Regiedebüt "Quartett" : Hoffman gegen Hoffman

Jahrzehntelang rang der Schauspieler mit sich selbst: Habe ich das Talent zum Regisseur? Mit 75 legt er nun sein Regiedebüt vor.
Dustin Hoffmann bei der Premiere seine Films "Quartett" in London © Andrew Cowie/AFP/GettyImages

Dustin Hoffman sitzt in einem Londoner Hotelzimmer und kann es selbst nicht glauben. Er ist jetzt 75, und demnächst kommt sein Regiedebüt ins Kino, Quartett heißt der Film. Hoffman hat die Arme verschränkt und atmet einmal tief ein. Dann sagt er: »Ich habe wie jeder Mensch meine Dämonen, gegen die ich kämpfen muss. Einer dieser Dämonen war das Regieführen. Und jetzt, da ich es endlich gemacht habe, frage ich mich: Warum habe ich so lange gewartet?«

Zum ersten Mal tauchte der Dämon 1978 auf. Hoffman war ein Star in Hollywood. 1967 war er durch die Reifeprüfung weltberühmt geworden, als er sich von jener Mrs. Robinson verführen ließ, die Simon & Garfunkel auf dem Soundtrack besangen. 1976 hatte er mit Robert Redford in den Unbestechlichen die Watergate-Enthüller gespielt, die Präsident Nixon stürzten. Doch sein großer Traum war, einmal selbst Regie zu führen.

Er war dabei, sich diesen Traum zu erfüllen: Stunde der Bewährung, das Porträt eines Gangsters, sollte 1978 sein Regiedebüt werden. Hoffman liebte die Geschichte, ein Insasse des Gefängnisses von San Quentin hatte sie geschrieben. Hoffman war auch Hauptdarsteller und an allen Produktionsdetails beteiligt. »Ich hatte das Casting gemacht und mit den Autoren gemeinsam am Drehbuch gearbeitet. Es war einfach mein Film.« Was ging schief? »Wir hatten bereits begonnen zu drehen, da bekam ich es mit der Angst zu tun.«

"Ich habe mich selbst gefeuert"

Jedes Mal, wenn eine Szene gedreht war, bekam Hoffman unterschiedliche Reaktionen von seiner Crew, mal schüttelte der Kameramann den Kopf, mal der Aufnahmeleiter, »ich wusste nicht, auf wen ich mich verlassen sollte«. Er war verwirrt, überfordert, zauderte. Dann gab er auf. »Ich habe mich selbst gefeuert.« Die Regie übernahm ein Freund. »Heute weiß ich, dass das falsch war«, sagt Hoffman. »Diese Doppelbelastung hat auch Orson Welles nicht davon abgehalten, Citizen Kane zu drehen. Ich bin kein Orson Welles, aber ich habe die Entscheidung damals aus Angst getroffen. Es war mein Fehler. Von da an galt ich in Hollywood als der Typ, der es nicht gepackt hat.« Wenn man ihm zuhört, denkt man: Vor allem hat er das selbst geglaubt.

In den Jahrzehnten danach hat Dustin Hoffman wieder und wieder mit sich gerungen, ob er es nicht doch versuchen sollte als Regisseur, wieder und wieder wurde er auch von Journalisten danach gefragt. Und wieder und wieder sagte er: »Dazu fehlt mir das Talent.«

Selbst bei Tootsie, einem Stoff, den Hoffman mitentwickelt hatte, dem Film über einen erfolglosen Schauspieler, der alles dafür tut, arbeiten zu dürfen, eine der vielen großen Rollen seiner Karriere, traute er es sich am Ende doch nicht zu. »Obwohl ich wirklich lange dachte: Bei Tootsie wirst du Regie führen.«

Engagiert wurde dann Sydney Pollack, und der Streit zwischen ihm und Hoffman während der Dreharbeiten wurde legendär. »Sydney stieß zu der Produktion in der allerletzten Minute dazu, wir mussten ihn überreden. Er zögerte, er habe keine Erfahrung mit Komödien, sagte er. Schließlich haben wir ihn doch überzeugt.«

Was war dann das Problem? »Es gibt zwei Arten Regisseure: Die einen wollen einen Film gemeinsam mit den Schauspielern entwickeln – die anderen wollen das nicht. Es stellte sich heraus: Sydney gehörte zur zweiten Gruppe.« Und so knallten die zwei Männer Tag für Tag aufeinander. Es waren zwei Regisseure am Set, einer zu viel. »Jeder von uns beiden hatte einen anderen Film im Kopf. Wir haben uns zwar nie vor den anderen gestritten, aber wir haben uns jeden Morgen, vor Beginn der Dreharbeiten, in einem der Wohnwagen getroffen und diskutiert.« Die beiden wurden sich selten einig, es wurde so kompliziert und nervenaufreibend, dass Bill Murray diese Wochen später als »Höllenritt« beschreiben sollte. Eines Tages lenkte Pollack ein. »Plötzlich kommentierte er meine Vorschläge nicht mehr mit ›Nein! Nein! Nein!‹, sondern mit einem leisen ›Ja, ja‹.« Hoffman wurde misstrauisch: »Warum sagst du ›ja, ja‹, du wirkst nicht überzeugt.« – »Weil ich dich so schneller vor die Kamera bekomme.«

Als Tootsie längst ein Erfolg war, sagte Pollack, er würde mit Hoffman, wenn überhaupt, erst »nach einer sehr langen Pause« wieder drehen. »Sechs Jahre später habe ich ihn gefragt, ob er die Regie von Rain Man übernehmen würde«, sagt Hoffman, der neben Tom Cruise die Hauptrolle spielte. »Sydney hat abgelehnt.« Die Fehde mit Pollack trägt bis heute dazu bei, dass Hoffman in Hollywood den Ruf hat, kompliziert zu sein. Oder ist kompliziert nur eine Umschreibung für extrem perfektionistisch?

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Kommentare

9 Kommentare Kommentieren

witzig

Dusty als Regisseur ?
Das kann doch nur ein Treppenwitz der Geschichte sein!
Bei allem Respekt, aber welcher Logik folgt der Filmbetrieb. So wie ein guter Fussballspieler nur sehr selten ein guter Trainer sein kann, darf man von einem begnadeten Schaupsiel kaum jemals höhere Weihen auf dem Regiestuhl erwarten.
Dass er nun bis zu seinem 75. mit seinem Vorhaben auf sich warten ließ, nenne ich eine kluge Entscheidung :-)

Ach, die Musik

Nein, das kann einem nicht gefallen! Es ist ein Film über SängerInnen. Im Altersheim, nicht neu ( la bacio di tosca), aber marktgerecht- bei über 22 Mio Senioneren. Wenn die im Kino ( über 90%) über Gedächtnisausfall lachen, wehren sie sicher ihre eigenen Ängste ab.

Ach so, die Musik. Grausam, wie sie für den Film verstümmelt wird, das Brindisi aus der Traviata auf 10 sec. eingekürzt.
So bewegend es ist, der nunmehr 76jährigen Damen G.Jones zuzuhören, so unangemessen ist, das im Mittelpunkt des Film stehenden Quartetts aus dem Rigoletto für vier Höchstkönnern singen zu lassen. Pavarotti,Sutherland,Milnes und Tourengeau singen perfekt. Damit ist der ganze Witz weg. Vier alte wagen sich auf die Bühne und singen mit ihren Rest-Stimmen dieses Werk.

Nein musikalisch ist dieser Film kaum geniessbar.