Schon als die vier in den Privatklub Clé de Berne kamen, wohin die ZEIT sie geladen hatte, merkte man, dass sie sich freuten, mal länger miteinander sprechen zu können. Sie begrüßten sich herzlich, fast alle sind per Du miteinander. Die Freude war aber vor allem im Thema des Gesprächs begründet: die Lage der Nation. Und die liegt diesen vier, die zu den klügsten Köpfen des Landes gehören, am Herzen. Was an diesem dreistündigen Gespräch aber am meisten erstaunte: Politiker aus ganz unterschiedlichen Parteien können einander zuhören und manchmal sogar die eigene Position infrage stellen.

DIE ZEIT: Frau Keller-Sutter, meine Herren, in keinem anderen Land der Welt sind Politiker so machtlos wie in der direktdemokratischen Schweiz. Warum machen Sie trotzdem Politik?

Karin Keller-Sutter: Es ist so, dass die Schweiz durch ihr sehr ausgefeiltes System der checks and balances meine Macht beschränkt. Ich finde dies aber richtig, weil es Teil unseres Erfolg ist. Dieses System bedingt, dass man miteinander ins Gespräch kommt und miteinander Lösungen findet. Aber wir alle sind nur kleine Rädchen im Getriebe, das ist schon wahr.

Pierre-Yves Maillard: Ich behaupte das Gegenteil. In der Schweiz können Politiker wegen der direkten Demokratie mehr Einfluss als in anderen Ländern nehmen. Ich war fünf Jahre lang Nationalrat und hatte im Parlament keine Chance, die Privatisierung der staatsnahen Betriebe zu bremsen. Aber ein erfolgreiches Referendum über die Liberalisierung des Elektrizitätsmarktes hat mir Einfluss verschafft. Im Vergleich mit anderen Ländern liegt die Macht in der Schweiz mehr in den Kantonen. Anderswo hat die nationale Regierung mehr Macht als der Bundesrat.

ZEIT: Je weiter einer in der politischen Hierarchie nach oben steigt, umso machtloser wird er?

(Alle nicken, außer Bernhard Pulver)

Martin Baltisser: Ich war auf kommunaler Ebene in einer Exekutive tätig. Dort hat man einen großen Gestaltungsspielraum, ist den Bürgern aber auch sehr direkt Rechenschaft schuldig. Im Gesamten ist unser System sehr dynamisch, weil auf allen Stufen Überraschungen und kurzfristige Lösungen möglich sind. In anderen Ländern werden die Weichen sehr viel früher gestellt.

Bernhard Pulver: Ich bin nicht sicher, ob wir so machtlos sind, wie Sie meinen. Mir scheint, anderswo ist nur die eingebildete Macht der Politiker größer, in Tat und Wahrheit sind sie mehr als hier Gefangene der Verwaltungen und der Sachzwänge. Zur Frage, wieso wir »trotzdem« Politik machen: Grundsätzlich mache ich Politik, weil ich mich für die Gesellschaft engagieren will. Das glaubt man uns Politikern zwar nicht mehr. Aber alle, die hier an diesem Tisch sitzen, machen doch in erster Linie Politik, weil sie das Land lieben und nicht weil sie Macht haben wollen. Dann müsste man andere Karrierewege einschlagen.

ZEIT: Ist es schwerer geworden, im schweizerischen Konsenssystem zu politisieren als früher?

Keller-Sutter: Es ist unberechenbarer geworden. Das Aufkommen von neuen Parteien hat zu einer Zersplitterung geführt. Man weiß zwar, wie die neuen Parteien heißen, für was sie aber stehen, weiß man nicht. Bloß, unser System ist nicht darauf ausgelegt, so viele Stimmen in Einklang zu bringen. Diese neue Uneinigkeit sehe ich auch im Ständerat, wo die Entscheide oft sehr knapp sind.