DIE ZEIT: Herr Lachner, Sie sind eigentlich Luft- und Raumfahrtingenieur, haben nun aber in 30 anderen Berufen gearbeitet – und das in 30 Wochen und 30 europäischen Ländern. Was haben Sie dabei über Europa erfahren? Gibt es etwas, was die Menschen in allen Ländern verbindet?

Jan Lachner: In Belgien gibt man sich zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange, in Frankreich zwei, in Luxemburg drei. Das sind die Unterschiede, kleine Dinge, Details. Bei den großen Dingen aber, bei den grundsätzlichen Fragen und alltäglichen Gewohnheiten, da sind sich die Menschen auf diesem Kontinent sehr ähnlich: Überall gibt es Supermärkte, viele wollen ein größeres Auto als der Nachbar haben. Selbst als ich die Sprache nicht verstand, habe ich mich auf meiner Reise nie im Ausland gefühlt. Bis auf Island vielleicht, oder den Norden Finnlands, mit den Polarwäldern, das sieht wirklich anders aus, auf den kulturellen Schock warte ich aber immer noch.

ZEIT: Sie haben als Bierbrauer in Tschechien gearbeitet, als Altenpfleger in Deutschland und als Förster in Finnland. Dabei hatten Sie von all den Berufen gar keine Ahnung. Haben Sie überhaupt richtig gearbeitet, oder haben Sie nur zugeschaut?

Lachner: Wenn Sie wollen, können wir auf Malta gerne mal gemeinsam eine Woche mit den Fischern aufs Meer hinausfahren. Ihre Frage wird sich dann schnell erübrigen: Im Zweistundentakt werden die Netze hochgezogen – übrigens auch nachts, länger als knapp zwei Stunden kann man nie schlafen. Es stimmt: Fachkenntnisse hatte ich fast nie – aber dafür hatte ich zwei andere Dinge zu bieten: einmal meine körperliche Arbeitskraft. Bei den Ausgrabungen in Griechenland zum Beispiel ging es vor allem um Schaufeln, Graben, Erdeschleppen. Und zweitens waren mein fremder Blick und meine Neugierde wertvoll: Durch meine Sicht von außen konnte ich frische Ideen einbringen und Fragen stellen, die sich andere noch gar nicht gestellt haben.

ZEIT: Welche denn?

Lachner: Ein Beispiel: Wenn die Fischer auf Malta ihr Netz ins Boot ziehen und ausleeren, kümmern sie sich erst um die Fische, die sie gebrauchen können. Erst danach werfen sie die anderen Fische wieder ins Wasser – die sind dann aber inzwischen alle tot. Dass es auch anders geht, kam ihnen gar nicht in den Sinn, sie waren zu sehr in ihrer täglichen Routine verhaftet. Da habe ich ihnen gesagt: Kümmert euch erst um die Fische, die nicht verwertbar sind, und werft sie zurück ins Wasser. Einige werden diese Strapazen überleben – danach kann man sich immer noch um die wertvollen Fische kümmern!

ZEIT: Haben Sie denn auch Geld für Ihre Arbeit und Ihre Tipps bekommen?

Lachner: Das kam auf die Unternehmen und deren finanzielle Kraft an. Beim Bäumepflanzen in Finnland, beim Pub in Irland oder beim Immobilienmakler in Luxemburg gab es einen ordentlichen Wochenlohn, was mir bei der Fortsetzung der Reise stark geholfen hat. Die Flamenco-Schule in Spanien wiederum kommt selbst kaum über die Runden und hat mir nichts gezahlt, dafür bekam ich dort erst einmal drei Tage lang Tanzunterricht. Ich habe einige Sponsoren gefunden, private Firmen, aber auch öffentliche Einrichtungen, die Städte Paris und Clichy haben mich auch unterstützt.

ZEIT: Hat das ausgereicht, um Unterkunft und Reisekosten zu decken?

Lachner: Nein, bei Weitem nicht, leider. Die effektivste Finanzierungsform ist daher gewissermaßen das Geld, das ich nicht ausgebe: Ich war noch nicht einmal eine Nacht pro Monat im Hotel. Stattdessen bin ich immer umsonst bei irgendjemandem untergekommen. Bevor ich in eine Stadt kam, habe ich im Internet immer nach Menschen geschaut, die kostenlos einen Schlafplatz zur Verfügung stellen.

ZEIT: Sie meinen Couchsurfing?

Lachner: Ja, auf diese Weise habe ich das Leben und die Menschen in den Ländern richtig kennengelernt. Auch beim Reisen versuchte ich zu sparen, indem ich so oft wie möglich getrampt bin. Das ist umweltfreundlich, wenn auch nicht immer effizient. Auch hier hatte ich eine Menge interessante Begegnungen. Ein deutscher Lastwagenfahrer, der nach mehr als 20 Jahren seinen Beruf gewechselt hatte, war dermaßen begeistert von seinem neuen Job hinterm Steuer, das war wirklich inspirierend. Es ist immer ein gegenseitiges Kennenlernen, ein Austausch. Vielleicht hat er meine Geschichte auch weitererzählt.

ZEIT: ...die ist wirklich bemerkenswert. Aber man fragt sich natürlich: Warum machen Sie all das überhaupt?

Lachner: In meinem Beruf als Luft- und Raumfahrtingenieur bleibt man oft sein Leben lang im selben Unternehmen. Ich habe das bei meinen Eltern gesehen, die auch in dieser Branche gearbeitet haben. Ich wollte wissen, was es noch anderes gibt, und meinen Horizont öffnen. Außerdem versuche ich mit meinem Projekt, anderen Menschen die europäische Idee vorzuleben.

ZEIT: In Europa werden mehrere Dutzend Sprachen gesprochen. Konnten Sie sich immer ausreichend verständigen?

Lachner: Deutsch, Französisch und Englisch spreche ich fließend, das reicht meist aus, und wenn nicht, geht es trotzdem irgendwie. Um bei den Fischern zu bleiben: Ich war fünf Tage lang auf dem Boot allein mit sechs Ägyptern, die kaum Englisch sprachen. Beim Aussortieren gab es »good fish« und »bad fish« und ein paar Gesten, mehr brauchten wir nicht.