Als die Enthüllungsplattform WikiLeaks im Jahr 2010 mehr als 90.000 geheime Dokumente aus dem Afghanistankrieg an die Öffentlichkeit brachte, war Simon Rogers mit dabei. Er ist einer der Journalisten, die sich durch Tausende Protokolle gearbeitet haben. Einer der Spezialisten, die riesige Datenmengen auf ihre Echtheit geprüft und für die Leser aufbereitet haben.

Rogers ist Redakteur beim britischen »Guardian« und einer der bekanntesten Datenjournalisten überhaupt. Er schreibt nicht nur, vor allem sammelt er Statistiken und wertet sie so aus, dass die Leser sie verstehen. Er leitet das »Datablog« des »Guardian«, eine Internetseite, auf der er und sein Team Unmengen an Daten sammeln und abstrakte Zahlen in anschauliche Grafiken verwandeln.

Die Leser bezieht Rogers in die Recherche ein. 2009 zum Beispiel gab es einen Spesenskandal im britischen Unterhaus. Die rund 400.000 Dokumente, die den Schmuh beweisen sollten, stellte Rogers ins Netz – und forderte die Leser auf, bei der Auswertung der Unterlagen zu helfen. Für 2012 wurde Rogers von der Royal Statistical Society zum Onlinejournalisten des Jahres gewählt. Leute wie er sind der Grund dafür, dass Journalisten aus der ganzen Welt auf den »Guardian« verweisen, wenn sie von modernem Onlinejournalismus sprechen.

DIE ZEIT: Herr Rogers, wenn man das Datablog aufruft, steht da auf der Startseite: »Fakten sind heilig.« Was bedeutet das?

Simon Rogers: Das ist eine uralte Journalistenweisheit von C. P. Scott, einem berühmten Guardian-Herausgeber. Der hat mal gesagt: »Der Kommentar ist frei, die Fakten sind heilig.« Dieser Satz ist fast 100 Jahre alt, aber ich finde, man kann damit wunderbar erklären, wie sich das Internet in den letzten Jahren verändert hat. Früher ging es im Netz vor allem darum, seine Meinung zu äußern. Jeder hat überall irgendwas kommentiert. Heute scheinen sich die Leute nicht nur für Meinungen zu interessieren, sondern für Daten und Fakten.

ZEIT: Welche Daten veröffentlichen Sie in Ihrem Blog?

Rogers: Oft schauen wir uns an, was mit öffentlichen Geldern passiert. Wir wollen wissen, wie viel für den Afghanistaneinsatz ausgegeben wird, für unser Gesundheitssystem oder für Bildung und wohin es fließt. Unsere Leser wollen erfahren, wer von diesem Geld profitiert. Ein anderes Beispiel ist das Massaker, das in der Grundschule im amerikanischen Newtown geschah: Es gab jede Menge Artikel über die Waffengesetze und über die Frage, ob man sie verschärfen sollte. Wir haben unseren Lesern erst einmal ganz einfache Dinge gezeigt: Wie viele Waffen gibt es in den USA? Wie viele Schießereien?

ZEIT: Woher erhalten Sie die Daten?

Rogers: Die meisten unserer Daten sind Regierungsdaten, und die sind meist frei zugänglich. Trotzdem kann es mühsam sein, sie auszuwerten. Die Jahresberichte, die wir durchkämmen, kommen als PDF-Datei, und PDFs sind nicht besonders praktisch, wenn man mit den Zahlen arbeiten will. Wir ziehen also die Daten aus jedem einzelnen Bericht der Ämter und Ministerien raus und analysieren sie.

ZEIT: Was machen Sie mit den Daten?

Rogers: Wir filtern heraus, was wichtig ist. Dann setzen wir uns mit den Infografikern zusammen und überlegen, wie wir die Zahlen so visualisieren können, dass man sie schnell versteht.

ZEIT: Warum schreiben Sie nicht einfach einen Text?

Rogers: Weil sich viele interessante Zusammenhänge mit Worten schwer erklären lassen. Ein Text über die Gesundheitsausgaben zum Beispiel wird schnell langweilig. Das ist ein sperriges Thema, voller Zahlen. Eine gute Grafik zeigt auf einen Blick, wohin das Geld fließt und wer am meisten davon hat. Eine Grafik sieht schön aus, es macht Spaß, sie anzuschauen, und man lernt etwas dabei. Wenn man lange Texte mit Infografiken anreichert, wird die Geschichte stärker. Und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Leser hängen bleibt und den Text tatsächlich liest. Eine gute journalistische Geschichte muss nicht mehr zwingend ein Artikel mit 2.000 Wörtern sein. Sie kann auch eine Infografik sein. Manchmal ist es sogar nur ein einziger Fakt, eine einzelne Zahl, die eine Geschichte zum Leben bringt. Die gilt es herauszupicken und geschickt zu visualisieren.

ZEIT: Sie stellen oft riesige Mengen an Rohdaten auf Ihr Blog. Warum?

Rogers: Heutzutage trauen viele Leute uns Journalisten nicht mehr. Wenn wir die Daten offenlegen, die hinter unseren Geschichten stecken, wenn wir transparent machen, woher wir unsere Fakten haben, dann stärkt das unsere Glaubwürdigkeit.

ZEIT: Beziehen Sie die Internetnutzer in Ihre Arbeit ein?

Rogers: Ja. Wir recherchieren zwar selbst Daten, aber wir zeigen fast jeden Tag auch Grafiken und Tabellen von anderen Internetseiten, wenn wir finden, dass unsere Leser sich das anschauen sollten. Wir produzieren nicht nur, wir filtern und sortieren. Das ist recht neu für Journalisten. Redaktionen und Verlage sind es gewohnt, ausschließlich eigene Sachen zu veröffentlichen. Wir aber wollen einen Dialog schaffen, wir wollen gemeinsam mit unseren Lesern über die Daten diskutieren.

ZEIT: Wie machen Sie das genau?

Rogers: Wir stellen Daten auf unsere Seite, die wir interessant finden, und fragen: Was denkt ihr darüber? Oft melden sich Wissenschaftler oder Statistiker, die sehr viel mehr über diese Daten wissen als wir. Der Journalismus wandelt sich gerade gewaltig, er ist nun keine Einbahnstraße mehr. Es geht nicht mehr darum, dass ich als Journalist dem Leser etwas erzähle. Es geht darum, dass ich meine Leser motiviere, mit mir zusammen zu recherchieren. Wenn wir die Leser an unseren Recherchen beteiligen, dann werden wir besser.