Abnehmen : Bequeme Lösungen

Lieber Tabletten schlucken oder sich operieren lassen statt abspecken? Von Susanne Schäfer

Wer sich in Diätforen im Internet umsieht, lernt vor allem eines: Viele Übergewichtige würden alles tun, damit sie nur nicht ihren ungesunden Lebensstil ändern müssen. Abnehmwillige tauschen sich im Netz über Blitzdiäten aus, darunter angenehm klingende Varianten wie die »Schoko-Diät« oder die »Abnehmen im Schlaf«-Methode. Sie raten einander, was man dem Arzt erzählen muss, damit er Appetitzügler verschreibt. Und sie diskutieren, ob vermeintliche Wunderpillen von Internet-Anbietern »wirklich ohne Sport und Nahrungsumstellung« funktionieren. Und erinnert ein Teilnehmer die Mitstreiter daran, dass die Formel für erfolgreiches Abnehmen einfach und bekannt ist – mehr bewegen, ausgewogen essen, und das für immer –, wird er in der Regel ignoriert.

So kommt es, dass inzwischen 66 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen in Deutschland übergewichtig sind, etwa jeder Fünfte ist sogar fettleibig, hat also einen Body-Mass-Index von über 30. Zu viel Speck, vor allem der am Bauch, kann bedrohliche Auswirkungen haben: Bluthochdruck, ein gestörter Fettstoffwechsel und ein erhöhter Blutzuckerspiegel, der oft zu Typ-2-Diabetes führt. Die unheilvolle Kombination dieser Symptome nennt sich Metabolisches Syndrom. Mediziner sprechen von einer Wohlstandskrankheit, weil sie durch zu wenig körperliche Bewegung und Überernährung entsteht. Die Patienten haben ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Für solche Fälle bietet die Medizin ein reiches Repertoire an weniger anstrengenden Problemlösern. Sie bescheren der Industrie und vielen Kliniken gute Umsätze – und den Patienten oft erhebliche Nebenwirkungen.

Beliebt waren lange Zeit Abnehmpräparate – sogenannte Antiadiposita, die den großen Hunger unterdrücken. Doch diese Appetithemmer gerieten immer wieder in die Schlagzeilen. Als erstes Mittel verschwand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Phenmetrazin vom Markt, weil es lebensbedrohlichen Bluthochdruck in der Lunge auslöste. Das Problem wiederholte sich mit Aminorex. Ende der neunziger Jahre stand Fenfluramin auf der Abschussliste, weil es Schäden an den Herzklappen verursachte. 2008 empfahl die Europäische Arzneimittelagentur, die Zulassung für den Wirkstoff Rimonabant ruhen zu lassen, weil bei den Patienten Depressionen aufgetreten waren. Und 2010 wurden Präparate mit dem Wirkstoff Sibutramin vom Markt genommen, weil sie im Verdacht standen, das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte zu erhöhen.

Die Risiken der Appetithemmung überwiegen den Nutzen. Wenn aber schon das Übergewicht nicht vermieden werden kann, sollten wenigstens negative gesundheitliche Folgen ausbleiben. Diese Strategie ist in der pharmazeutischen Industrie äußerst beliebt. Bei Millionen Übergewichtigen in Deutschland lockt ein Milliardenmarkt, der große Gewinne für die Pharmaunternehmen verheißt. Auch deshalb versprechen immer neue Substanzen ungehemmten Genuss ohne Reue.

Die einfachste Option sind Medikamente, die gegen einzelne Komponenten des Metabolischen Syndroms wirken. Zwischen 2001 und 2010 stieg die Anzahl der Verschreibungen von sogenannten Angiotensinhemmstoffen gegen Bluthochdruck auf das Dreifache, die Insulinverordnungen stiegen um 48 Prozent, und das blutzuckersenkende Metformin wurde in diesem Zeitraum sogar zweieinhalbmal so oft verschrieben.

Doch auch auf diesem Gebiet gilt: keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Im vergangenen Jahr wurde das blutzuckersenkende Präparat mit dem Wirkstoff Pioglitazon vom Markt genommen. Der Wirkstoff stand im Verdacht, das Risiko für Blasenkrebs zu erhöhen. Und Diabetes-Medikamente mit dem Wirkstoff Rosiglitazon, die lange Zeit Verkaufsschlager waren, werden wegen eines erhöhten Herzinfarkt-Risikos seit 2010 in Deutschland nicht mehr vertrieben.

Immer neue Ansätze verfolgt die Pharmaindustrie im Kampf gegen die Folgen des Übergewichts. Wissenschaftler entdeckten, dass zu viel Fett im Körper eine Entzündungsreaktion auslöst. Diese kann unter anderem zu einer Abnahme der Insulinproduktion, einer Insulinresistenz und auf diese Weise zu Diabetes führen. »Dass eine Entzündung die Ursache von Typ-2-Diabetes ist, war für uns eine große Überraschung«, sagt Marc Donath, Diabetologe am Universitätsspital Basel. Wie Spiritus im Grill facht der Botenstoff Interleukin-1 beta bei übergewichtigen Patienten die Entzündung an. Da lag es nahe, das bereits zugelassene Anti-Entzündungs-Medikament Canakinumab, das dieses Interleukin blockiert, an Typ-2-Diabetikern zu testen. Das Ergebnis war verblüffend: Das Medikament senkte den Blutzuckerspiegel der Patienten und verbesserte die Funktion der Betazellen, die in der Bauchspeicheldrüse Insulin produzieren. Ob indes aus dem Stoff ein neues Medikament für den Massenmarkt entsteht, ist noch unklar. Novartis hält sich bedeckt. Eine klinische Studie habe »nur einen mäßigen Nutzen« des Wirkstoffs Canakinumab für den Blutzuckerspiegel von Typ-2-Diabetes-Patienten gezeigt. Forscher Donath sagt hingegen, er sei zuversichtlich, dass der Interleukin-1-Blocker zur Therapie von Diabetes auf den Markt komme. Problematische Nebenwirkungen in der Langzeitanwendung müssten natürlich ausgeschlossen sein.

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Kommentare

82 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Keiner wird angegriffen

1. Die Autorin des Artikels stellt lediglich die Fakten dar, die nach derzeitigem Forschungsstand bekannt sind. Dazu gehört auch, dass eine Gewichtsreduktion den Blutzuckerspiegel und auch den Blutdruck signifikant erniedrigen kann. Im Vergleich zur Einnahme von Medikamenten sicher eine bessere Lösung, auch für die Gesundheit des Übergewichtigen. Körperliche Betätigung ist in Kombi mit einer Ernährungsumstellung am effektivsten. Wenn ein Übergewichtiger auch nur leichte regelmäßige körperliche Aktivität, wie Spaziergänge an frischer Luft, durchführt, dann reicht das schon aus.
Sie interepretieren aus meiner Sicht der Autorin eine persönliche Meinung an, dienicht zutrifft.
2. Niemand zwingt jemand zum Abnehmen, auch das steht nicht im Artikel. Unser Gesundheitssystem kann nur tatsächlich nicht auf Dauer die Operationen und medikamentöse Behandlung bezahlen, v.a. wenn es andere, kostengünstigere Möglichkeiten gibt.

Am Fahrrad sollten die guten Vorsätze doch nicht scheitern!

Die meisten Fahrräder sind nur für ein Maximalbelastung (Fahrer und Gepäck) von 80kg ausgelegt.

Es gibt aber auch robustere Fahrräder. Ich mache z.B. seit Jahren gute Erfahrungen mit meinem Hollandrad. Seit ich solche Fahrräder fahre, habe ich keine Probleme mehr mit gebrochenen Speichen, Achtern im Rad etc.
Die Technik muss sich an den Menschen anpassen und nicht umgekehrt!

Bewegung und Fahrradfahren mögen gesund sein, aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Fahrradfahren und Abnehmen völlig unterschiedliche Dinge sind.

Durch Wechsel meiner Arbeitsstelle musste ich von einem Tag auf den anderen nicht mehr 7km sondern 12km und seit einigen Jahren sogar 15.5km (einfache Strecke) zur Arbeit fahren.
Jede Zunahme der Wegstrecke sorgte fast gleichzeitig auch für eine Zunahme meines Lebendgewichts!

Wer Sport machen will (soll gesund sein), soll das machen. Wer abnehmen will, wird sich was anderes ausdenken müssen.

Sicher, dass Sie nicht abgenommen haben

Nicht böse gemeint, aber viele Menschen, die mehr Sport treiben, nehmen zu, weil Fett in Muskeln umgewandelt wird und Muskeln schwerer sind.
Natürlich kann es auch sein, dass man mehr isst, weil man durch die gestiegene Betätigung mehr Hunger hat. Dann gleicht sich das natürlich wieder aus.
Zuguterletzt werden auch beim Wiegen viele Fehler gemacht. Man sollte sich unter den gleichen Bedingungen (morgens oder abends, angezogen oder nackt) einmal in der Woche (möglichst am selben Tag) wiegen. So bekommt man ein aussagekräftiges Ergebnis und kann tatsächlich etwas über Gewichtsveränderungen aussagen.