Fragen Sie Dr. Notter!Sehr geehrter Herr Notter,

wie finden Sie eigentlich die alljährlichen Prognosen von Politikern und Journalisten? Machen Sie das auch?

Verena Zweimüller, Zürich

Kaum haben wir die Jahresrückblicke überstanden, kommt die Frage nach den künftigen Herausforderungen. Ein beliebtes alljährliches Ritual. Dabei hat beides mehr miteinander zu tun, als man auf den ersten Blick meint. Die Rückschau dient ebenso der Selbstvergewisserung wie die Vorhersage. Man will sich in einer unsicheren Welt an etwas halten können. Der Jahresrückblick ruft noch einmal in Erinnerung, was war. Dabei geht man aber selektiv vor. Durch die Auswahl wird die Vergangenheit gestaltet. Das kennt man auch aus der Geschichtsschreibung: Nur was für die Gegenwart wichtig erscheint, wird erinnert. Und weil sich die Gegenwart verändert, ändert sich die Geschichte. Sie ist nicht ein für alle Mal erzählt. Sie muss mit Bezug auf die Gegenwart immer wieder neu erzählt werden.

Ähnlich ist es mit Prognosen. Sie werden mit Blick auf die Gegenwart gemacht. Man will jetzt wissen, wie es künftig sein wird, um sich darauf vorbereiten zu können. Aber das ist nicht die einzige Motivation für Prognosen. Eine Vorstellung von der Zukunft zu haben ist ein menschliches Bedürfnis.

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Ich habe mich lange gewundert, weshalb die Wettervorhersagen in unserer technisierten Welt immer noch einen so großen Stellenwert haben. Die meisten von uns müssen keine Ernte vor Hagel oder Sturm schützen. Wir sitzen doch nur im Büro und merken gar nicht, was draußen für Wetter ist. Gleichwohl sind die Wettervorhersagen die meistgesehenen Sendungen im Fernsehen. Der Aufwand an Grafik und Animation wird laufend verbessert. Man kann mit Wetterprognosen sogar berühmt werden. Die bloße Möglichkeit, eine Aussage über die Zukunft zu machen – und sei es auch nur zum Wetter –, unterscheidet uns von allen anderen irdischen Geschöpfen. »Ich prognostiziere, also bin ich.«

Markus Notter

Der Autor ist Alt-Regierungsrat, Präsident des Zürcher Europa-Instituts und ZEIT-Kolumnist.

Im Bereich menschlichen Verhaltens und gesellschaftlichen Zusammenlebens sind Prognosen viel schwieriger. Gerade große Veränderungen werden nur selten vorhergesehen. Die meisten Prognosen schreiben die Vergangenheit linear weiter. Die Faktoren sind so vielfältig, dass genaue Prognosen fast unmöglich sind. Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs gab es immer wieder Spannungen, und einige Regierungen gingen mittelfristig von einer größeren kriegerischen Auseinandersetzung aus. Aber im Juni 1914 schien die internationale Lage ruhig, und kein Außenministerium rechnete mit Problemen. Selbst nach der Ermordung der österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 änderte sich das nicht grundsätzlich. Auch in der Vergangenheit waren immer wieder politische Würdenträger ermordet worden.

Fragen Sie Dr. Dr. H. C. Notter!

Markus Notter beantwortet wöchentlich die Fragen der Leserinnen und Leser zur Lage der Nation. Richten Sie Ihre Frage per E-Mail an zeitschweiz@zeit.de.

Gut fünf Wochen später befand sich ganz Europa (mit Ausnahme der Schweiz, Spaniens, der Niederlande und der skandinavischen Länder) in einem fürchterlichen Krieg. Im Nachhinein versuchte man das zu erklären. Es sollen an die 5000 Bücher dazu geschrieben worden sein. Die Meinungen gehen bis heute auseinander, auch wenn die Fakten umfassend bekannt sind. Nicht nur die Vorschau, auch die Rückschau ist schwierig.

Ich werde mich also hüten, hier große Prognosen zu verbreiten. Man wird aber nicht fehlgehen können, wenn man prophezeit, dass der Schweiz die meisten Themen des vergangenen Jahres im neuen erhalten bleiben werden. Nichts wurde dauerhaft erledigt. Wir bleiben dran.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Dr. Markus Notter

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 3.1.2013 Nr. 02
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