Schwerpunkt: Big DataKeine Fremden mehr

Das ist die Zukunft in unseren Städten: Wir kennen jeden Menschen und die Geschichte eines jeden Ortes. Parkplätze gibt es auch. von Jan Chipchase

Seit einem Jahrzehnt reise ich jetzt um den Erdball, stets im Auftrag von Unternehmen, die in die Köpfe und in die Herzen der Menschen vordringen wollen. Mal war ich in dicht besiedelten Metropolen, mal in fernen Bergdörfern; die Hälfte eines manchen Jahres verbrachte ich in der Luft, auf einer Straße oder auf sonstigen Wegen. Ich reise mit einem Team von Designern, Strategen und Technikexperten, die verstehen wollen, was die Menschen tun und warum: Teenager in Tokio, Hausfrauen auf dem indischen Land, Jungunternehmer in San Francisco. Wir besuchen Hunderte von Haushalten, erstellen Papierberge voller Notizen, nehmen monatelange Videos auf, knipsen Hunderttausende Fotos.

Vor ungefähr acht Jahren noch war meine Arbeit, das Sammeln solcher Informationen, eine Einbahnstraße. Wenn das Gespräch einen bestimmten, geeigneten Punkt erreicht hatte, nahm ich meine Kamera heraus und begann, mein Gegenüber und die ganze Szene ringsherum zu dokumentieren. Als zunehmend selbst in den fernsten Winkeln des Globus Smartphones üblich wurden, kam es häufiger vor, dass zusätzlich zu meiner Kamera auch noch die Mobiltelefon-Kameras meiner Gesprächspartner mitliefen. Unsere Treffen, unsere geteilte Erfahrung, wurden für die Nachwelt aufgezeichnet.

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Heute ist es nochmals anders: Wenn ich in die Welt hinausziehe und meine Forschungen betreibe, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Erfahrung live im Internet verbreitet wird. Fotos werden online gepostet, ich erhalte Freundschaftsanfragen meiner Gesprächspartner in Sozialen Netzwerken und so weiter.

Jan Chipchase

ein gebürtiger Brite, leitet die Abteilung Global Insights bei der Design- und Produkterfindungsfirma frog.

Die Verbindung der Menschen über das Internet verändert also fundamental meine Arbeit. Und das ist nur ein Beispiel: Die connectivity unserer Welt, ihre Verbundenheit und Vernetztheit, verwandelt die Dynamik gesellschaftlicher Interaktionen in sehr vielen verschiedenen Zusammenhängen. Das wird unsere Zukunft wesentlich verändern.

In einer Welt voller Techniken, die uns laufenden Kontakt über das Internet erlauben, in der Gesichtserkennung immer besser funktioniert und dergleichen mehr, wird selbst unser Alltag auf der Straße, irgendwo in irgendeiner Stadt, ein anderer sein als je zuvor. Früher waren Passanten auf der Straße für uns Fremde, in aller Regel. Doch sehr bald schon werden Informationen über diese Menschen bloß noch einen Klick weit entfernt sein.

Wie wird sich die Dynamik sozialer Ereignisse wandeln, wenn wir jemanden nur noch anzuschauen brauchen, um seine Geschichte, seine Freunde, sein polizeiliches Führungszeugnis aus dem Internet zu beziehen? Einen ähnlich einschneidenden Wandel der zwischenmenschlichen Beziehungen sollten wir auch für den Arbeitsplatz, für den Handel, bei der Partnersuche erwarten. Überall dort, wo Menschen sich treffen und sich austauschen.

Doch auch das ist noch nicht alles. Die connectivity verändert auch das, was wir Erlebnisse nennen.

Mithilfe von Diensten wie Instagram können Sie sich heute an einen beliebigen Ort auf der Welt stellen und über das Internet jedes Foto finden, das jemals an denselben geografischen Koordinaten aufgenommen und dann hochgeladen wurde – zusammen mit dem Kontext der jeweiligen Aufnahme, mit der Tageszeit, dem Winkel der Kamera, sogar mit den einzelnen Kameraeinstellungen. Wir erfahren auch, welche dieser Fotos am weitesten durch Soziale Netzwerke weitergereicht wurden, welche besondere Beliebtheit erfuhren oder besonders viele Bemerkungen provozierten. Wir bekommen also einen Sinn dafür, wie interessant diese Bilder sind und für wen.

Wenn eine Kamera jetzt aber laufend technische und soziale Informationen über die Welt rings um sie herum einholt und sie ihrem Besitzer auch mitteilt – wie beeinflusst das wiederum, was überhaupt in Zukunft noch aufgezeichnet wird und wie man es anderen Menschen präsentiert? Wie verändert es die Wahrnehmung des Hier und Jetzt?

Das sind die philosophischen Probleme; es gibt auch noch eine Reihe praktischer Fragen.

Connectivity, die ständige Vernetzheit der Menschen in einer Stadt, lässt neue Märkte entstehen – die in manchen Fällen nach ganz neuen Regeln funktionieren werden.

Eines der handfestesten und zugleich leidvollsten Probleme des heutigen Stadtlebens ist die ständige Suche nach einem Parkplatz. In manchen Megastädten ist die Infrastruktur schwer unterentwickelt und wird es auch vorerst bleiben, aber die Zahl der Autos nimmt rapide zu.

Und nun stellen Sie sich vor, Sie müssten in einer nahen Zukunft trotzdem nie mehr einen Parkplatz suchen.

In einer vernetzten Welt weiß Ihr Auto nämlich schon vor Antritt der Fahrt, welches Restaurant Sie gebucht haben. Es kauft die entsprechende Parkzeit im Voraus bei der Parkuhr an einem nahe gelegenen Parkplatz. Es weiß aus Erfahrung, wie viel Sie dafür zu zahlen bereit sind, wie weit Sie zu Fuß gehen würden, ob die Gegend geeignet zum Laufen ist und wie lange Sie wohl in dem Restaurant essen werden.

Okay, werden Sie sagen: Das kann nicht funktionieren. In einer großen Stadt wird man unweigerlich ab und zu im Verkehr stecken bleiben, oder auf Ihrem vorausschauend reservierten Parkplatz steht ein anderes Auto, dessen Besitzer mit seinen Terminen nicht hinterhergekommen ist.

Beginnen wir mit dem ersten Szenario. Es gibt also einen Stau, und Sie kommen zu spät – aber in einer vernetzten Welt werden eben auch dynamische Märkte möglich. Ein schlaues Auto wird vor dem geplanten Ankunftstermin und nach der geplanten Abfahrt aus dem Restaurant sicherheitshalber ein wenig Extraparkzeit eingekauft haben. Sobald es feststellt, dass es diese Extrazeit nicht braucht, verkauft es die Parkzeit wieder auf dem offenen Markt.

Und das zweite Szenario, in dem der vorgesehene Parkplatz noch von einem anderen Auto besetzt ist? Heute ist das ja im Allgemeinen so geregelt, dass man eine Strafe zahlen muss, wenn die Parkzeit abläuft und das Auto noch immer dasteht. Das Geld geht an die zuständige Behörde. Aber in einer vernetzten Welt kennt man auch den Fahrer, der für die Unannehmlichkeit verantwortlich ist – man ist sogar über ein gemeinsam genutztes Buchungs- und Bezahlsystem mit ihm vernetzt. In vielen Fällen werden die Autos das untereinander ausmachen können. Das Auto des Falschparkers bucht einen alternativen Parkplatz für Sie und kann Sie für die erlittenen Unannehmlichkeiten auch entschädigen.

Diese neuen Arten von Verbindungen, die über zukünftige kluge Buchungssysteme und Bezahlmechanismen zustande kommen, werden also nebenbei recht grundsätzlich verändern, was in unserer Gesellschaft als sozial oder als unsozial gilt.

Vernetzung zwischen Menschen und Dingen zu schaffen und zwischen Dingen und anderen Dingen, das wird dabei zu einer Aufgabe werden, die völlig neue Arten von Unternehmen hervorbringt und blühen lässt. Wir werden also künftig anders leben und wirtschaften – überall, auf der ganzen Welt. Connectivity wird zum großen Veränderer der Gegenwart.

Aus dem Englischen von Thomas Fischermann

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