritaten von Ödön von Horvath, weiß auch er schon bevor er zusticht, dass nicht viel herausschauen wird bei seiner Tat. Doch Blut muss fließen. Es ist das Einzige, das noch zu tun übrig geblieben ist in einem sinnlosen Dasein.

Das düstere Nicht-Lebensgefühl in diesem Stück ist gar nicht so weit hergeleitet von der dystopischen Stimmung der frühen Punk-Jahre mit ihrem selbstdestruktiven Grundtenor. Doch Palmetshofer erzählt seine grimmige Geschichte mit aberwitziger Sprachakrobatik, in der spröde Poesie funkelt. Die Dialoge und Monologe sind in einer eigenwilligen Kunstsprache formuliert, die nicht künstlich klingt, sondern sich an der fragmentierten Grammatik, der Ausdrucksarmut und den Satzschleifen im Endlossprech des modernen Großstadtpalavers orientiert. Wörter finden wie zufällig zueinander, klammern und verflattern wieder. Dieser Ton ist das Markenzeichen des erfolgreichen Bühnenautors. Er hat ihn noch weiter zu einem Sprachgedicht wie bei einem Poetry-Slam verdichtet.

räuber.schuldengenital war ein Auftragswerk des Burgtheaters. Und hier beginnt das Missverständnis: Die beiden vertragen sich nicht. Der sprachgewaltige Text würde nach einer kargen, konzentrierten Inszenierung verlangen. Der viel beschäftigte deutsche Regisseur Stephan Kimmig hat ihn jedoch der stets auf Verblüffung ausgerichteten Bühnenmaschinerie der Bundestheater überantwortet. Der ganze modische Theater-Klimbim mit exzessiven, aber vollkommen sinnstörenden Videoprojektionen wird ausgeschöpft, bis das Endspiel im Katastrophen-Tralala vertändelt. Fehlt nur, dass sich der Theaterhimmel auftut und Feuer auf die Unglückswürmer regnet. Zwar wird dadurch verdeckt, dass das Stück an manchen Stellen noch unfertig scheint, doch zugleich wird einem großen Theatertalent die Möglichkeit genommen, sich als das zu präsentieren, was er ist: ein Dichter.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Alte | Burgtheater | Stephan Kimmig | Theologie
    Service