Reisen mit dem RegionalzugVon A nach B

Ralph Geisenhanslüke fährt mit dem Regionalzug von Berlin nach Kołobrzeg. von Ralph Geisenhanslüke

Ein Regional-Express in Berlin

Ein Regional-Express in Berlin  |  © John MacDougall/Getty Images

Berlin-Hauptbahnhof. Es ist noch dunkel. Die Atemwolken der Wartenden steigen in die Morgenluft. Gegen meine Gewohnheit bin ich überpünktlich. Man hat mich gewarnt. Die Zugfahrt von Berlin nach Kołobrzeg, einem polnischen Luftkurort, zählt zu den letzten echten Abenteuern der zivilisierten Welt, sagen Bekannte, die das schon mal gemacht haben. Die Züge seien oft so voll, dass man nicht reinkommt. Reservieren kann man nicht, es fahren nur Regionalzüge. Zwischen mir und dem Wochenende an der polnischen Ostsee liegen, wenn alles gut geht, 280 Kilometer – oder sechs Stunden Bahnfahrt, zweimal umsteigen. Freue mich auf Strandspaziergänge.

Fünf Minuten Verspätung. Zehn Minuten. Die Durchsagen widersprechen sich. Nur in einem sind sie sich einig: »Grund ist die Verspätung eines vorausfahrenden Zuges.« Ob die Zeit in Angermünde zum Umsteigen reicht? Checke mit der Bahn-App. Sie sagt: doch nur fünf Minuten. Plötzlich sehe ich meinen Zug. Am anderen Ende des Bahnsteigs. Ohne Ansage. Ich renne. Und bleibe draußen. Der Schaffner lacht mich durch die geschlossene Tür an. Nehme den nächsten Zug, drei Stunden später.

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Umsteigen in Angermünde. Der Anschlusszug nach Szczecin ist so voll, wie man das von Fotos aus Indien kennt. Nur tragen hier alle dicke Jacken, und niemand lächelt. Man fährt in einer Art Schienenbus. Deutsche Alkoholtouristen bieten polnischen Mädchen Schnaps an. In Stettin Verwirrung: Warum fährt der Zug nach Kołobrzeg nicht am vorgesehenen Gleis? Sehne mich nach einer Durchsage in noch so gebrochenem Englisch.

Von A nach B
Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin

Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin  |  © .marqs/Photocase

Sprint mit Koffer. Türen zischen. Diesmal hinter mir. Fahrkarte nachlösen. Die Schaffnerin kramt schnaufend in ihren Hosentaschen nach Wechselgeld. Sitze zwei Stunden auf meinem Koffer. Der Zug hält überall, wo ein Hund sein Bein hebt. Oft gibt es keinen Bahnsteig. Wälder und Wiesen ziehen gemächlich an den Fenstern vorbei, wie in einem alten Western. Der Polsterstoff der Sitze ist mit fliegenden Möwen bedruckt. Das Buchstabenlaufband über der Tür zeigt nicht nur die nächste Station an, sondern auch, wer heute Namenstag hat. Auf einem Bildschirm glänzen Spezialitäten der polnischen Küche. Würste, Braten, Schinken, Weißkohlköpfe. Offenbar bekommt es den Menschen gut. Am Abend in Kołobrzeg gibt es dann wirklich ausgezeichnete Würste.

Deutsche Bahn Regional-Express:
Berlin–Angermünde, Angermünde–Szczecin

Polskie Koleje Państwowe (Polnische Staatsbahn):
Szczecin–Kołobrzeg, nur 2. Klasse, fährt täglich, Normalpreis: 42,30 Euro, bei Kauf der Fahrkarte in Polen: circa 15 Euro

Ralph Geisenhanslüke ist ZEIT-Autor

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Leserkommentare
  1. ... will uns dieser "Beitrag" sagen?

    Eine Leserempfehlung
    • JWH
    • 04. Januar 2013 17:42 Uhr

    So ist es: Ich muss - leider - dem Autor absolut zustimmen: Diese Strecke ist eines der vielen Regionalbahnabenteuer, und es ist eines der ganz besonderen darunter. Wir fahren die Strecke regelmäßig und können - wiederum leider - bestätigen, dass die Erlebnisse Alltag sind. Einzig das Reiseziel rechtfertigt den Ärger, an den man sich irgendwann ein wenig gewöhnt. Aber nur ein wenig. In der Vorweihnachtszeit benötigten wir für diese knapp 300 Kilometer knapp acht Stunden. Das ist selbst für hartgesottene Bahnfahrer an der Schmerzgrenze, über ein Auto (gleiche Strecke: gut drei Stunden) nachzudenken.

  2. ...Warum gibts dann keine Busfahrten da hin?

  3. fahre ich nicht mit der Bahn.
    Und Stuttgart21 unterstütze ich dann auch nicht unnütz. Prügelkonzern.

  4. Möglicherweise ist der Autor vor einem Jahr unterwegs gewesen. Nach dem Fahrplan, der bei Erscheinen des Artikels gültig ist, gilt folgendes:

    In 5:07 h Reisezeit, EINMAL umsteigen mit einer Umsteigezeit von 1 h in Stettin:
    Ab 8:05 Berlin Gesundbrunnen, in Kolobrzeg 13:12. Der Anschlusszug in Stettin wird eingesetzt, ich denke, wenn man eine Stunde früher da ist, sollte sogar ein Sitzplatz zu erkämpfen sein...

    Weiterhin: Laut bahn.de ist die Strecke in 4:30 zu schaffen.
    Wem die 3 Minuten Umsteigezeit in Angermünde (am Bahnsteig gegenüber) zu kurz sind, nimmt einen Zug eine Stunde früher, auch der Anschlusszug in Angermünde wird eingesetzt und sollte so auf jeden Fall einen Sitzplatz bieten.

    Das ist keine Insiderwissen, dass ist alles auf bahn.de in kürzester Zeit zu gänglich. Wer jetzt noch gerne liest oder Filme schaut oder lernt oder einfach nur aus dem Fenster schaut, der kann wenn er auf das Auto verzichtet bei solch einer Reise fast nur gewinnen.

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  • Schlagworte Deutsche Bahn | Western | Indien | Polen | Berlin | Ostsee
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