Saubohnen aus Porzellan

Die Bürger der Grande Nation machen sich zum Jahresbeginn auf die Suche nach einer Saubohne. Sie gilt als Glücksbringer und nationaler Talisman. Gegessen wird die fève allerdings nicht. Mit etwas Glück findet man sie im eigenen vollen Mund. Denn sie steckt irgendwo verborgen in der Galette des Rois, dem Dreikönigskuchen, einem kaloriensatten Backwerk aus Blätterteig, Mandelcreme und Marzipan. Längst sind jene Tage vorbei, als tatsächlich noch eine einfache Saubohne im Kuchenteig ihrer Entdeckung harrte. Inzwischen werden die fèves aus Porzellan gemacht und dürfen allerlei Formen annehmen. Jeder Pâtissier, der etwas auf sich hält – und davon gibt es in Frankreich unzählige –, platziert das Porzellanfigürchen höchstpersönlich im Königskuchen. Mal ist’s die Nachbildung einer Königin, mal die des Eiffelturms; der Pariser Edelkonditor Nicolas Bernardé ließ schon von Künstlerhand einen blauen Frauenschuh gestalten, der bekannte Elsässer Zuckerbäcker Daniel Rebert versenkt im Kuchen ein Törtchen aus Porzellan. Unter großem Getöse und Oh-là-là wird die Galette des Rois am 6. Januar im Familienkreis angeschnitten. Der Jüngste am Tisch weist die Kuchenstücke zu. Wer die fève findet, bekommt eine goldene Papierkrone aufgesetzt und gilt als Glückspilz des neuen Jahres. Jedes Mal, wenn der König nun sein Glas an die Lippen setzt, rufen die anderen inbrünstig: »Le roi boit, le roi boit« – der König trinkt, der König trinkt. Will der König seine Schätze mehren, sollte er seine »Saubohne« gut verwahren: Viele fèves sind zu begehrten Sammelobjekten aufgestiegen und werden auf Flohmärkten und im Internet von jenen gesucht, die nicht das Glück hatten, beizeiten draufzubeißen.