Bremer KaufmannschaftUnter Männern

"Eiswette", "Schaffermahlzeit", "Tabak-Collegium": Alle Jahre wieder feiert die Bremer Kaufmannschaft. Frauen müssen draußen bleiben. Man nennt das Traditionspflege. von Gaby Mayr

Im Bremer Wirtschaftsbürgertum ist wieder einmal die hohe Zeit des Fracklüftens angebrochen. Ob bei Schaffermahlzeit oder Eiswette, beim Bremer Tabak-Collegium oder beim Stiftungsfest des Ostasiatischen Vereins, immer noch gilt: Frauen müssen draußen bleiben.

Während altehrwürdige Men-only-Häuser wie der Münchner Herrenclub, der Übersee-Club und der Anglo-German Club in Hamburg oder der Düsseldorfer Industrie-Club sich für Frauen geöffnet haben, festigt Bremen mit großkalibrigen Festivitäten seinen Ruf als Kapitale der Männerbünde.

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Da ist die Eiswette am 19. Januar, mit 750 Teilnehmern die größte Männeransammlung und mit dem Alleinstellungsmerkmal »Raupipau« gesegnet: der legendären Rauch- und Pinkelpause. Beim inoffiziellen Höhepunkt des siebenstündigen Ess- und Redemarathons begegnet man sich zwanglos am Urinal, kann Geschäfte anschieben und Karrieren absprechen. »Der Charme der Eiswette liegt in der Verbindung von Marketing, Modernität und Tradition«, sagt Peter Braun, ein Personalberater, der über viele Jahre hinweg Eiswettpräsident gewesen ist.

In diesem Jahr sind Bahnchef Rüdiger Grube und Daimlerchef Dieter Zetsche als Ehrengäste eingeladen. Beide predigen in ihren Unternehmen Vielfalt, diversity . Dazu gehört nach herrschendem Verständnis auch: mehr Frauen auf allen Ebenen. »Darauf legen wir großen Wert«, sagt ein Bahnsprecher und versichert im selben Atemzug, dass sein Chef die Einladung zur Eiswette »gerne angenommen« habe. Daimler fördert Diversity-Programme, die Ingenieurinnen umwerben – wie passt dazu der Auftritt von Herrn Zetsche bei einer frauenfreien Veranstaltung? Der Konzernsprecher wird ungehalten: »Es hat eine Zusage zu dieser Traditionsveranstaltung gegeben, Punkt.«

Warum schließen Männer Frauen kategorisch aus? »Traditionspflege«, lautet die gängige Antwort. Die Ethnologin Gisela Völger hat das Phänomen weltweit erforscht. Die pensionierte Direktorin des Kölner Völkerkundemuseums bringt es auf einen Nenner: männliches Machtstreben. »Es geht um die Hierarchisierung der Geschlechter, eine Zweiklassengesellschaft.«

Mitglieder der hiesigen Oberklasse treffen sich dreimal im Jahr auf Einladung des Bremer Tabak-Collegiums (BTC), das vor sechzig Jahren die inzwischen untergegangene Bremer Tabakfirma Martin Brinkmann erfunden hat. Der Termin ist in diesem Jahr schon absolviert, der Chefredakteur der ZEIT war zum Vortrag geladen. Nun freut man sich auf zwei anstehende Auswärtstermine. Sie finden vorzugsweise in Schlössern oder historischen Rathäusern statt. Das Gestühl wird eigens antransportiert und nach einer festen Regel aufgestellt. Die Herren essen, trinken und rauchen, hören einen Vortrag und reden darüber. Für einen guten Zweck wird nicht gesammelt. Berichterstattung ist unerwünscht. Die Gäste sollen sich völlig frei fühlen, teilt das Tabak-Collegium mit.

An die vierzig Unternehmen finanzieren das Collegium. Welche das sind, verrät das BTC nicht. Siemens, Daimler, KPMG, Reemtsma, Deutsche Bank, Commerzbank und Credit Suisse sollen dazugehören. Wer zahlt, darf leitende Herren und deren Gäste zu den Zusammenkünften schicken. Teilnehmer aus Politik, Wissenschaft, Justiz, Medien und Kirchen müssen sich nicht einkaufen. Wirtschaftsdekan Karl-Heinz Paqué von der Universität Magdeburg, die offiziell »Chancengleichheit für Frauen und Männer« propagiert, betrachtet den Ausschluss von Frauen »nicht als eine Form von Diskriminierung«. Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing, würde »nicht auf eine Veranstaltung gehen, bei der nur hellhäutige Menschen zugelassen sind«. Er habe nicht erkannt, sagt er selbstkritisch, dass der Ausschluss von Frauen vergleichbar sei.

Das älteste und hochrangigste Bremer Männerfest ist die Schaffermahlzeit, ausgerichtet von der Stiftung Haus Seefahrt am zweiten Freitag im Februar. »Wenn man dazugehört, ist das eine große Ehre und Freude«, schwärmt Otto Lamotte, der in dritter Generation ein internationales Handelsunternehmen führt. Gemeinsam mit zwei Kollegen »schaffte« er im Jahre 2011: Er bezahlte alles für die 300 Gäste im Festsaal des Alten Rathauses. Diese finanzstarken drei sammeln immer auch Spenden zugunsten mittelloser Kapitänswitwen und des nautischen Nachwuchses.

Leserkommentare
  1. muss heutzutage alles abgeschafft werden, wo Männer unter sich sind.

    Manchmal wird mir das zuviel. vor allen Dingen, wenn ich als Mann ständig von Frauen dumm angemacht werde, dass ich doch nicht multitaskingfähig sei.

    In der Tat stimmt das sogar sehr, aber die meisten wissen das in dem Moment gar nicht und es ist sehr beleidigend.

    Dazu kommt, dass ich persönlich strikt dagegen bin, Menschen pauschal etwas vorzuwerfen, vor allen Dingen, wenn sie noch nicht mal was dafür können.

    Aber ja, ein Hoch auf unsere deutschen Frauen!
    Sollen sie doch auf diese Veranstaltung gehen und viel Essen und Geld spenden. Es schreit ja wirklich zum Himmel....... !

  2. und wahrscheinlich mehr als die meisten Frauen. Das ist einfach eine Trainignssache.

    Und die Frauen, die Sie , lieber Otto, ansprachen, meinten wahrscheinlich mulit-talking-fähig.

    Leider geht uns Männern eben das Babbel-Gen ab (wie man bei uns in der Pfalz sagt )))

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  • Schlagworte Bremen | Frauenrechte | Diskriminierung
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