Fische fressen Sünden auf

Bereits der Neujahrsgruß enthält in Israel eine geschmackliche Note: »Ein gutes und süßes Jahr« wünscht man gern, und entsprechend süß sind die Kleinigkeiten, die üblicherweise zum Neujahrsfest Rosch ha-Schana gereicht werden. Weil in Israel der jüdische Mondkalender den Jahreswechsel bestimmt, fällt das Fest allerdings nie in den Januar, sondern – nach unserer Zeitrechnung – auf wechselnde Tage zwischen Anfang September und Anfang Oktober. Es gibt Honigkuchen, Weintrauben und in Honig getunkte Apfelschnitze, begleitet von koscherem Süßwein. Und es gibt Dinge wie den Granatapfel, zu dessen Verzehr eine Art Fürbitte gehört: »Möge es dein Wille sein, dass unsere Rechte sich wie der Granatapfel mehren« – mit Blick auf die zahllosen Kerne der Frucht. Das traditionelle Pendant in jiddisch sprechenden Kreisen ist ein Gericht namens Tzimmes aus karamellisierten Möhren. Die heißen auf Jiddisch »Mehren« und weisen damit schon vom Wortklang her direkt auf das Mehren der Rechte im Bittspruch. Dass Karottenscheiben zudem an Goldtaler erinnern und also symbolisch den Wohlstand nähren, scheint allerdings kein allgemein geteilter Glaube zu sein, denn viele schneiden die Tzimmes-Möhren einfach in Würfel. Eine weitere Fürbitte – immer weniger gebräuchlich – begleitet die Dattel: »Möge es dein Wille sein, dass unsere Verleumder und Ankläger zugrunde gehen.« Stücke vom Fisch und vom Schafskopf nimmt man schließlich mit den Worten zu sich: »Möge es dein Wille sein, dass wir zum Kopf und nicht zum Schwanz werden.« Das Neujahrsfest dient außerdem dazu, reuevoll aufs vergangene Jahr zurückzublicken. Viele Juden besuchen deshalb zu Rosch ha-Schana das Rote Meer, den See Genezareth oder den Jordan. Wer Besserung verspricht, darf seine Sünden dort symbolisch ins Wasser werfen. Sind Fische im Wasser, so helfen sie angeblich mit, die Sünden zu vertilgen – zweifellos ein Bonus des neujährlichen Speiserituals.