Seit Jahrzehnten reisen Cees Nootebooms Figuren durch die Welt. Sie denken oft an den Tod, sind empfänglich für Überraschungen, Seitensprünge, irdische und außerirdische Begegnungen, leiden dennoch an der Leere des Lebens und denken leidenschaftlich gern, ja, sie sind total versessen darauf. Ihr größtes Talent ist das riskante Fantasieren.

Eine läppische Papierserviette des Münchner Fischrestaurants Poseidon übernimmt in diesem Brief-Roman die Rolle des Deus ex Machina. Dreiundzwanzig Briefe schreibt Nooteboom an Poseidon, den Gott des Meeres.

Der briefschreibende Ich-Erzähler sammelt seine Beobachtungen an vielen Schauplätzen der Welt, Flughäfen, Parks, Restaurants, und freut sich wie ein Kind, dass der Unsterbliche nicht antworten kann: »Deine beste Eigenschaft«. Viele Götter tauchen in dieser privaten Göttergeschichte auf. Desweiteren fuchshaarige Frauen von der Straßenecke, Theologen aus dem 12. Jahrhundert, Beckett und Hölderlin, das Nooteboom-Haus in Menorca, der Felsen, auf dem Nooteboom gerne sitzt.

Produktive Abschweifungen nennt man das, Exkurse, die in kleinen Rationen genossen werden sollten. Im Gesamtblick wird klar, was für ein Unternehmen dieses Buch geworden ist: eine private Mythologie, eine Sammlung von Lebens- und Leseeinsichten, manchmal bildungsschwer, in den besten Sequenzen durch Selbstironie erheiternd und in der unbedingten Subjektivität wahrhaftig.

Briefe an Poseidon ist ein Buch über Nootebooms Gehirn. Oder, weniger großspurig, darüber, was dieses Gehirn mit Dingen, Begegnungen, Beobachtungen anstellt und was der Schriftsteller Nooteboom daraus macht. Es ist poetisch und klug. Es zeigt, wie sich die Dinge der Wahrnehmung und des Geistes miteinander vertragen oder gegenseitig abstoßen.