Sie war einfach unterwegs auf den Straßen Delhis wie Millionen andere Frauen auch. Sie wollte nicht kämpfen, sondern bald heiraten. Vor allem in den indischen Metropolen setzen Demonstranten ihre Regierung nun unter Druck, zu handeln, damit die verurteilenden Worte nicht nur Floskeln bleiben. Doch die barbarische Idee, Vergewaltiger in Indien chemisch zu kastrieren, wird nichts verändern. Ändern lässt sich nur etwas, wenn Missbrauch geahndet wird, wenn Familien ihre vergewaltigten Töchter nicht als geschändet ansehen, wenn Polizisten Anzeigen ernst nehmen und Behörden Frauen Schutz bieten. Dazu sind politische Entscheidungen notwendig, die weit über Kastrationsfantasien und auch weit über Indiens Grenzen hinausgehen.

Als vor fünf Jahren massenhafte Vergewaltigungen international als Kriegsverbrechen anerkannt wurden, war das eine politische Entscheidung; und es ist eine politische Entscheidung, wenn ein Land häusliche Gewalt als Straftat ahndet (was die Hälfte aller UN-Staaten noch nicht tun); es ist eine politische Entscheidung, für welche Projekte das deutsche Entwicklungsministerium Geld ausgibt und für welche nicht; es ist eine politische Entscheidung, zu welchen Bedingungen man die arabischen Länder unterstützt und ob die Einhaltung von Frauenrechten dazugehört. Und es ist auch eine politische Entscheidung, wenn die Kanzlerin bei ihren Besuchen in China, Indien oder Ägypten diese Rechte anspricht.

Man muss diese Entscheidungen treffen wollen, die doch nur das Selbstverständlichste verlangen: dass die eine Hälfte der Weltbevölkerung die gleichen Rechte hat wie die andere. Dass die einen nicht über die anderen herfallen im Namen der Ehre – oder in einem Bus.

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