IndustriegeschichteAlle Farben dieser Welt

1863, vor 150 Jahren, wurden die Chemie-Riesen Bayer und Hoechst gegründet, 1865 folgte die BASF. Alle drei schrieben sie Industriegeschichte.

Dieses Kleid! Diese smaragdgrün schimmernde Seide! Die satte Farbe, die selbst dem Gaslicht der Oper standhält, ohne ins Blau abzudriften! Das Gewand, das Frankreichs Kaiserin Eugénie an jenem Abend Ende des Jahres 1863 trägt, ist sofort Stadtgespräch in Paris. Alle Damen wollen diese Farbe. Nouveau vert nennen die französischen Schneider das Aldehydgrün aus dem neuen Höchster Farbwerk. Bald darauf – so lesen wir in der Firmenchronik – ist es »Mode in der ganzen Welt«.

Im Nachhinein mutet es wie eine Ironie der Geschichte an, dass ausgerechnet die französische Kaiserin vor 150 Jahren der jungen deutschen Chemieindustrie zum Durchbruch verhalf. Aber wahrscheinlich wusste die Gattin von Napoleon III. überhaupt nicht, woher die Farbe für ihr Kleid stammte. Selbst in Deutschland wusste ja kaum einer davon, glaubte lange Zeit keiner an den Erfolg der jungen Industrie. Zwar hatte man schon drei Jahrzehnte zuvor versucht, etwas mit den Kokerei-Abfällen aus den Stahlwerken anzustellen. Man hatte dabei auch die ersten Teerfarben entdeckt – ohne allerdings deren besondere Qualitäten zu erkennen, geschweige denn wirtschaftlich zu nutzen.

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Deutschland galt zur Mitte des 19. Jahrhunderts als nicht sonderlich innovativ. Nach dem Scheitern der Revolution 1849 war die Dynamik der Vormärzzeit zum Erliegen gekommen: Viele kreative junge Leute kehrten der Heimat den Rücken, um ihr Glück in Amerika oder England zu suchen.

Einer von ihnen hieß August Wilhelm Hofmann. Auf Einladung der jungen englischen Königin Viktoria und ihres deutschen Prinzgemahls forschte der Chemiker in London über die »Theerfarben«. Das erste Patent bekam sein Mitarbeiter William Henry Perkin für einen Pink-Ton namens Mauvein, der die Blässe der britischen Damen auf das Vorteilhafteste betonte. Dieses und weitere Patente sorgten auf der Londoner Weltausstellung 1862 für reichlich Gesprächsstoff. »Alle diese Farben von wunderbarer Schönheit entstehen aus dem ekelhaften Theer«, schrieb Hofmann so selbstbewusst wie selbstironisch in einem Bericht über die Schau.

Assistent Perkin warf kurzerhand die Hochschulkarriere hin und machte eine Farbfabrik auf. Weitere Gründungen folgten, weshalb Hofmann von einer »chemischen Revolution« sprach und »volkswirtschaftliche Folgen« für die »Welt im Ganzen« vorhersah.

Jetzt zog man auch jenseits des Kanals nach. Am 30. Januar 1863 taten sich in Höchst bei Frankfurt am Main der Chemiker Eugen Lucius und der Kaufmann Wilhelm Meister zur Teerfarbenfabrik Meister, Lucius & Co. (später Hoechst genannt) zusammen. Sieben Monate später gründete der Seidenwirker-Sohn Friedrich Bayer 200 Kilometer nordwestlich im heutigen Wuppertal das Farbenwerk Fried. Bayer et comp. Und als 1865 schließlich in Mannheim die Badische Anilin- und Sodafabrik (später BASF) den Betrieb aufnahm, gab es allein in Deutschland bereits mehrere Dutzend Farbhersteller.

Ähnlich wie die englischen Fabrikanten begannen auch die Deutschen mit einem Rosé-Ton. Diese erste Farbe wurde sowohl in Höchst als auch bei Bayer und BASF unter dem Namen Fuchsin vermarktet. Danach arbeiteten sich alle mehr oder weniger parallel durch die Palette der Orange-Töne zum Rot vor. Und wenn irgendwo die Synthese einer besonders schwierigen Farbe gelang – wie Ende 1863 in Höchst die Entwicklung des ersten stabilen Grüns, des Grüns der Kaiserin Eugénie –, so stachelte das die Konkurrenz erst recht an.

Der Bedarf war riesig, da sich die breite Masse viele der vorher verwendeten teuren Naturfarben (wie etwa das Blau der indischen Indigopflanze) nicht hatte leisten können. Gerade am Blau jedoch scheiterten über Jahrzehnte alle Chemiker – in England wie in Deutschland. Volle 15 Jahre dauerte es allein, bis der Münchner Professor Adolf Baeyer 1880 die Formel des Indigo entschlüsselte. Weitere 17 Jahre sollten vergehen, bis es der BASF (diesmal mithilfe eines Zürcher Chemikers) gelang, ein geeignetes Produktionsverfahren dafür auszutüfteln.

Der kollektiven Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass just diese Farbe dann zur Allerweltsfarbe, dass der »Blaumann« zur Uniform deutscher Arbeiter wurde und die »Bluejeans« zur Hose der Malocher auf der anderen Seite des Atlantiks. Wobei die ersten Hosen, die der deutsche Auswanderer Levi Strauss 1853 an amerikanische Goldgräber verkaufte, noch keineswegs blau waren. Anfangs verarbeitete er ungebleichtes Segeltuch aus Genua, kurz Genovese genannt – woraus sich das Wort »Jeans« entwickelte. Der Zusatz »Blue« bürgerte sich jedoch erst ein , als die Chemie günstige Farbe verfügbar machte.

Die Weltwirtschaft veränderte sich, ganz wie August Wilhelm Hofmann es in London vorausgesagt hatte. Und die deutsche Chemie arbeitete von Anfang an international. Hoechst hatte ja schon im Jahr der Gründung den ersten Exporterfolg erzielt. Bayer eröffnete wenig später bereits Produktionsbetriebe im Ausland: 1865 im amerikanischen Albany, 1876 dann in Moskau und 1882 im französischen Flers.

Dank BASF und dem Indigo schließlich wurde die deutsche Chemieindustrie zum Weltmarktführer. Hatte BASF 1865 mit gerade mal 30 Arbeitern angefangen, überschritt die Firma 1897 schon die Marke von 5.000 Beschäftigten und sorgte dafür, dass sich die internationalen Warenströme umkehrten: Noch 1896 hatte Deutschland blaue Farbe für fast 20 Millionen Goldmark importiert, sechs Jahre später exportierte es bereits Kunst-Indigo für denselben Betrag (wofür es jetzt allerdings die dreifache Menge Farbe gab).

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