Aal ist gut für die Karriere

In Japan hält ein kulinarischer Silvesterbrauch Jahr für Jahr die Rettungsdienste auf Trab. Alkohol ist nicht im Spiel: Das potenziell gefährliche Lebensmittel heißt Mochi und ist ein schlichter Kloß aus Reismehl. Die Klöße sollen Glück bringen, haben allerdings eine derart klebrige Konsistenz, dass sie jedes Jahr in mehreren Fällen zum Erstickungstod führen. Nicht erst das Schlucken, schon die Zubereitung kostet Kraft, weil das Reismehl, mit Wasser verrührt, beim Erhitzen immer zäher wird. Besonders beliebt sind Mochi als Einlage in einer dicken, süßlichen Suppe aus roten Bohnen. Doch sie gehören auch zu einem über Jahrhunderte praktizierten Opferritual. In vielen japanischen Haushalten befindet sich ein Schrein zur Huldigung von Ahnen und regionalen Gottheiten. Dort werden am Neujahrsmorgen Mochi-Klöße – neben Reiskuchen – als Opfergabe niedergelegt. Dabei verneigt man sich vor den Ahnen, dankt für ihren Beistand und erbittet den Segen für das kommende Jahr. Zusätzlich versucht man, dem Glück mit einer Platte von Osechi-ryōri auf die Sprünge zu helfen – lauter essbaren Kleinigkeiten, von denen jede eine eigene symbolische Bedeutung hat. Gerollter Seetang erinnert an eine Schriftrolle und soll für Bildung sorgen; ein Stück Aal steht für Aufstieg und Karriere, weil der Fisch flussaufwärts unterwegs ist; eine Eierspeise mit getrenntem Eiweiß und Eigelb verspricht Silber und Gold... Früher brauchte die Hausfrau mehrere Tage, um das komplette Sortiment vorzubereiten. Und die Familie fühlte sich verpflichtet, drei Tage lang morgens, mittags und abends nur Osechi zu essen. Mittlerweile belässt man es meist bei einer Mahlzeit. Rapide sinkende Glückswerte konnten bisher nicht nachgewiesen werden.