Ein Regional-Express in Berlin © John MacDougall/Getty Images

Berlin-Hauptbahnhof. Es ist noch dunkel. Die Atemwolken der Wartenden steigen in die Morgenluft. Gegen meine Gewohnheit bin ich überpünktlich. Man hat mich gewarnt. Die Zugfahrt von Berlin nach Kołobrzeg, einem polnischen Luftkurort, zählt zu den letzten echten Abenteuern der zivilisierten Welt, sagen Bekannte, die das schon mal gemacht haben. Die Züge seien oft so voll, dass man nicht reinkommt. Reservieren kann man nicht, es fahren nur Regionalzüge. Zwischen mir und dem Wochenende an der polnischen Ostsee liegen, wenn alles gut geht, 280 Kilometer – oder sechs Stunden Bahnfahrt, zweimal umsteigen. Freue mich auf Strandspaziergänge.

Fünf Minuten Verspätung. Zehn Minuten. Die Durchsagen widersprechen sich. Nur in einem sind sie sich einig: »Grund ist die Verspätung eines vorausfahrenden Zuges.« Ob die Zeit in Angermünde zum Umsteigen reicht? Checke mit der Bahn-App. Sie sagt: doch nur fünf Minuten. Plötzlich sehe ich meinen Zug. Am anderen Ende des Bahnsteigs. Ohne Ansage. Ich renne. Und bleibe draußen. Der Schaffner lacht mich durch die geschlossene Tür an. Nehme den nächsten Zug, drei Stunden später.

Umsteigen in Angermünde. Der Anschlusszug nach Szczecin ist so voll, wie man das von Fotos aus Indien kennt. Nur tragen hier alle dicke Jacken, und niemand lächelt. Man fährt in einer Art Schienenbus. Deutsche Alkoholtouristen bieten polnischen Mädchen Schnaps an. In Stettin Verwirrung: Warum fährt der Zug nach Kołobrzeg nicht am vorgesehenen Gleis? Sehne mich nach einer Durchsage in noch so gebrochenem Englisch.

Alle Folgen der Serie "Von A nach B" aus dem ZEITmagazin

Sprint mit Koffer. Türen zischen. Diesmal hinter mir. Fahrkarte nachlösen. Die Schaffnerin kramt schnaufend in ihren Hosentaschen nach Wechselgeld. Sitze zwei Stunden auf meinem Koffer. Der Zug hält überall, wo ein Hund sein Bein hebt. Oft gibt es keinen Bahnsteig. Wälder und Wiesen ziehen gemächlich an den Fenstern vorbei, wie in einem alten Western. Der Polsterstoff der Sitze ist mit fliegenden Möwen bedruckt. Das Buchstabenlaufband über der Tür zeigt nicht nur die nächste Station an, sondern auch, wer heute Namenstag hat. Auf einem Bildschirm glänzen Spezialitäten der polnischen Küche. Würste, Braten, Schinken, Weißkohlköpfe. Offenbar bekommt es den Menschen gut. Am Abend in Kołobrzeg gibt es dann wirklich ausgezeichnete Würste.

Deutsche Bahn Regional-Express:
Berlin–Angermünde, Angermünde–Szczecin

Polskie Koleje Państwowe (Polnische Staatsbahn):
Szczecin–Kołobrzeg, nur 2. Klasse, fährt täglich, Normalpreis: 42,30 Euro, bei Kauf der Fahrkarte in Polen: circa 15 Euro

Ralph Geisenhanslüke ist ZEIT-Autor