Voll mit Bauch

Das schottische Hogmanay ist Silvester für Fortgeschrittene. Es findet eigentlich nur in der Neujahrsnacht statt, kann aber spontan auch mehrere Tage lang gefeiert werden. Kein Wunder, dass traditionell ein deftiges Stück Hausmannskost dazugehört: Haggis, also Schafmagen, gefüllt mit Herz, Leber, Nierenfett vom Schaf und Hafer. Mancher mag das für einen kulinarischen Abstecher in die Finsternis halten. Die Schotten unterziehen sich der derben Gaumenprüfung allerdings furchtlos und entschlossen. Noch immer streiten Experten darüber, woher der Begriff »Hogmanay« stammt und ob er sich womöglich vom französischen homme est né (der Mensch ist geboren) herleitet. Den meisten Schotten dürfte das gleichgültig sein: Für sie ist Hogmanay schlicht die Lizenz, länger und enthemmter zu feiern als sonst. Schon zum Haggis wird großzügig dem Nationalgetränk Whisky zugesprochen. Um Punkt Mitternacht stimmt man dann den keltischen Gassenhauer Auld Lang Syne an, im Gedenken an die Toten des vergangenen Jahres, aber auch mit Blick auf die kommenden Stunden: »Hier ist meine Hand, alter Freund«, heißt es in der letzten Strophe, »schlag ein mit der deinen. Und dann lass uns einen ordentlichen Schluck nehmen...« Zur Silvesternacht passt ein schottischer Energydrink der besonderen Art, das Hot Pint, gemixt aus Whisky, dunklem Starkbier und verquirltem Eigelb, gewürzt mit Muskatnuss. Nach Mitternacht ziehen junge Männer im Kilt mit Whisky, dem schwarzen Früchtebrot Black Bun und einem Stück Kohle durch die Straßen und klingeln bei Freunden oder Verwandten. Der erste Besucher im neuen Jahr bringt angeblich Glück mit. Wenn man in anderen Ländern zu Neujahr erschöpft ins Bett fällt, machen viele Schotten sportlich weiter mit ihrem Zug um die Häuser. Hogmanay wird in Schottland so ernst genommen, dass auch der 2. Januar ein Feiertag ist.