Orlando Figes"Das Leben ist das Leben und Du bist meines"
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Die Briefe sind eine Fundgrube über den Alltag im Gulag

Figes erzählt mehr, als er dokumentiert. Er nimmt uns mit in die Familiengeschichten der beiden Liebenden, er korrigiert und erläutert das Briefgeschehen aus Gesprächen, die er später mit Lew und seiner Sweta führte, die nach der Entlassung 1955 heirateten und heute über neunzig Jahre alt sind. Wir kommen so mit auf die Datscha in die Großfamilie, in der Sweta aufwuchs, wir hören, wie der vierjährige Lew, an der Hand seiner Großmutter, die Eltern im Gefängnis besucht, die als sogenannte bourgeoise Elemente verhaftet worden sind und dort sterben werden. Er wächst auf in Moskau am Leningrad Prospekt in einem eisigen Raum, in dem die Großmutter auf einer Truhe schläft, die Füße auf einem Hocker abgelegt. Welche Hoffnung also, als sich für ihn eine Karriere als Atomphysiker abzuzeichnen beginnt! Dann, 1941, der deutsche Überfall. Lew meldet sich zur Front. Danach: Kriegsgefangener der Deutschen, in Katyn, dann Fürstenberg an der Oder. Fluchtversuch. Erneute Gefangennahme. Buchenwald.

Sweta erlebt ihre eigenen Odyssee, aber 1943 ist sie wieder in Moskau, sie lebt bei ihrer Familie, im Dunkeln, frierend. Keine Nachricht von Lew. Sie wird ihm später berichten von dem »Gefühl der Leere und der Qual, als hätte mein Herz sich in sich selbst zurückgezogen. Es war unmöglich zu atmen. Monatelang konnte ich mit niemandem sprechen, nirgendwohin gehen, nichts lesen.«

Lew, der so viele Stationen des deutschen Horrors überlebt hatte, war genau deshalb unter Spionageverdacht geraten, am 15. November 1945 verurteilt ihn ein russisches Militärgericht wegen Hochverrats zum Tode, ein Urteil, das zu zehn Jahren Haft in einem Arbeits-Besserungslager umgewandelt wird. Drei Monate dauert die Reise nach Petschora, ein Kaff im Eis, bevölkert mit 10000 Häftlingen, nun, es sind 10000 unter den 20 Millionen, die in Stalins Arbeitslagern verschwinden. Die Häuser sind zum Schutz vor der Kälte in den Boden eingegraben.

Von diesem Tiefpunkt an entfaltet sich das, was man die Handlung der Briefe nennen könnte. Es dauert Monate, bis Lew sich durchringen kann, ein Lebenszeichen von sich zu geben. Er schreibt mit Bedacht nicht an Sweta, sondern an seine Tante, um die Freundin nicht zu bedrängen. Dann, am 12. Juli 1946, ein erster Brief von ihr: »Ljowa! Wenn es anders nicht sein kann, dann ist dies besser als nichts. Wir sind beide 29 Jahre alt, wir haben uns vor elf Jahren kennengelernt und sind uns seit fünf Jahren nicht mehr begegnet... Wir werden dies durchstehen, Lew.«

Es gibt Momente der Lektüre, in denen man bedauert, dass die Briefe nicht in ihrer ganzen Fülle und im Takt des Schreibens, der Antworten, des Erwiderns wiedergegeben sind. Figes hat sich dafür entschieden, viele nur in Auszügen abzudrucken, dazwischen finden sich seine Zusammenfassungen, Ergänzungen, Erklärungen. Es entfaltet sich aber ein Hin und Her von Ermutigungen und Durchhalteparolen, auflodernder Sehnsucht, mühsam gebändigter Verzweiflung.

Mal täuscht Lew seine Sweta, indem er sich in den Schilderungen der schönsten Landschaftsbilder ergießt, um vor ihr, die an Depressionen leidet, die Grausamkeiten des Alltags zu verschweigen, dann richtet sie ihn auf, der nicht nur das eigene Elend ertragen muss, sondern auch zusieht, wie Freunde, die er gewinnt, untergehen.

Die Briefe, transportiert über eine Distanz von 2170 Kilometern, über ein Meer der Verzweiflung, entfalten eine Kraft, die beide im Leben hält. Fünf Mal wird sich Sweta diese Tausende von Kilometern zu Lew durchschlagen, sich zu ihm ins Lager schmuggeln. Ja, mag sein, dass alle einstigen Träume verloren sind, »doch das Leben ist das Leben und Du bist meines, denn kein Tag vergeht, an dem ich nicht morgens, nachmittags und abends an Dich denke«, so Sweta an Lew.

Diese Liebe ist lange ohne Aussicht, sie nährt sich allein aus dem Trost, dass es die andere, die geliebte Person, jedenfalls gibt. Das Schicksal destilliert daraus so etwas wie eine Essenz von Liebe, in bitterster, klarer Form.

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