Orlando Figes"Das Leben ist das Leben und Du bist meines"

Was Liebe ist und vermag – Orlando Figes erzählt eine unerhörte Begebenheit aus einem der Terrorlager Stalins. von 

© Hanser

Ist es ein schönes Buch, will mancher schnell wissen, ist es ein Buch, das man verschenken sollte, der Mutter, den Kindern, was ist dies nur für ein Buch? In Kürze: Das neue Buch des britischen Russland-Forschers Orlando Figes ist ein erhebendes, ein schreckliches, ein unfassbar trauriges Buch, es ist eine kaum erträgliche Lektüre und eine, die mit tiefer Dankbarkeit erfüllt – darüber, dass man es lesen durfte.

Das Buch erzählt von einer unwahrscheinlichen Liebe. Es berichtet von einer tiefen Leidenschaft, die in der Universität Moskau vor dem Eingang der Physikalischen Fakultät begann, mit vorsichtigen Blicken zwischen zwei Studenten des Jahrgangs 1935. Swetlana und Lew. Eine klare, etwas spröde Schönheit, ein schmaler Mann mit weichen Lippen. Sie sind ernsthafte, intellektuell selbstbewusste Menschen. Ihre Geschichte nimmt Fahrt auf in langen Spaziergängen durch Gartenalleen, entwickelt sich, unter der Rezitation von Gedichten der großen Achmatowa, mit Umsicht – und gerät dann unter die Panzerketten, mit der sich die Zeitläufte damals über die Schicksale von Menschen und Ländern hinwegwälzten. Stalins Terror. Zweiter Weltkrieg. Die Todeslager der Nazis, Buchenwald, dann: der Gulag.

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Was von dieser Geschichte zu erfahren war, landete im Herbst 2007 in Gestalt von drei Kisten vor dem Moskauer Büro von Memorial, der Menschenrechtsorganisation, die der Atomphysiker und Dissident Andrej Sacharow 1988 gründete, als Forschungs- und Gedenkstätte für die Opfer von Terror. Drei Kisten, und während die beiden größeren Dokumente und Bilder enthalten, finden sich in der kleineren von ihnen nur Briefe: eineinhalbtausend Briefe, auf krümelndem Papier, mit kleiner, ordentlicher Schrift eng beschriebene Seiten; der erste stammt aus dem Jahr 1946, der letzte aus dem Jahr 1954. Es sind Briefe, die sich Swetlana und Lew schrieben, in diesen nie enden wollenden Jahren, in denen Lew in Petschora inhaftiert war, im Holzkombinat, einem Umerziehungslager für angeblich Abtrünnige.

In Petschora werden die Winter nur durch drei kurze Sommermonate unterbrochen, im September verschwindet das Land wieder unter dem Eis, es gibt wenig, was Lew zusammenhalten konnte, außer dass Swetlana ihm schrieb, Durchhalte-Ermutigungs-Briefe. Adresse: Lew Glebowitsch Mischtschenko. Komi-ASSR, Region Koschwa, Holzkombinat. BL 274-11b. B L für Besserungslager, und 274-11b, erläutert uns Figes, sind Zahlen von schrecklicher Bedeutung.

Es ist, so Orlando Figes, die größte Sammlung von Gulag-Briefen, die erhalten ist. Neben den emotionalen Aspekten sind sie auch eine Fundgrube über den Alltag im Gulag. Figes ist der Überflieger unter den britischen Historikern und lehrt am Birbeck College in London. Sein Werk über die Russische Revolution (Die Tragödie eines Volkes, 1997) ist bereits ein Klassiker. In Nataschas Tanz (2007) hat er die Traditionslinien der russischen Kultur nachgezeichnet, in Die Flüsterer (2009) die Art und Weise, wie das diktatorische Regime in das emotionale Leben der Menschen eingriff. Figes, der Ehrgeizige, hat vor einigen Jahren reichlich Spott geerntet, als herauskam, dass er im Internet unter Pseudonym Konkurrenten mit negativen Rezensionen überzogen hatte. Sein neues Buch beweist wiederum sein besonderes Können. Er hat die Fähigkeit, private Geschichte zu entfalten, indem er die Umstände ihrer Zeit auslotet, wodurch das Persönliche nicht erdrückt wird, sondern an Tiefenschärfe gewinnt.

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